Flammende Nr. 10
Wie stehen wir Kommunist*innen zu Krieg? Was meinen wir mit „gerechten (Verteidigungs-) Kriegen“? Vor welche Aufgaben stellt uns die heute stattfindende Aufrüstung? Dieser Artikel möchte einführende Antworten auf diese großen und heute leider sehr dringenden Fragen geben.
Vorweg: Aus marxistischer Perspektive ist Krieg vor allem eine Zuspitzung der politischen Verhältnisse und damit auch des Klassenkampfes. Wenn die Interessen der herrschenden Klassen nicht „gewaltlos“ erreicht werden können, müssen sie mithilfe des Militärapparats mit Gewalt durchgesetzt werden. Krieg ist die Fortsetzung der Politik und keineswegs irrationale Grausamkeit, die aus grundlosem Hass auf eine andere Nation entsteht. Kommunistische Politik muss in einem Krieg genauso die konsequente Fortführung des Klassenkampfes von unten sein, wie sie vonseiten der Kriegstreibenden die Aufrechterhaltung der herrschenden Ordnung und die Erfüllung von Kapitalinteressen, also Klassenkampf von oben, ist.
Dementsprechend gibt es auch keine pauschale Antwort auf die Frage: Was tun wir als Kommunist*innen, wenn Krieg ausbricht? Schließlich kommt es auf die Bedingungen und den Charakter des Kriegs an. „Der Marxismus ist keine pazifistische, sondern eine revolutionäre Lehre. Sie ‚anerkennt‘ den Krieg, der den Charakter eines Befreiungskrieges trägt“, schreibt der Bolschewik Sinowjew 1915/16 in „Der Krieg und die Krise des Sozialismus“. Wenn ein Krieg die Fortführung einer Politik darstellt, die wir in Friedenszeiten unterstützt haben – zum Beispiel die Bestrebung einer Kolonie nach Unabhängigkeit – so werden wir die Erreichung dieses Ziels weiterhin unterstützen, auch wenn sich die Auseinandersetzung auf die bewaffnete Ebene verlagert. Auf den folgenden Seiten wollen wir diese Position historisch ausführen und ihre Bedeutung für uns heute, zum Beispiel im Kampf gegen die imperialistische Aufrüstung, klarstellen.
Gerechte und ungerechte Kriege
Anders als Pazifist*innen lehnen wir Kommunist*innen den Krieg nicht pauschal ab, sondern erkennen 1.) an, dass Kriege unvermeidlich aus der kapitalistischen Konkurrenz erwachsen, 2.), dass es gerechtfertigte und „gerechte“ Kriege geben kann. Denn „der Krieg ist eine bloße Fortsetzung der Politik mit anderen Mitteln“, wie schon der Militärtheoretiker Carl von Clausewitz feststellte. Wie es gerechte und ungerechte Politik gibt, so gibt es auch gerechte und ungerechte Kriege. Daraus ergeben sich ein paar Fragen:
Erstens: Was heißt „gerecht“, was heißt „historisch fortschrittlich“? Gerecht ist, was der Befreiung der Arbeiter*innenklasse und Unterdrückten von Ausbeutung und Unterdrückung hilft. Auf der Ebene von Staaten und Nationen existiert diese Ausbeutung und Unterdrückung in Form imperialistischer Hegemonie. Das Interesse unterdrückter Nationen am Ende ihrer Unterdrückung ergibt zwar an sich keine sozialistische Forderung, sondern verbleibt im bürgerlich-demokratischen Rahmen, muss aber – wie auch andere bürgerlich-demokratische Forderungen (Wahlrecht, Gleichberechtigung, etc.) – von Kommunist*innen aufgegriffen und verteidigt werden. Ein gerechter Krieg ist ein solcher, der uns näher an das Ziel der sozialistischen Revolution bringt, die Bedingungen der Ausgebeuteten und Unterdrückten für ihre Befreiung verbessert.
Zweitens: Woher wissen wir, welches Ziel ein Krieg verfolgt? Diese Frage ist um einiges schwieriger zu beantworten (und wir sehen, wie linke Organisationen wie bürgerliche Politolog*innen an der Frage des Kriegs in der Ukraine zerbrechen). Mehrere Fragen können uns hier bei der Einschätzung helfen, hinter die ideologisch verklärten Motivationen von Kriegen zu blicken:
Wer sind die kriegführenden Parteien? Welchen Klassencharakter weisen sie auf? Handelt es sich um unterdrückende oder unterdrückte Nationen, um imperialistische oder halbkoloniale Staaten? Was ist die materielle und politische Ausgangslage am Kriegsschauplatz, was sind mögliche materielle und politische Konsequenzen? Wer sind die Opfer des Krieges, wer seine Profiteure? Wie steht es um das Kräfteverhältnis zwischen den Kriegsparteien? Welche Mächte sind außer den direkt Kämpfenden involviert? Und besonders wichtig: Welche Auswirkungen hat der Krieg auf des Kräfteverhältnis zwischen Klassen?
Wie wir sehen werden, sind auch Antworten auf diese Fragen oft alles andere als einfach oder gar eindeutig. Um die Frage gerechter und ungerechter Kriege zu illustrieren, werden wir uns deshalb historischer Beispiele bedienen, die heutzutage unter revolutionären Marxist*innen als unumstritten angesehen werden können.
Die Bedeutung der Herausbildung der Nationen für Kriege
Im Mittelalter hatte der Feudalismus Europa dominiert, mit dem aufblühenden Handel und aufkommender Industrie behinderte dieses System allerdings die Weiterentwicklung der Produktivkräfte. Der Feudalismus, gekennzeichnet von der politischen und administrativen Fragmentierung Europas (lokale Zollschranken, unterschiedliche Münzsysteme, partikulare Rechtsordnungen etc.), lag am Sterbebett. Der Handel expandierte mit dem technischen Fortschritt der frühen Neuzeit, der Buchdruck trug zur Herausbildung überregionaler Verkehrs- und Nationalsprachen bei, was wiederum die ökonomische und politische Integration größerer Territorien erleichterte. Die Entwicklung von Nationalstaaten stellte einen großen Fortschritt für die Entwicklung der Produktivkräfte dar, weil man hier einheitliche Zollgesetze und ähnliches einführen konnte. Bis ins späte 19. Jahrhundert können wir jedenfalls von einer Phase sprechen, in der die Herausbildung von Nationalstaaten dazu beitrug, die Entwicklung der Produktivkräfte zu steigern, die feudalen Verhältnisse zu überwinden, bürgerliche Freiheiten zu erkämpfen, die Arbeiter*innenklasse zu entwickeln und so die materielle Grundlage für den Sozialismus zu befördern.
Dieser Kontext ist notwendig, um die Kriege zu verstehen, die im 19. Jahrhundert um die Problematik nationaler Einigung und Unabhängigkeit entbrannt sind. Konkret schauen wir uns den Krieg an, der zur deutschen Einigung, also zur Schaffung eines deutschen Nationalstaats geführt hat.
Der deutsch-französische Krieg von 1870-71
Wir befinden uns im Jahre 1870, Preußen wird von Bismarck regiert, Frankreich von Napoléon Bonaparte III. (nach dessen Herrschaftsform wir heute den „Bonapartismus“ benennen). Das sind die beiden Kriegsparteien, mit unterschiedlichen nationalen Bedingungen (Frankreich ist ein gefestigter Nationalstaat, „Deutschland“ ist zersplittert in einen Haufen kleinerer und größerer Fürstentümer, von denen sich einige im Norddeutschen Bund zusammengeschlossen hatten), aber ähnlichem politischen Überbau (Marx schreibt dazu 1870: „Das bonapartistische Regime, das bisher nur auf einer Seite des Rheins blühte, hatte damit [Bismarck, Anm. d. A.] auf der andern sein Gegenstück erhalten”).
Deutschland, in diesem Fall angeführt von Preußen, unter der politischen Herrschaft von Bismarck (also einer denkbar schlechten, reaktionären) kämpft, um die nationale Unterdrückung durch andere Mächte, darunter Frankreich, abzuwerfen und längst überflüssig gewordene Grenzen zwischen Fürstentümern abzuschaffen. Frankreich kämpft dagegen, um Deutschland schwach zu halten und sich außenpolitisch zu profilieren, weil es innenpolitisch kriselt. Krieg ist bloß die Fortführung von Politik mit anderen Mitteln und wir verteidigen jene Politik, die die Verhältnisse für eine erfolgreiche Revolution und letzten Endes die Umsetzung des Sozialismus schafft oder verbessert.
Die Aufgaben des sich herausbildenden deutschen Proletariats sind zu diesem Punkt in der Geschichte folgende: Herbeiführung eines deutschen Nationalstaats, demokratische Revolution (also auch der Sturz Bismarcks und seines Regimes). Die Aufgaben des französischen Proletariats lauten wie folgt: Sturz des Bonapartismus und des Kaiserreichs, Errichtung einer demokratischen Republik. Sinowjew bringt auf den Punkt, was im deutsch-französischen Krieg auf dem Spiel steht:
„Siegt Frankreich, so werden die Folgen in zweierlei Beziehung verhängnisvoll sein. Erstens wird sich das Reich Bonapartes dann für lange Zeit in Frankreich festsetzen, es wird wie bisher und noch intensiver das eigene französische Volk bedrücken und gleichzeitig jede demokratische Regung in Europa im Keime ersticken. Zweitens wird die nationale Einigung Deutschlands noch länger hinausgeschoben, die Zersplitterung noch größer werden. Die Aufmerksamkeit des ganzen Volkes, darunter auch der Arbeiter, wird noch mehr auf nationale Fragen gelenkt wenden, worunter die Entwicklung den Arbeiterbewegung und des Sozialismus leiden wird. Dagegen wird die Niederlage des bonapartistischen Frankreich den Sieg der französischen Arbeiterklasse, den Sieg der französischen Demokratie bedeuten. Der Sieg Preußens wird indirekt auch der Sieg des deutschen Proletariats sein, denn er wird diesem die Bedingungen für seine erfolgreiche Entwicklung schaffen. Das deutsche Proletariat wird diesen Sieg ausnutzen, um einen zentralisierten Kampf zu organisieren, der dazu führen muss, die preußischen Junker zu stürzen und die Demokratie herzustellen.“ (Sinowjew: Der Krieg und die Krise des Sozialismus)
Wie sich hier gut erkennen lässt, geht es bei der Einordnung eines Krieges nicht in erster Linie um die politische Führung der Kriegsparteien – sowohl Bismarck als auch Bonaparte vertraten eine reaktionäre Politik. Tatsächlich geht es darum, wozu der Sieg der einen oder anderen Kriegspartei führen würde. In diesem Sinne war die marxistische Position zu Ausbruch des deutsch-französischen Krieges klar: Deutschland führt einen gerechten „Verteidigungskrieg“, aufgrund der gerechten Verteidigung gegen ungerechte Interessen. Trotz Bismarck muss man für den Sieg Deutschlands eintreten, weil ein Sieg Frankreichs nur Napoleon stärkt, dessen Niederlage aber die Einigung Deutschlands befördern würde, „was im Interesse der deutschen und internationalen Demokratie notwendig ist“ (Sinowjew). Denn: „Der ganze Krieg 1870/71 ist vom Standpunkt des internationalen Proletariats und nur von diesem Standpunkt zu betrachten. Und gerade vom Standpunkt der Interessen des ganzen internationalen Proletariats muss die Niederlage des bonapartistischen Frankreich als wünschenswert anerkannt werden“ (ebd.).
Doch dieses historische Beispiel zeigt auch, dass ein Krieg seinen Charakter ändern kann – und wir fähig sein müssen, diese Änderungen zu erkennen und unsere Taktik entsprechend anzupassen. Nachdem Bonaparte gestürzt und die Französische Republik ausgerufen worden war, hörte Bismarcks Deutschland nicht auf zu kämpfen, auch nicht nach der Proklamation des Deutschen Nationalstaats. Bismarck machte sich über östliche Teile Frankreichs her, um sie zu annektieren. Der Krieg war somit von einem der nationalen Verteidigung zu einem „Angriffs-“ bzw. Eroberungskrieg vonseiten Deutschlands und später gegen die aufständische Arbeiter*innenklasse der Pariser Kommune geworden. Es war nicht mehr im Sinne des deutschen Proletariats, für seine Nation zu kämpfen – es sollten allein für die Interessen „seiner“ herrschenden Klasse sterben und französische Klassengeschwister im Namen der deutschen Vorherrschaft über Europa hinrichten. In diesem Falle konnte kein*e Marxist*in Deutschland unterstützen – die Losung der Stunde lautete inzwischen: „Für die Niederlage Deutschlands!“
Der erste imperialistische Weltkrieg
Ein weiteres (und wohl das bekannteste Beispiel) marxistischer Positionsfindung in Bezug auf Kriegsfragen ist jenes des Ersten Weltkriegs. Kriege stellen stets eine Zuspitzung der politischen Verhältnisse dar und bringen oft lange unter der Oberfläche köchelnde Konflikte deutlich zutage, machen auch Spaltungslinien innerhalb der Arbeiter*innenbewegung (sowie heute innerhalb der „Linken“) klar sichtbar. So trennte der Erste Weltkrieg ein für allemal das, was wir heute „die Sozialdemokratie“ nennen, von jenen, die wir heute „Kommunist*innen“ nennen. Wieso? Weil erstere den Krieg in verschiedenem Ausmaß unterstützten, billigten, guthießen – unter dem Vorwand, es handle sich für die jeweilige Nation um einen „Verteidigungskrieg“, während letztere den imperialistischen Charakter des Krieges betonten, die „Vaterlandsverteidigung“ ablehnten und bekräftigten, dass der Hauptfeind, nämlich die „eigene“, nationale Bourgeoisie, im eigenen Land stehe. Wieso meinen wir nun, dass letztere Recht hatten?
Der Beginn des 20. Jahrhunderts fällt mit dem Beginn eines neuen Zeitalters des Kapitalismus zusammen: jenem des Imperialismus. Wie der Name erahnen lässt, handelt es sich um ein Zeitalter der Imperien, der Neuaufteilung der Welt unter ein paar Großmächten. Imperien gab es aber auch schon früher. Das „Neue“ ist, dass mit der ökonomischen Entwicklung im Kapitalismus das Kapital zunehmend über den Nationalstaat hinausstrebt und sich die Konkurrenz am Weltmarkt gegenüber der innerstaatlichen verschärft. Der deutsch-französische Krieg von 1870-1871 stellt den letzten großen nationalen Krieg auf dem europäischen Kontinent dar: die meisten Nationalstaaten hatten sich Ende des 19. Jahrhunderts bereits gebildet. Im Ersten Weltkrieg kämpft (außer Serbien) keine kriegsführende Nation um ihre Selbstbestimmung oder das Abwerfen der Fremdherrschaft. Worum ging es den kriegsführenden Parteien dann? Welche Politik verfolgten die europäischen Großmächte, die imperialistischen Staaten des frühen 20. Jahrhunderts? Sie wollten – wie in „Friedenszeiten“ zuvor – ihre Einflusssphären erweitern, neue Absatzmärkte für ihre Produkte erschließen, Zugriff auf mehr Rohstoffe erlangen. Kurz: Die jeweiligen nationalen Kapitale wollte sich auf Kosten anderer ausdehnen. Es handelte sich um einen Konkurrenzkampf zwischen den europäischen Bourgeoisien auf Kosten der Arbeiter*innenklasse und aller Unterdrückten „ihrer“ Länder sowie jener „ihrer“ Kolonien und Halbkolonien, die für sie im Krieg sterben und zusätzlich weiter unterjocht und ausgebeutet werden sollten.
Dieser Krieg verfolgte somit auf keiner Seite ein fortschrittliches Ziel und war nur dazu gut, die verarmten kriegs- und krisengebeutelten Massen zur Revolution aufzurütteln. Die Losung der Bolschewiki lautete deshalb: Dreht die Waffen um – nicht auf eure Brüder anderer Nationalität, sondern auf die herrschende Klasse, eure „eigene“ Bourgeoisie müsst ihr sie richten! Diese Taktik, das Eintreten für die Niederlage des eigenen Landes, die „Umwandlung des Krieges in den Bürger*innenkrieg“ nennen wir „revolutionären Defätismus.“ Auch heute stellt sie im Falle eines imperialistischen Krieges die richtige Taktik in den imperialistischen Ländern dar.
Wie hängt nun die Niederlage des eigenen Landes, der eigenen Regierung zusammen mit der Revolution und der Machtübernahme durch das Proletariat? Da es immerhin die bürgerliche Regierung ist, die einen Krieg führt, ist sie es auch, die ihn im Endeffekt verliert. Das allein schwächt ihre Macht intern sowie international, macht sie also angreifbar. Eine Revolution ist nun leichter möglich, was etwa durch eine kampfbereite und -geschulte Arbeiter*innenklasse ausgenutzt werden kann. Dafür braucht es aber eben nicht einfach eine kurze Erhebung. Wie wir auch an den Folgen der Oktoberrevolution in Russland gesehen haben, benötigt ein tiefgehender Systemwandel einen „Krieg gegen die herrschende Klasse“. Diejenigen, die noch zuvor ihre Waffen auf „feindliche“ Soldat*innen richten sollten, müssen also den Lauf umdrehen, und sie schließlich gegen ihre eigenen Herrschenden einsetzen.
Kapitalismus und Krieg im Zeitalter des Imperialismus
Der Erste Weltkrieg zeigt uns deutlich, wie Kapitalismus und Krieg zusammenhängen. Im Zeitalter des Imperialismus, also der Aufteilung der Welt unter einer Handvoll Großmächte, werden die meisten Kriege geführt, um Märkte und Einflussgebiete zu sichern oder zu erweitern. Gleichzeitig haben Kriege auch einen „verjüngenden“ Effekt für den Kapitalismus: Sie sind in der Lage, der Überakkumulation von Kapital durch Kapitalzerstörung entgegenzuwirken. Wird also immer mehr Kapital in Produktionsmitteln eingesetzt (was eine logische Folge des technischen Fortschritts ist), sinkt in der Tendenz auch die Profitrate. Das kann wiederum zu Krisenentwicklungen führen (wie beispielsweise die Weltwirtschaftskrise in den 1930er Jahren). Wird jetzt in einem Krieg Kapital etwa in Form von Maschinen zerstört, kann dadurch wiederum die Profitrate erhöht werden und ein neuer Zyklus der Kapitalakkumulation beginnen (was letztlich auch die Lösung für die Große Depression in den USA war).
Im Zeitalter des Imperialismus teilt sich die Welt in unterdrückende und unterdrückte Nationen. Heute sprechen wir vor allem von imperialistischen und halb- oder neokolonialen (seltener kolonialen) Ländern. Imperialistische Staaten können im Allgemeinen keine gerechten Kriege führen. Kein Krieg, der die Macht eines imperialistischen Landes zementiert oder ausweitet, kann jemals gerecht sein. Deshalb können Kommunist*innen niemals die Kriegsanstrengungen ihres „eigenen“ Landes unterstützen.
In unterdrückten Nationen sieht das natürlich anders aus: Durch ihren Sieg gegen imperialistische Staaten versetzen sie dem Imperialismus einen Schlag und verbessern ihre eigenen, oft unaushaltbaren Lebensbedingungen sowie die Bedingungen für eine sozialistische Revolution in ihrer Region sowie weltweit. Wer sich revolutionäre*r Marxist*in nennt, muss deshalb bedingungslos auf der Seite aller unterdrückten Nationen in ihrem Kampf gegen den Imperialismus stehen. Gleichzeitig muss die Arbeiter*innenklasse immer ihre Klassenunabhängigkeit bewahren und Kommunist*innen treten für proletarische Methoden des Kampfes ein.
Nun gibt es weit mehr unterdrückte als imperialistische Nationen und es kommt auch zu Kriegen zwischen unterdrückten bzw. halbkolonialen Ländern (wobei selten ohne äußeren Einfluss). In solchen Fällen gilt es, die konkreten Kriegsziele zu evaluieren und keine pauschale Formel anzuwenden. Wie schwierig das bisweilen sein kann, zeigen wir auch in der Analyse des Ukrainekriegs in der Nr. 56 unseres Theoriejournals „Revolutionärer Marxismus“. Dort ist außerdem eine genauere Auseinandersetzung mit der Taktik des revolutionären Defätismus zu finden.
Kampf gegen Aufrüstung
Was heißt nun all das für uns heute? In Österreich wie in den meisten Teilen der Welt sind wir mit immenser Aufrüstung und Aufstockung von Militärbudgets in imperialistischen Staaten konfrontiert. Auch Österreich hat beim Budget des Bundesheers nicht viele Gedanken an das eigentlich klaffende Budgetloch verschwendet. Die „Aufrüstung“ ist zwar in aller Munde, aber wir müssen wieder und wieder die Frage stellen: Wer rüstet auf? Was soll verteidigt werden? Ist es wirklich „die Demokratie“ und das Wohl der Bevölkerung? Die Aufrüstung imperialistischer Länder dient letztendlich nur den Ausbeutungsinteressen der herrschenden Klasse.
Deshalb müssen wir uns in Österreich gegen die Aufrüstung stellen, genauso wie Revolutionär*innen in anderen imperialistischen Ländern. Andererseits müssen wir uns klar vom Pazifismus abgrenzen, der die allgemeine, undifferenzierte „Entwaffnung“ bzw. Abrüstung fordert. Im Imperialismus ist die Abrüstung illusorisch und nur temporär verwirklichbar. Gleichzeitig lenkt die Losung der Abrüstung von der Aufgabe des Sturzes der Bourgeoisie ab, die nur über deren Entwaffnung im Sinn der Aneignung der Waffen und die Bewaffnung der Arbeiter*innenklasse vonstattengehen kann. Nur so kann eine sozialistische Revolution auch erfolgreich sein und eine friedliche Gesellschaft aufgebaut werden. Wo eine allgemeine Wehrpflicht eingeführt wird oder bereits existiert, ist es die Aufgabe von Kommunist*innen, den Wehrdienst zu nutzen, um den Umgang mit der Waffe zu erlernen und auf der häufig vorhandenen Unzufriedenheit der Kamerad*innen aufzubauen, um die Machtfrage aufzuwerfen. Wer befiehlt, wer gehorcht? In wessen Interesse? Damit sich diese oft sehr schwierige Arbeit als fruchtbringend erweist, ist es von großer Bedeutung, an der Politisierung von Jugendlichen vor ihrem Wehrdienst anzuknüpfen und sie für revolutionär kommunistische Politik zu gewinnen.
Solange wir die Klassengesellschaft nicht auf den Müllhaufen der Geschichte verfrachtet haben, wird es Kriege geben und wird es Revolutionen geben. Ein Blick wie hier in die Geschichte ist dabei immer notwendig, nicht zuletzt als Orientierungspunkt, damit Revolutionen auch erfolgreich sind. Die Befassung mit revolutionärem Antimilitarismus und seinen Taktiken ist zu dieser Stunde für alle, die den Sozialismus der Barbarei vorziehen, unerlässlich.
Quellen:
Wladimir Lenin, Grigorij Sinowjew (1915): Sozialismus und Krieg (Die Stellung der SDAPR zum Krieg)
Wladimir Lenin (1916): Das militärpolitische Programm der proletarischen Revolution
Karl Marx (1870): Erste Adresse des Generalrats über den Deutsch-Französischen Krieg. In: Der Volksstaat. Organ der sozialdemokratischen Arbeiterpartei und der internationalen Gewerksgenossenschaften.
Michael Pröbsting (2009): Umwandlung des imperialistischen Krieges in den Bürgerkrieg – Die Strategie Lenins und der Bolschewiki. In: Revolutionärer Marxismus 40.
Grigorij Sinowjew (1916/1924): Der Krieg und die Krise des Sozialismus.
Alex Zora (2025): Revolutionärer Defätismus. In: Revolutionärer Marxismus 56, S. 163—197.
