Der Begriff Klassismus bezeichnet Unterdrückung oder Benachteiligung aufgrund der Zugehörigkeit zu einer sozialen Schicht oder Klasse. Das kann auf verschiedene Arten passieren, etwa im Bildungssystem, wenn Arbeiter*innenkinder weniger gefördert und damit ihre sozialen Aufstiegschancen erschwert werden. Klassismus kann sich aber auch auf individueller Ebene äußern, zum Beispiel in generellen Vorurteilen gegenüber ärmeren Menschen. Neben dieser allgemeinen Bedeutung wird der Klassismusbegriff sehr vielfältig eingesetzt. Die einen verstehen darunter nur konkrete Erfahrung im Alltag, andere verstehen ihn als abstraktes System und unterscheiden zwischen Makro-, Meso- und Mikroebene. Manche sprechen sogar vom „Klassismus gegen Reiche”. Im Folgenden wollen wir den Begriff überblicksartig darstellen und auf seine Probleme hinweisen.
Die Rede vom „Klassismus” ist ungefähr so alt wie der Begriff des Sexismus. Verbreitet wurde er in den 70er Jahren, als die Student*innenbewegung unterdrückende Strukturen im Alltag und auch innerhalb linker Bewegungen stärker thematisierte. Im deutschen Sprachraum war Klassismus lange nicht bekannt. Eine wichtige Rolle spielt er seit den 90er Jahren in der Intersektionalitätstheorie, die sich mit dem Zusammenwirken von Diskriminierungsformen und dabei entstehenden individuellen Erfahrungen befasst. Dabei liegt der Fokus meist auf „race, class, gender”.
Ziele und Implikationen
Zu den Zielen des Klassismusbegriffs gehört es, Menschen, die von Klassismus betroffen sind, ein Werkzeug in die Hand zu geben, um auf konkrete Unterdrückungserfahrungen zielgenau aufmerksam machen zu können – abseits abstrakter Klassengegensätze. Der Kampf gegen Klassismus ist damit nicht immer antikapitalistisch, sondern konzentriert sich meist darauf, Klassengegensätze zu überbrücken und in einem kapitalistischen Rahmen aufzuheben. Lediglich Chancengleichheit zwischen Armen und Reichen soll durch antidiskriminatorische Politik ermöglicht werden. Beispielhaft dafür stehen die Bemühungen von Andreas Kemper, einem der deutschsprachigen Pioniere der Thematik, der sich gegenwärtig dafür einsetzt, dass klassenspezifische Unterdrückung in die Antidiskrimierungsrichtlinien der EU aufgenommen wird. Auch das Referat für Arbeiter*innenkinder an der Österreichischen Hochschüler*innenschaft (ÖH), das sich vor allem über Klassismuskritik definiert, bleibt im kapitalistischen Rahmen gefangen –Stellvertretung und Anecken sprengen nun mal kein globales Wirtschaftssystem. Die Wurzel des Problems wird nur in Lippenbekenntnissen erwähnt.
Mit Karl Marx und seiner Definition von Klassen und Klassenkampf hat die Klassismusidee demnach nicht viel am Hut. Stattdessen beruft man sich auf Bourdieu und seine “kulturellen Klassen”. Das bedeutet, als Arbeiter*innenklasse werden nicht diejenigen verstanden, die nichts besitzen und ihre Arbeitskraft verkaufen müssen, sondern die erst aufgrund ihrer kulturellen Identität als Arbeiter*innen dazu gezwungen werden, ihre Arbeitskraft zu verkaufen (etwa dadurch, dass ihren Angehörigen höhere Bildung verweigert wird). Marx wird damit sämtlicher Prämissen beraubt, die die kommunistische Bewegung seit jeher prägten.
Grenzen und Nutzen
Der Klassismusbegriff läuft Gefahr, den Fokus von einer gemeinsamen Handlungsmacht der Arbeiter*innenklasse zu Gunsten eines neuen Moralismus zu verschieben. Wer die Frage der Identität der Arbeiter*innen davon abhängig macht, ob man als Arbeiter*in diskriminiert wird, vergisst die grundlegende materielle Ungleichheit in der Welt. Wir möchten den Theoretiker*innen nicht vorwerfen, dass sie den Kapitalismus nicht kritisieren. Aus ihrer falschen Fokussierung, die auf einer fehlenden materialistischen Analyse beruht, erwächst jedoch eine emanzipatorische Perspektive, die von Anfang an zum Scheitern verurteilt ist. Es reicht nicht aus, das Bild der Arbeiter*innenklasse in der Gesellschaft zu ändern, um Ausbeutungsverhältnisse zu beenden. Ihre Befreiung wäre somit nicht mehr das Werk der Arbeiter*innen selbst, sondern Resultat einer spontanen, gutherzigen Erkenntnis ihrer Unterdrücker*innen. Wie realistisch das ist, zeigt die jahrhundertealte, blutige Geschichte des kapitalistischen Weltsystems, das sich gesellschaftliche Spaltungslinien, wie Herkunft, Geschlecht oder eben Klasse, schon immer zu wirksamen ideologischen Instrumenten gemacht hat. Ein Appell der Arbeiter*innenkinder an die Herrschenden wird daran nicht viel ändern.
Der Nutzen, den Marxist*innen aus der Debatte über Klassismus ziehen können, ist also äußerst zwiespältig: Seit Jahrzehnten sieht sich konsequente kommunistische Kritik allen möglichen Formen idealistischer Abweichungen gegenübergestellt, die vor allem unter dem Namen „cultural studies” zusammenzufassen sind.
Eine tatsächliche gesellschaftliche Alternative kann sich daraus kaum entwickeln, einerseits weil die Diskussionen über Diskriminierung in erster Linie unter Uniabsolvent*innen stattfinden, andererseits weil den Arbeitern und Arbeiter*innen ein vollkommen falscher Fokus vermittelt: Es geht nicht darum, wer, wie und wann diskrimiert wird. Die Diskriminierung ist das Symptom einer generellen materiellen Ungleichheit. Der Schwerpunkt sollte auf der Reflexion der eigenen Stellung im ökonomischen System liegen, dem entfremdenden Charakter der Arbeit, der niedrigeren Lebenserwartung, dem stetigen Lohnverlust und der Verarmung breiter Teile der Gesellschaft.
Lea De Favrieres, AST239