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Klassenherkunft und Bildungszugang
Von Heidi Rieder
Im schulischen Alltag kann man viele Ungleichbehandlungen entdecken. Sei es die Tatsache, dass Mädchen mehr nach ihrem Benehmen und Burschen mehr nach ihren tatsächlichen Leistungen beurteilt werden. Oder dass MigrantInnen unabhängig von ihren tatsächlichen Kenntnissen häufig schlechtere Noten im Deutschunterricht erhalten. Es gibt unzählige solcher Beispiele für Ungerechtigkeiten. Jedoch beginnen diese nicht erst in der Schule und auch nicht im Kindergarten. Für viele Kinder und Jugendliche ist ihre Bildungskarriere bereits vor ihrer Geburt vorbestimmt. Es gibt unterschiedlichste Gründe, warum jemand in seiner/ihrer Bildung eingeschränkt wird, nur eines gibt es nicht: Chancengleichheit. Es kommt auf die Klasse an Der wichtigste Faktor bei den Bildungsmöglichkeiten ist die Klasse, aus der die Kinder stammen. Ob sie aus der KapitalistInnenklasse kommen, der ArbeiterInnenklasse, den Mittelschichten oder der Bauernschaft hat große Auswirkungen auf ihren Bildungsweg. Dies kann man u.a. daran ablesen, wie wichtig die Ausbildung der Eltern für den Bildungsweg des Kindes ist. Besonders massiv ist dies im Gymnasium sichtbar: 72% der Kinder, deren Väter einen Maturaabschluss haben, besuchen die Unterstufen eines Gymnasiums, jedoch nur 9% der Kinder mit Vätern mit Pflichtschulabschluss oder ohne Abschluss. Diese Zahlen werden in der Oberstufe noch drastischer (77% der Akademiker- und Maturantenkinder, 9% deren Väter Pflichtschul- oder keinen Abschluss haben). Wenn man diese Fakten betrachtet ist es nur logisch, dass die Ausbildung der Eltern auch im Hochschulbereich eine massive Rolle spielt. Hier sind 60% Akademikerkinder zu finden und nur 11% haben Väter mit ausschließlich Pflichtschulabschluss. Genau umgekehrt ist das Verhältnis in den Hauptschulen. Hier finden sich 80% der Arbeiterkinder, zu 86% jene der Hilfsarbeiter, 90% Kinder von Bauern, jedoch nur 27% der Kinder von höher qualifizierten Angestellten und Beamten. Über den Bildungsgrad der Eltern hinaus geht die Benachteiligung von MigrantInnen im Bildungssektor. Diese rührt jedoch nicht von einem speziellen Problem bei der Bildung her, sondern steht im direkten Zusammenhang mit der Benachteiligung von MigrantInnen im gesamten kapitalistischen System. Neben der klassenbedingten Benachteiligung – die meisten MigrantInnenkinder kommen aus der ArbeiterInnenklasse – kommen noch besondere Schwächen des kapitalistischen Bildungssystems zum Tragen: So z.B. das Fehlen von muttersprachlichem Unterricht und dem Nichtahnden von Diskriminierung durch rassistische Lehrkräfte. Ursachen Selbstverständlich drängt sich nun die Frage auf, wieso es so einfach ist, proletarischen Kindern den Zugang zu höherer Bildung um so vieles zu erschweren. Die Ursachen sind vielfältig. Auch wenn der Bildungsweg bis zur Matura in Österreich kostenlos scheint, spielt die finanzielle Situation der Familie in mehreren Hinsichten eine relevante Rolle. Einerseits ist das österreichische Schulsystem nicht gratis: es gibt scheinbar kleine Beträge wie SchülerInnenfreifahrt, den Schulbuchselbstbehalt oder Materialkosten in Fächern wie Zeichnen oder Werken, die für viele proletarische Familien doch eine Menge ausmachen. Und dann gibt es größere Beträge, beispielsweise für Schulveranstaltungen, die eine Menge ausmachen, aber andererseits für die SchülerInnen große Nachteile bedeuten, sofern ihre Eltern diese nicht aufbringen können. Selbstverständlich gibt es insbesondere für größere Beträge Beihilfen, staatlicher wie privater (Bsp. Elternverein) Natur. Aber diese zu erhalten ist ein langer Weg, und selbst wenn man dies schafft, decken sie bei weitem nicht alles ab, sondern lassen beispielsweise Kosten, wie sie durch die Ausrüstung für Sportveranstaltungen entstehen, offen. Des Weiteren ist eine gute Lerninfrastruktur oft teurer als man denkt. Das Lernen wird durch Faktoren wie das Teilen des Zimmers mit anderen Familienmitgliedern enorm erschwert, da die Konzentration durch die Anwesenheit anderer erschwert wird. Auch Lernhilfen wie Übungsbücher oder CD-Roms sind für viele Familien unleistbar. Und nicht nur das, auch die Zeit, die zum Lernen aufgewendet werden kann, ist massiv betroffen, wenn man auf kleine Geschwister aufpassen oder den Haushalt führen muss. In finanziell besser gestellten Familien erledigen diese Tätigkeiten Putzfrauen und Kindermädchen. Auch wird in vielen ärmeren Familien Druck auf die Nachkommen ausgeübt, möglichst früh finanziell zur Versorgung der Familie beizutragen und der oder die Jugendliche somit bspw. bedrängt, doch einen Lehrberuf anzufangen, als zu versuchen die Matura zu machen. Perspektive Nun gibt es viele, die behaupten, man könne gegen diese Missstände leider nichts unternehmen. Andere - wie die Sozialistische Jugend - sagen, es gäbe eine Lösung, nämlich die Gesamtschule. Tatsache ist aber, dass man im Kapitalismus diese Ungerechtigkeiten mit keinem Schulmodell aus der Welt schaffen kann. Wieso? Weil die ungleiche Bildung nicht durch das Bildungssystem erzeugt wird, sondern dieses bloß bereits vorher und unabhängig vom Bildungssystem bestehenden Klassenunterschiede widerspiegelt. Der Kapitalismus existiert auf Grundlage genau dieser Klassengegensätze. Es würde ihm nichts nützen, wenn alle gleiche Chancen hätten und damit hoch qualifizierte Jobs ausüben könnten. Denn wer würde dann die Hotels putzen, wer auf die Kinder aufpassen, wer würde sich in großen Konzernen als billige Arbeitskraft ausbeuten lassen, wenn alle hochqualifiziert wären? Die Kapitalistenklasse braucht daher keine hohe Ausbildung für alle. Aber selbst wenn – rein theoretisch – alle eine Matura oder einen Akademikertitel hätten, dann würde die Klassenausbeutung keineswegs verschwinden. Dann würden halt AkadermikerInnen am Fließband stehen und die Klos putzen, so wie es manche MigrantInnen mit Akademikerabschluß tun müssen. Selbst wenn das staatliche Bildungssystem im Rahmen einer Gesamtschule scheinbar für alle gleiche Chancen bietet, wird es auch dann weiterhin Klassendifferenzierung geben. Sei es, weil die Bourgeoisie noch immer die Möglichkeit hat, ihre Kinder in Privatschulen heranzubilden, sei es weil die unterschiedlichen finanziellen und häuslichen Umstände auch bei einer Gesamtschule nicht aufhören, sich auszuwirken. Im Kapitalismus wird es immer mehr oder weniger offen sichtbare Kosten im Bildungsbereich geben. Der Kapitalismus äußert sich auch hier als System der Unterdrückung, deswegen kann es keine faire, chancengleiche Bildung ohne Sozialismus geben. Alle Zahlen stammen aus dem Menschenrechtsbefund 2009 der österreichischen Liga für Menschenrechte. |
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