Zur Geschichte der Planwirtschaft:
Die Wirtschaftspolitik der ungarischen Räterepublik

"Bürgerliche Revolutionen, wie die des 18.Jahrhunderts, stürmen rascher von Erfolg zu Erfolg, ihre dramatischen Effekte überbieten sich, die Menschen und Dinge scheinen in Feuerbrillianten gefaßt, die Ekstase ist der Geist des Tages, aber sie sind kurzlebig, bald haben sie ihren Höhepunkt erreicht, und ein langer Katzenjammer erfaßt die Gesellschaft, ehe sie die Resultate ihrer Drang- und Sturmperiode nüchtern sich aneignen lernt. Proletarische Revolutionen dagegen, wie die des 19.Jahrhunderts, kritisieren beständig sich selbst, unterbrechen sich fortwährend in ihrem eigenen Lauf, kommen auf das scheinbar vollbrachte zurück, um es wieder von neuem anzufangen, verhöhnen grausam-gründlich die Halbheiten, Schwächen und Erbbärmlichkeiten ihrer ersten Versuche, scheinen ihren Gegner nur niederzuwerfen, damit er neue Kräfte aus der Erde saugte und sich riesenhafter ihnen gegenüber wieder aufrichte, schrecken stets von neuem zurück vor der unbestimmten Ungeheuerlichkeit ihrer eigenen Zwecke, bis die Situation geschaffen ist, die jede Umkehr unmöglich macht..." (K. Marx 1853, MEW 8/118).

Fünf Jahre nach dem Zusammenbruch des Stalinismus in Osteuropa und drei Jahre nach dem Ende der Sowjetunion steht das internationale Proletariat immer noch schockiert vor den Trümmern jenes Projektes, das sich "sozialistische Staatengemeinschaft" genannt und als "Hort und Heimat der Weltarbeiterklasse" ausgegeben hat. "Grausam-gründlich" verhöhnte die Geschichte die "Halbheiten, Schwächen und Erbärmlichkeiten" dieses Versuches. Der osteuropäische und russische Kapitalismus scheinen nur niedergeworfen, der westliche Imperialismus nur geschwächt worden zu sein, damit sie neue Kräfte aus der Erde saugen und sich dem Proletariat gegenüber riesenhafter wieder aufrichten als jemals zuvor. Und jene, die verantwortlich sind für dieses Desaster, allen voran Stalinisten und Sozialdemokraten, "schrecken stets von neuem vor der unbestimmten Ungeheuerlichkeit ihrer eigenen Zwecke zurück". Wie schon Marx scheint auch uns nichts anderes übrig zu bleiben, als "auf das scheinbar Vollbrachte zurückzukommen, um es von neuem anzufangen".Das soll nicht heißen, daß nichts von vergangenen Fehlern gelernt werden könnte. Im Gegenteil, jeder Neubeginn verlangt die rücksichtslose Aufarbeitung aller eigenen Fehler. Wenn wir uns also die Frage stellen, welches Wirtschaftsregime die sozialistische Revolution an die Stelle des Kapitalismus setzen sollte, und welche Wirtschaftsstruktur die katastrophalen Fehlentwicklungen der stalinistischen Kommandoplanung vermeiden könnte, so müssen wir unweigerlich mit der kritischen Aufarbeitung der Geschichte beginnen. Der Geschichte des theoretischen Kampfes gegen die Marktideologie ebenso wie der Geschichte der praktischen Alternativprojekte. Eine Artikelserie im "Revolutionären Marxismus" soll sich diesem Thema widmen. Nach einer polemischen Auseinandersetzung mit einem Hauptvertreter des Marktsozialismus, Alec Nove, in RM 10, folgt aus Anlaß des 75. Geburtstages der Ungarischen Räterepublik in dieser Nummer eine Analyse der Wirtschaftspolitik des revolutionären Ungarn zwischen März und August 1919.

1. Die Problemstellung des proletarischen Wirtschaftsregimes

Dabei befinden wir uns in der vorteilhaften Position, daß der Haupttheoretiker und Hauptpraktiker der revolutionären Wirtschaftspolitik von Räteungarn, Eugen Varga, unmittelbar nach der Niederlage der Räterepublik im österreichischen Exil eine detaillierte und kritische Bilanz darüber verfaßt hat. In "Die wirtschaftspolitischen Probleme der proletarischen Diktatur" faßte der ehemalige Volkskommissar für Finanzen und Vorsitzende des Obersten Volkswirtschaftsrates sowohl die theoretischen Voraussetzungen als auch die praktische Umsetzung des proletarischen Wirtschaftsregimes der ungarischen Räterepublik zusammen und verschwieg auch keineswegs die Probleme und Fehler, die aus seiner Sicht dabei gemacht wurden.
Eugen Varga war einer der begabtesten Volkswirtschafter der jungen Komintern. Von der linken Sozialdemokratie her kommend entwickelte er sich nach dem ersten Weltkrieg rasch zu einem Anhänger der russischen Oktoberrevolution, war wie gesagt eine der zentralen Führungspersönlichkeiten der ungarischen Räterepublik (noch als linker Sozialdemokrat) und übersiedelte nach einer etwa 8-monatiger Internierung in Schloß Karlstein (Österreich) im Jahre 1920 nach Sowjetrußland, wo er der KPR beitrat. Er wurde Wirtschaftsberater der Komintern und als solcher damit beauftragt, regelmäßig Analysen über die Entwicklung der Weltwirtschaft und der Wirtschaftspolitik in den kapitalistischen Ländern zu verfassen.
Eugen Varga paßte sich später der Stalinisierung stromlinienförmig an, sodaß ihm das Kunststück gelang, als profilierter Revolutionär der ersten Stunde nicht nur die Fraktionskämpfe und die Schauprozesse der 30er Jahre zu überleben, sondern sogar Stalin selbst und nach 1956 auch die Entstalinisierung. Er starb 1964 in Moskau 85-jährig eines natürlichen Todes. Lediglich zwischen 1947 und 1949 war er bei Stalin in Ungnade gefallen, als er einen langfristigen Aufschwung der kapitalistischen Weltwirtschaft vorhersagte. 1925 hatte er längere Diskussionen mit Trotzki, in denen er zwar die "Theorie vom Sozialismus in einem Lande" als theoretisch wertlos und unsinnig bezeichnete, sie aber für ein nützliches Schlagwort erklärte, mit dem man die rückständigen Massen begeistern könne. Trotz seiner seit den späten 20er Jahren zur Gefälligkeitswissenschaft für Stalins politischen Zick-Zack-Kurs degenerierten wirtschaftswissenschaftlichen Methode, zeugen seine frühen Werke, und nicht zuletzt auch die Schrift über die Wirtschaftspolitik des revolutionären Ungarn, von einem frischen, revolutionären und selbstbewußten Denken, das aber von zahlreichen "linksradikalen Kinderkrankheiten" geprägt war.
Varga geht zunächst völlig zurecht von der internationalen Krise des Kapitalismus nach dem ersten Weltkrieg aus, die zu einer enormen Steigerung des proletarischen Klassenbewußtseins geführt hatte. Die herrschenden Klassen hatten während des Krieges permanent an die Aufopferungsbereitschaft der Massen appelliert. "Das Schicksal des Vaterlandes" würde eben davon abhängen. Das Selbstbewußtsein des Proletariats war dadurch gestärkt worden, die Arbeiter forderten eine Erhöhung ihres materiellen und moralischen Standards. Doch die Krise des Kapitalismus führte zur Senkung des Lebensniveaus, ja zur Verelendung breiter Massen. Und gleichzeitig hatte die Zwangsorganisation der Kriegswirtschaft in einer verzerrten Form gezeigt, daß eine zentralorganisierte Wirtschaftsleitung möglich und keine Utopie ist. Die Anarchie des kapitalistischen Marktes ist also keineswegs die einzig mögliche Wirtschaftsform, im Gegenteil, sie war zunehmend zu einer unmöglichen Wirtschaft geworden. Jedenfalls war es mit ihr unmöglich, auch nur annähernd die Forderungen der Arbeiterklasse zu erfüllen. Der Kapitalismus kann die Produktion nur ausdehnen, wenn akkumuliert wird. "Wie soll aber die Kapitalistenklasse akkumulieren, wenn sie durch die ungestüme Forderung der Arbeiter nach Erhöhung ihrer Lebenshaltung selbst auf ihren Profit verzichten müßte, um revolutionären Ausbrüchen vorzubeugen? Ohne Profit keine Akkumulation; ohne Akkumulation keine Möglichkeit der Mehrproduktion; ohne Mehrproduktion keine Möglichkeit, die Lebenshaltung der Arbeiter zu erhöhen" (Varga, E.: Ausgewählte Schriften 1918-1964, Bd.1, S.82 f.).
Die vom Proletariat geforderte Erhöhung des Lebensstandards ist nur durch eine rasche und durchgreifende Steigerung der Produktion möglich. Das ist für Varga der Ausgangspunkt: der Hauptgrund für den revolutionären Angriff auf den Kapitalismus und die grundsätzliche Aufgabenstellung für die proletarische Wirtschaftsorganisation. Konsequenterweise untersucht Varga nun im nächsten Schritt die verschiedenen Faktoren, von denen die Ergiebigkeit der Arbeit prinzipiell abhängt, warum der Kapitalismus sie nicht maximal entwickelt und was die proletarische Diktatur zu ihrer Steigerung beitragen kann. Varga stellt sich diese Frage zunächst theoretisch, erst in den darauffolgenden Kapiteln vergleicht er seine Antworten mit den Erfahrungen der Realität. Varga unterscheidet vier Faktoren der nationalwirtschaftlichen Ergiebigkeit der Arbeit:1. die Rationalität der Arbeit
2. die Produktivität der Arbeit
3. die Intensität der Arbeit
4. das Verhältnis zwischen produktiven und unproduktiven Individuen eines Volkes.
Unter Rationalität der Arbeit versteht Varga die allgemeine Kultur, die Fachbildung, die rationelle Arbeitsweise der Arbeitenden, sowohl der Leiter als auch der Ausführenden. "Der künstlich großgezogene konservative Geist der arbeitenden Massen, unerläßlich zur Erhaltung der Klassenherrschaft, verhindert die Entwicklung der Rationalität der Arbeit. 60 bis 80 Prozent des Ackerbodens sind im Besitz von ungebildeten, konservativen Bauern, die vor jeder rationellen Neuerung zurückschrecken, mit zähem Konservativismus am Hergebrachten festhalten. ... Der Konservativismus, der Mangel an Rationalität macht sich auch in der industriellen Produktion stark geltend. Industrielle Standards werden jahrzehntelang beibehalten, (auch) nachdem dieselben infolge der Änderung der Technik ungünstig geworden sind" (Varga, op.cit. S.88).
Unter der Diktatur des Proletariats, also in der Übergangsperiode zwischen Kapitalismus und Kommunismus, wird das Kulturniveau der Arbeitenden rasch angehoben: absolutes Alkoholverbot, Ausbau des Schulwesens (Verbindung von Theorie und Praxis in der Arbeitsschule), Ersetzung des alten, konservativen Autoritätsglaubens durch eine freie, rationelle Weltanschauung, das sind die Hauptelemente der Steigerung der Rationalität der Arbeit im Arbeiterstaat, auch wenn sich in der allerersten Phase die Sabotage der bürgerlichen Techniker ungünstig auswirken wird.
Die Produktivität der Arbeit ergibt sich aus der Verschiedenheit der angewandten Produktionsmittel. Mit dem technologischen Fortschritt bzw mit der Vergrößerung des konstanten Kapitals ist eine Steigerung der Arbeitsproduktivität verbunden, nicht zuletzt auch eine Verstärkung der Arbeitsteilung und der Kooperation. Der Kapitalismus bleibt hier stark unter dem theoretischen Maximum. Dies ist zunächst so, da produktive Investitionen nur unter dem Gesichtspunkt der Rentabilität erfolgen, die Knechtung der arbeitenden Klasse also einen dämpfenden Einfluß auf die Erhöhung der Produktivität hat. Zweitens ist der freie Wettbewerb in der Phase des "organisierten Kapitalismus" aufgehoben, Kartelle und Trusts erlauben auch rückständigen Produktionsmitteln in Anwendung zu bleiben. Drittens führt die Anarchie des kapitalistischen Gesamtprozesses zu periodisch wiederkehrenden Handelskrisen, die im "organisierten Kapitalismus" mangels der "reinigenden" Wirkung der Rezessionen zu chronischen Krisen und Depressionen führen. Die brachliegenden Produktionsmittel verringern natürlich die gesellschaftliche Arbeitsproduktivität. Und viertens erwähnt Varga die Anarchie in der Berufs- und Arbeitswahl, die zu enormen Produktivitätsverlusten führe, da die Talente des größten Teils der Arbeiterjugend nicht ausgeschöpft werden und keine wissenschaftlichen Berufseignungsuntersuchungen durchgeführt würden.Durch den Wegfall der Profitschranke kann die Produktivität der Arbeit im Arbeiterstaat viel besser entwickelt werden. Technische Innovationen hängen nicht vom Abwerfen mindestens des Durchschnittsprofits ab, sondern müssen nur die eigenen Arbeitskosten ersetzen und die Ergiebigkeit der Arbeit erhöhen. Wenn auch technische Neueinrichtungen anfangs schwierig sind, so kann doch sofort "mit der planmäßigen Konzentration der industriellen Produktion in den größten, am besten eingerichteten und den besten Standort besitzenden Betrieben begonnen werden" (Varga, op.cit., S.93). Außerdem kann die Anarchie der Produktion sofort dadurch reduziert werden, daß die Vielzahl sehr ähnlicher Produkte von verschiedenen Firmen auf normierte und typisierte Erzeugnisse vereinheitlicht werden. Patente und Firmengeheimnisse dienen nicht länger privaten Profitzwecken, sondern der Produktivität der gesamten Gesellschaft. Die Auswahl der Leitenden und die Berufswahl insgesamt wird von Klassenvorurteilen befreit und auf wissenschaftliche Grundlage gestellt. "Alle diese Momente zusammengenommen würden die Ergiebigkeit der Arbeit in hohem Maße begünstigen" (S.94)
Die Intensität der Arbeit beschreibt die Anzahl produktiver Bewegungen pro Zeiteinheit. Nach Varga hat sie aber auch eine qualitative Seite: Verringerung von Materialvergeudung und Werkzeugabnutzung, Hebung der Qualität der Arbeit u.ä., all diese Faktoren steigern ihm zufolge die Arbeitsintensität. Marx verwendete den Begriff Intensität in einem engeren, rein quantitativen Sinne. Doch Vargas Schlußfolgerung ist dennoch zuzustimmen: Die Arbeitsintensität hängt nicht zuletzt vom bewußten Willen des Arbeiters, aber auch von seiner allgemeinen Gesundheit und Eignung ab. Da im Kapitalismus das Interesse am Arbeitsprozeß selbst weitgehend fehlt, bleibt die Arbeitsintensität natürlich hinter dem möglichen zurück. Dies gilt auch für die Ökonomie der Rohstoffe und Hilfsmaterialien und für den schonenden Umgang mit den Arbeitsmitteln. Der Arbeiter muß im Kapitalismus zu Leistung, Sorgfalt und Konzentration gezwungen werden, was Akkordlohn und Taylorismus auch versuchen. Doch nie mit vollem Erfolg. Erst der Arbeiterstaat kann das Bewußtsein, für die Allgemeinheit und daher für sich selbst (und nicht für den Kapitalisten) zu arbeiten, hervorbringen. Verbesserte Arbeitsbedingungen, Möglichkeiten des Arbeitswechsels und die Übersicht über das Ganze des Produktionsprozesses durch die Arbeiterselbstverwaltung können die Entfremdung der Fabriksarbeit mildern. Nach einiger Zeit wird dies die Intensität der Arbeit stark erhöhen. Doch für die erste Zeit des Übergangs hält Varga das Akkordlohnsystem und einen adaptierten Taylorismus für unentbehrlich, da hier noch die "egoistisch-habgierige Ideologie" vorherrschend sei, die nur langsam verschwinden werde.
Schließlich bleibt noch das quantitative Verhältnis der produktiv Arbeitenden zu den bloß unproduktiv Verzehrenden einer Gesellschaft zu besprechen. Der Kapitalismus führt hier zu einem extrem ungünstigen Verhältnis: die nichtarbeitenden Reichen, die Frauen aller bessersituierten Schichten, die große Anzahl der unproduktiven Erwerbstätigen (Repressionsorgane, incl Verwaltungsbeamte, Werktätige der Rüstungsindustrien, Zirkulationsagenten, Dienstboten usw), die von der Überarbeit und Unterernährung frühzeitig chronisch Kranken und Behinderten, endlich die Opfer der imperialistischen Kriege und nicht zu vergessen die Arbeitslosen. Varga schätzt, daß der Kapitalismus nur etwa die Hälfte der theoretisch Arbeitsfähigen wirklich produktiv einsetzt. Auch hier ist Varga grundsätzlich zuzustimmen, mit der einzigen Ausnahme, daß die Arbeiter der Rüstungsindustrie durchaus produktiv im kapitalistischen Sinne, nämlich Produzenten von Wert und Mehrwert sind. Unbestritten ist aber, daß die proletarische Diktatur hier vieles radikal ändern würde: Entlassung der Luxusdienerschaft, Arbeitspflicht für die bisherigen Rentiers, Beschäftigung aller Arbeitslosen, die Ersetzung des Handels durch eine staatliche Verteilungsorganisation und die Zentralisierung des Bankwesens setzen zahlreiche unproduktive Arbeiter frei, nach dem Sieg in den Befreiungskriegen würde die ganze im Militarismus tätige Menschenmasse für produktive Arbeit einsetzbar. Allerdings: "Es ist eine der schwersten Aufgaben der Diktatur, den prinzipiellen Arbeitszwang organisatorisch durchzuführen, jeden Arbeitsfähigen in einen produktiven Arbeiter zu verwandeln" (S.94). Für Varga resultieren alle diese Schwierigkeiten aus zwei Grundtatsachen: erstens könnten nicht alle Produktionsmittel mit einem Schlage enteignet werden und zweitens würde die habgierig-egoistische Psychologie nicht kurzfristig zu beseitigen sein.Das hier vorgestellte theoretische Konzept über die Ziele und Mittel des proletarischen Wirtschaftsregimes reflektiert sowohl die konkreten materiellen Bedingungen als auch die Stärken und Schwächen der revolutionären Führung im Nachkriegsungarn. So kann etwa das "absolute Alkoholverbot" zur Steigerung der Rationalität der Arbeit nicht als zeitlose Maxime proletarischer Politik, sondern nur als hilflos-administrative Antwort auf das riesige reale Problem des Alkoholismus in der Arbeiterklasse verstanden werden. Ebenso zeitbedingt ist die Zielsetzung, die industrielle Produktion planmäßig in den größten Betrieben zu konzentrieren. Die Rückständigkeit der ungarischen Industrie hatte sich u.a. noch in einer enormen Zerspltterung der Produktion und im Vorherrschen kleiner Betriebe ausgedrückt. Varga hatte aber offenbar noch kein Konzept einer optimalen Betriebsgröße, sondern strebte nach maximaler Konzentration. Auch Vargas Vorwurf an den Kapitalismus, niemals die maximale Ergiebigkeit der Arbeit erreichen zu können (S. 85), verweist auf seine an quantitativen Kriterien orientierte Entwicklungsvorstellung. Das Ignorieren qualitativer Größeneffekte gegenüber quantitativen sollte später auch die stalinistische Planung kennzeichnen und sich sowohl ökonomisch als auch ökologisch als desaströs erweisen.
Ein schwerwiegenderer Mangel verbirgt sich jedoch in Vargas Diagnose, daß alle Schwierigkeiten der Übergangszeit letztlich aus der Unmöglichkeit der sofortigen Verstaatlichung aller Produktionsmittel und aus dem Weiterbestehen der egoistisch-habgierigen Psychologie resultierten. Varga erwähnt hier nicht einmal die Rückständigkeit der Produktionsmittel und die damit notwendig verbundene Armut der breiten Massen als objektives Problem, das noch weitere nach sich zieht. Nach Vargas Definition stammen die Schwierigkeiten der proletarischen Diktatur ausschließlich aus den Überresten der alten Gesellschaft (unvollständige Verstaatlichung, bürgerliche Ideologie), nicht jedoch aus den inneren, immanenten Widersprüchen der Übergangsgesellschaft selbst. Übergangsgesellschaft bedeutet aber nicht nur einen Übergang von einer Wirtschaftsstruktur zu einer anderen, sondern auch eine enorme Weiterentwicklung der Produktivkräfte als Voraussetzung für den Sozialismus/Kommunismus.Der Mechanismus dieser Weiterentwicklung stellt jedoch einen eigenen Widerspruch dar, ganz unabhängig vom Ausmaß der Verstaatlichung und dem ideologisch-psychologischen Erbe. Die Notwendigkeiten der sozialistischen Akkumulation (vertreten durch den Arbeiterstaat) stehen in einem partiellen Widerspruch zu den gewerkschaftlichen Interessen der Arbeiter. Technologische Innovation und Steigerung der Arbeitsproduktivität ist in Wirklichkeit ein viel verwickelteres Ding als es Varga annimmt. Die ursprüngliche sozialistische Akkumulation wiederum (die 1925/26 von Preobraschenski ausführlich erörtert worden ist) steht v.a. im Widerspruch zu den Interessen der Bauern. Beide Widersprüche sind umso schärfer, je rückständiger und isolierter der Arbeiterstaat ist. Wir werden im weiteren Verlauf noch sehen, welche Ausprägungen diese Widersprüche im revolutionären Ungarn annahmen und welche Konsequenzen das theoretische Unverständnis der revolutionären Führer darüber nach sich zog.

2. Organisationsprobleme der nach-kapitalistischen Volkswirtschaft

Wenn auch die Produktion im Arbeiterstaat rein theoretisch viel ergiebiger ist als die kapitalistische Produktion, so erwies sich in der Praxis, daß "am Anfang der Diktatur ein weiteres Sinken der Lebenshaltung des städtischen Proletariats unvermeidlich ist" (S.95). Varga begründet dies damit, daß erstens die Enteignung des Luxusbesitzes der Bourgeoisie nicht viele zusätzliche Gebrauchsgüter für die Arbeiter abwerfen würde, ja daß zweitens die ganze Produktionsstruktur auf die "Nachfragestruktur" einer kapitalistischen Gesellschaft ausgerichtet sei und nicht von heute auf morgen umgewandelt werden könne. Drittens sei nicht zuletzt dank der Enteignung des Großgrundbesitzes die Grundrente weggefallen, wodurch sich die Lage der Bauern und Landarbeiter drastisch verbesserte. Die Landbevölkerung verbrauchte nun selbst einen größeren Anteil der gesamten Lebensmittel, wodurch sich die in die Städte gelieferten Lebensmittel verringerten. "Ein Teil der landwirtschaftlichen Arbeiter hat denn auch die Diktatur richtig eingeschätzt. Die ländlichen Regimenter der Roten Armee haben bis zum Ende wacker standgehalten" (S.98). Dies galt natürlich nicht für alle Landarbeiter und erst recht nicht für die Bauern, deren Rolle bei der Konterrevolution noch zu behandeln sein wird.Erst als vierte Ursache des sinkenden Lebensstandards der Stadtbevölkerung im Allgemeinen und damit auch der industriellen Arbeiter wird die Zerrüttung und Zerstörung der Produktionsmittel durch den Krieg und der Ressourcenabzug durch die konterrevolutionäre imperialistische Intervention und den Bürgerkrieg erwähnt. Gerade die Avantgarde der Revolution muß also in den ersten Jahren des neuen Regimes auf die angestrebte Verbesserung des Lebens verzichten. "Für die Verwirklichung des Sozialismus muß jeder selbstbewußte Proletarier nicht nur kämpfen, sondern auch entbehren können! "(S.102), meint Varga und schließt dieses Kapitel mit den wenig selbstkritischen Worten:
"Die ungarischen Arbeiter wollten aus Mangel an revolutionärer Schulung und mangels einer organisierten kommunistischen Partei zugunsten ihrer Macht und der sozialistischen Zukunft nichts entbehren. Sie forderten die sofortige Erhöhung ihrer Lebenshaltung, und weil dies unmöglich war, wendeten sie sich von dem Ideal der Proletarierherrschaft ab. Diese Stimmung der Proletarier wurde von den Gegenrevolutionären aller Schichten ausgenützt und war eine der Hauptursachen für den Sieg des rumänischen Angriffs" (ebd.).
Bevor wir diese Aussage ausführlicher würdigen, müssen wir uns noch genauer mit den praktischen Erfahrungen der räteungarischen Wirtschaftspolitik beschäftigen. Varga erwähnt, daß sich die Räteregierung bei der Enteignung der Bourgeoisie nicht für "die radikalste und dem ganzen Wesen der proletarischen Diktatur entsprechendste Lösung" (S.103) entscheiden konnte. Bei der Übernahme der Unternehmen durch den Staat wurden deren Schulden und Forderungen nicht gestrichen, sondern mitübernommen, da man das Auslandskapital nicht völlig verjagen und die nicht-enteignete Kleinbourgeoisie nicht einfach entschulden wollte. Es sollte sich aber nur um eine vorläufige Anerkennung der Schulden handeln.Die Betriebe gingen in den Besitz der Allgemeinheit der Arbeitenden über. Die ungarische Räteregierung verhinderte erfolgreich Aneignungstendenzen durch die Belegschaften der einzelnen Betriebe, und erst recht jede individuelle Aneignung bzw Diebstahl, "wie es in Rußland mit der Einrichtung und dem Vieh des Großgrundbesitzes vielfach geschehen ist" (ebd).
Sehr interessant sind die ungarischen Erfahrungen beim Übergang von der kapitalistischen zur proletarischen Betriebsleitung. Varga meint, daß entgegen der sozialdemokratischen Meinung das Proletariat grundsätzlich reif genug für einen solchen Übergang war, nicht weil es unmittelbar jede Funktion der früheren kapitalistischen Leitung ausfüllen könnte, sondern weil proletarische Betriebsführung viel einfacher ist als kapitalistische: Eine kommerzielle Leitung ist mehr oder weniger überhaupt nicht mehr notwendig, die Roh- und Hilfsstoffe werden zu festen Preisen geliefert und die Endprodukte zu ebenso festen Preisen abgenommen. Durch die Typisierung der Produktion und die Spezialisierung der Betriebe wird auch die technische Leitung vereinfacht. Sie kann zum Teil von tüchtigen Betriebstechnikern übernommen werden, unersetzliche Spezialisten aber "muß der Proletarierstaat, solange die egoistisch-habgierige Seelenverfassung besteht, ebensogut bezahlen wie der Kapitalismus" (S.105). Die disziplinarische Leitung schließlich kann vom Proletariat selbst viel besser ausgeübt werden als von kapitalistischen Agenten, da sich bei letzteren Herstellung von Arbeitsdisziplin und Klassenunterdrückung immer kombiniert. Erst die proletarische Diktatur kann eine neuartige, selbstbestimmte Arbeitsdisziplin schaffen.
Die Räteregierung versuchte mit der neuen Organisationsform der Betriebe folgenden Aufgaben gerecht zu werden:
"1. Sie muß in der Arbeiterschaft des Betriebes wurzeln, um die Disziplin sicherstellen zu können.
2. Sie muß die Eingliederung des Betriebes in die zentrale Wirtschaftsorganisation gewährleisten.
3. Sie darf nicht bürokratisch sein.
4: Sie muß politisch zuverlässig sein" (S.106).
Nach Vargas Einschätzung gelang es tatsächlich, diese Ziele zu erreichen, indem man die Betriebsführung in die gemeinsamen Hände eines im Betrieb gewählten Betriebsrates und eines vom Staat ernannten Betriebskommissärs legte (Dekret vom 26.März 1919, Nr.9). Der Betriebsrat bestand aus 3-7 Leuten, die von Arbeitern und Angestellten gemeinsam gewählt wurden. Seine Aufgabe war es, die Arbeitsdisziplin aufrechtzuerhalten, das Betriebsvermögen zu schützen, den Betriebskommissär zu kontrollieren und mit diesem gemeinsam Löhne und Arbeitsbedingungen festzulegen sowie über Aufnahmen und Entlassungen zu entscheiden. Der Betriebsrat in Ungarn war also viel weniger als der Arbeiterrat, der das Instrument der politischen Herrschaft war, er war aber viel mehr als z.B. ein Betriebsrat heute in Österreich oder Deutschland, der ja keine reale Kontrollmöglichkeit der Betriebsführung hat Der ungarische Betriebskommissär hingegen hatte die Interessen der Gesamtheit gegenüber dem in der Belegschaft des Betriebes wurzelnden Betriebsrat zu vertreten. Er führt den Betrieb und verfügt gemeinsam mit dem Betriebsrat über Gelder und Bankguthaben. Im Falle eines Konfliktes zwischen Betriebsrat und Betriebskommissär kann eine höhere Instanz angerufen werden. Bis zu deren Entscheidung gilt das Wort des Betriebskommissärs. Der Kommissär wird vom Volkskommissariat für soziale Produktion (beziehungsweise der zuständigen Fachsektion) kontrolliert und ist von diesem jederzeit absetzbar, der Betriebsrat kann von der Belegschaft jederzeit abgewählt werden.
Probleme mit der neuen Struktur ergaben sich, da die Betriebsräte häufig versuchten, ganz von der produktiven Arbeit loszukommen, und damit die Zahl der nicht-produktiven Angestellten vergrößerten. Gleichzeitig trachteten sie danach, sich die Gunst der Belegschaft durch unsachliche Konzessionen in der Disziplin und in der Lohnfrage zu erhalten, "zum Schaden der Allgemeinheit" (S.106). Während man daher in Rußland dazu überging, die Betriebsräte teilweise von außen zu delegieren, versuchte man in Ungarn den gewerkschaftlichen Einfluß auf die Betriebsräte zu erhöhen. Der Erfolg konnte nicht mehr festgestellt werden.
Die größten Schwierigkeiten ergaben sich bei der Auswahl der Betriebskommissäre. Die Fachleute waren in der Regel politisch nicht zuverlässig, die Arbeiterfunktionäre wirtschaftlich meist unbegabt und ungeschult. Dieser Konflikt läßt sich nach Vargas Eindruck nicht restlos lösen. Problematisch war auch, daß das niedrige Klassenbewußtsein der ungarischen Arbeiter dazu führte, daß sich die Belegschaft in vielen Fällen den alten Besitzer oder Generaldirektor als Kommissär wünschte. In der Praxis mußte man daher zu Doppelbesetzungen schreiten, also einen Bourgeoisfachmann mit einem Arbeiterkontrollor kombinieren oder eben einen Arbeiterkommissär mit einem bürgerlichen Ratgeber.
Varga war der festen Meinung, daß das viel raschere Enteignungtempo in Ungarn im Vergleich mit Rußland der politisch und wirtschaftlich bessere Weg war. In Ungarn wurden im ersten Monat alle Betriebe mit über 20 Beschäftigten enteignet, und sogar viele noch kleinere Betriebe. In Rußland waren ein Jahr nach der Oktoberrevolution kaum alle Betriebe mit über 50 Arbeitern enteignet, außerdem hatte man den früheren Besitzern häufig die enteigneten Betriebe zur unentgeltlichen Pachtnutzung übergeben. Varga meint, daß mit der ungarischen Methode die wirtschaftliche Obstruktion der Bourgeoisie weitgehend verhindert werden kann. Tatsache ist jedenfalls, daß Lenin die russische Vorsicht bei der Enteignung mit den Entwicklungsdefiziten des jungen Arbeiterstaates begründete und daß diese Entwicklungsdefizite ja auch die ungarische Räteregierung zur Berufung zahlreicher bürgerlicher Produktionskommissäre zwang. "Nach dem Sturz der ungarischen Räteregierung brüsteten sich viele der aus ´Fachmännern` rekrutierten Produktionskommissäre, daß sie durch planmäßige Sabotage die Produktion verhindert oder benachteiligt hätten". Varga gibt darüber hinaus zu, daß die eilige Enteignung zu einem raschen sinken der Arbeitsintensität führte.Zurecht meint Varga, daß Enteignung und proletarische Betriebsführung zwar wichtige Vorbedingungen einer nach-kapitalistischen Wirtschaft sind, daß aber erst die Neuorganisation der gesamten Wirtschaft als Gemeinwirtschaft qualitativ neue Möglichkeiten zur Erhöhung der Ergiebigkeit der Arbeit bringt. "Das schwerste prinzipielle Problem besteht in der richtigen Sonderung dessen, was zentral organisiert werden und was der lokalen Initiative überlassen bleiben soll" (S.110).Zugegeben, daß dies eine Schlüsselfrage in der Organisation der Diktatur des Proletariats ist, doch es zum "schwersten prinzipiellen Problem" zu erklären, deutet auf das Ignorieren eines noch prinzipielleren Problems hin, das der Arbeitszeitrechnung in einer Gebrauchswertökonomie. Zunächst wollen wir uns aber ansehen, wie die Räteregierung das Znetralisierungs-/Dezentralisierungsproblem löste.Man unterschied zwischen Verstaatlichung im engeren Sinne und Kommunalisierung. Betriebe, die am Konsumort liegen und deren Produkte nicht weitertransportiert werden, wurden lokal , d.h. von den Gemeinden aus verwaltet. Alle anderen Betriebe wurden einer zentralen technisch-organisatorischen Leitung unterstellt. Es sei an dieser Stelle hervorgehoben, daß Varga den gesamten Aufbau der proletarischen Volkswirtschaft ausschließlich als technisch-organisatorische Aufgabe versteht, nicht jedoch als ökonomische Aufgabe im eigentlichen, wissenschaftlichen Sinne, d.h. er betrachtet die nach-kapitalistische Wirtschaft als reine Gebrauchswertökonomie, der Tauschwert kann - bzw soll so schnell wie möglich - ersatzlos aufgelöst, d.h. bedeutungslos gemacht werden. Auch darauf werden wir noch zurückkommen.Die technisch-organisatorische Struktur bestand im wesentlichen in der Zusammenfassung aller Betriebe eines Industriezweiges in einem Unternehmen (Betriebszentrale), das nach dem Modell kapitalistischer Trusts gebildet wird. Betriebe mit hohem ausländischem Kapitalanteil wurden davon ausgenommen, da man diese aus politischen Gründen nicht sofort enteignen wollte. Die Buchführung der einzelnen Betriebe beschränkt sich auf Materialbuchungen und Selbstkostenberechnungen; eine Bilanz macht nur die Zentrale. Die Zentrale beschafft alle Roh- und Hilfsstoffe, organisiert den Verkauf bzw die Verteilung der Produkte, verwaltet das gesamte Vermögen aller Betriebe und stimmt mit dem Obersten Volkswirtschaftsrat ab, welche Güter in welcher Qualität produziert werden sollen. Die örtliche Betriebsleitung behält einen gewissen Bewegungsspielraum: Einstellung und Entlassung der Arbeitskräfte, die Organisation des Arbeitsprozesses selbst, Instandhaltung u.ä. werden unmittelbar vor Ort entschieden.Varga erwähnt im großen und ganzen drei Schwierigkeiten, die dieses System mit sich brachte. Erstens das partikularistische Interesse der einzelnen Gebiete. Die lokalen Räte versuchten, Güter, die auf "ihrem" Territorium erzeugt wurden, für den lokalen Gebrauch zu reservieren. Als Kompromiß mußten regionale Wirtschaftsämter eingerichtet werden, die von zentral ernannten Funktionären und lokal gewählten Wirtschaftsräten gemeinsam geführt wurden. Dabei sollten natürlich weiterhin die zentralen Verordnungen durchgeführt, jedoch mit regionalen Bedürfnissen abgestimmt werden.
Zweitens zeigte sich, daß die Zentralisierung der Betriebsleitung in Ungarn leichter war, als die Konzentration der Produktion selbst. Wo die Produktion bisher auf viele Orte zerstreut war, müßten zuerst Wohnungen für die Arbeiter gebaut werden, wenn man sie an einem Ort zusammenziehen wollte. Technisch einfacher wäre die Konzentration, wo bereits an einem Ort mehrere Produktionsstätten existieren. "Aber die Arbeiter machen selbst in diesem Falle Schwierigkeiten; teils aus Faulheit, um keinen weiteren Weg zur Arbeitsstätte zu haben, teils aus Furcht, ihren alten Arbeitsplatz zu verlieren, ... Auch ein gewisser Betriebschauvinismus spielt hierbei eine Rolle" (S.112).
Drittens erwies sich - wie auch in Rußland - die Kontrolle der Betriebsführung als äußerst bedeutsam, nämlich zur Bekämpfung des leichtfertigen Umgangs mit dem Staatsgut und zur Gewährleistung sparsamer und sachgerechter Arbeitsmethoden. Varga beschreibt das System der Revisoren, mit dem das Problem der Kontrolle in Ungarn sehr gut gelöst worden sei. Revisoren seien meist auch im Kapitalismus bereits Kontrollbeamte gewesen, doch bei ihnen sei die politische Überzeugung nicht so wichtig. Sie bildeten eine spezielle Sektion im Volkswirtschaftsrat. Für bestimmte Industriezweige spezialisiert, besuchten sie in unregelmäßigen Intervallen die Betriebe, verfaßten dann darüber Berichte, in denen sie nicht nur Fehler aufzeigten, sondern auch konkrete Verbesserungsvorschläge machten. Sie hatten aber kein Verfügungsrecht, sondern nur die zuständige Organisationsbehörde. In vielen Fällen entwickelte sich eine produktive Kooperation zwischen Revisor, Betriebskommissär und Betriebsrat.Anders als in Rußland wurde in Ungarn die Verteilung der Roh- und Hilfsstoffe sowie der Produktionsmittel nicht über die Betriebszentralen abgewickelt, sondern über eigene Materialämter. Diese Materialämter (etwa für Kohle, Holz, Eisen und Eisenwaren etc) hatten die Aufgabe, die meist sehr knappen Vorräte nach ökonomischen und politischen Kriterien auf die einzelnen Betriebe zu verteilen. Sie unterstanden in letzter Instanz dem Obersten Wirtschaftsrat, wurden aber unmittelbar von einem leitenden Rat geführt, der von den betroffenen Gewerkschaften beschickt wurde. Die Gewerkschaften sollten dadurch in den Aufbau und die Verwaltung der Volkswirtschaft einbezogen werden. Da viele Betriebsleiter aus falsch verstandenem Sicherheits- oder Wachstumsdenken das Mehrfache der wirklich notwendigen Materialien anforderten, mußten die Bestellungen zuerst von der entsprechenden Sektion des Obersten Wirtschaftsrates auf ihre sachliche Richtigkeit geprüft werden, bevor politisch nach Prioritäten entschieden werden konnte. Dies machte die Prozedur notwendigerweise relativ bürokratisch, wie auch Varga eingesteht (S.115). Abgesehen davon fällt aber auch hier wieder auf, daß die Materialämter zwar über politische, aber nicht über ökonomische Indikatoren verfügten, nach denen die Materialverteilung sinnvollerweise vorgenommen werden sollte.Noch unentwickelter blieb die sogenannte "Menschenwirtschaft" der Räterepublik. Es wurde zwar eine allgemeine Arbeitspflicht eingeführt, alle Arbeitskräfte statistisch erfaßt und sogenannte Arbeiterkarten ausgegeben, die zugleich als personale Legitimation, als Kranken- und/oder als Arbeitslosenausweis diente. Doch in der Praxis war die Arbeitspflicht schwer zu verwirklichen. Man arbeitete zwar nach dem Prinzip, "daß womöglich alle arbeitsfähigen Bürger produktive Arbeit verrichten, selbst wenn das Produkt ihrer Arbeit den Wert des Arbeitslohnes nicht erreicht" (S.116), da der Arbeiterstaat ohnehin alle Arbeiter erhalten muß. Doch konnte man nur dort Arbeitsplätze schaffen, wo wenig Material gebraucht wurde, was v.a. in der Landwirtschaft und den damit zusammenhängenden Bereichen der Fall war. Doch stand einer massenhaften Versetzung aus den Städten auf das flache Land der dortige Wohnungsmangel entgegen. Es war also notwendig, Arbeitslosengeld zu zahlen, und zwar nicht zu wenig, um keinen unüberwindlichen Widerstand der Arbeiter gegen Schließungen völlig unergiebiger Betriebe zu provozieren. An die proletarische Umgestaltung der Berufsausbildung, die Hebung der Hygiene der Arbeitsstätten oder die Verwirklichung einer wissenschaftlichen Berufswahl konnte sich die Räterepublik in der kurzen ihr verbliebenen Zeit nicht einmal heranwagen. Es sei hier nur am Rande erwähnt, daß Vargas Vorstellung einer "wissenschaftlichen Berufswahl" eine technisch-bornierte, nicht aber eine emanzipatorsiche Lösung des Problems von Bildungsprivilegien beinhaltet. Durch "wissenschaftliche" Tests "die Besten" herauszufiltern, wird formale soziale oder geschlechtsspezifische Privilegien lediglich in informeller Gestalt wideraufleben lassen. Notwendig wäre also die Zulassung zu Berufen und Ausbildungen von weniger Geeigneten, um biografische Defizite auszugleichen.
Abschließend beschreibt Varga noch in diesem Kapitel den Aufbau des Obersten Wirtschaftsrates, der aus einer Zusammenlegung der vier Wirtschaftsministerien bzw Volkskommissariate entstanden war. Der Oberste Wirtschaftsrat konnte selbständig über ökonomische Verordnungen entscheiden und brachte nur die prinzipiell wichtigen Fragen in den Rat der Volkskommissare (=Regierung). Das Präsidium bestand aus den 4 Volkskommissaren, die die wichtigsten Sektionen leiteten, und den Leitern der anderen Sektionen. Nach vorheriger Beratung im sogenannten Ausschuß traf das Präsidium die relevanten Entscheidungen. Der Auschuß des Obersten Wirtschaftsrates war ein 80-köpfiges Gremium, in dem die großen Gewerkschaften, die lokalen Wirtschaftsräte, die Konsumvereine und die landwirtschaftlichen Produktionsgenossenschaften, wie auch die Materialämter vertreten waren. Auch die Revisoren nahmen teil, allerdings ohne Stimmrecht. Andere Untergremien waren der Landwirtschaftliche Rat, der aber erst gegen Ende der Räterepublik gegründet wurde, und der Oberste Technische Rat, dem Ingenieure und technische Profesoren, sowie Gewerkschafter angehörten, und der über technische Neuerungen und diesbezügliche staatliche Investitionen Vorschläge zu machen hatte. Die Mitglieder dieses Rates erhielten im Unterschied zu den anderen Räten 1000 Kronen monatliches Honorar, da bürgerliche Experten anders nicht zu motivieren sind. Schließlich gab es noch die lokalen Wirtschaftsräte, die wie schon erwähnt in den Wirtschaftsämtern mitwirkten, die kommunalen Wirtschaftseinrichtungen leiteten und im Ausschuß des Obersten Wirtschaftsrates vertreten waren und Vorschläge machen konnten.
Das ganze System war gut konstruiert und litt nach Varga hauptsächlich am Mangel an entsprechenden Beamten, und am Konservativismus der Gewerkschaften. "Der Umstand ferner, daß es keine gut organisierte kommunistische Partei im Lande gab, welche in den Arbeitermassen den Sinn für die Aufgabe des wirtschaftlichen Umbaues geweckt und aufrechterhalten hätte, bewirkte, daß sich die ganze Organisation bürokratischer gestaltete als in Rußland" (S.120).
Varga ist sehr rasch mit Schuldzuweisungen an die ungarischen Arbeiter zur Hand, wenn das neue Wirtschaftsregime in Wiedersprüche geriet oder sogar um die letztendliche Niederlage der Räterepublik zu erklären. Die Arbeiter hätten zuwenig Klassenbewußtsein gehabt, wollten nichts entbehren und seien aus Faulheit, Feigheit oder Betriebschauvinismus gegen Schließungen und Entlassungen. Diese tendenziell administrative und ungeduldige Haltung war für die kommunistischen Führer der Räterepublik insgesamt charakteristisch. Die ungarische KP und v.a. ihr unangefochtener Führer Bela Kun standen in allen wichtigen Fragen in der jungen Komintern auf der unltralinken Seite, was sich jedoch durchaus mit praktischem Opportunismus verband. So wurde zu Beginn der Räterepublik in übereiltem Tempo die KPU mit der linken Sozialdemokratie fusioniert, ohne daß eine wirkliche programmatische Einheit gefunden worden wäre. Dies rächte sich natürlich während der Räterepublik und führte schließlich zu ihrem Untergang. Lenin ist hier - wie immer -sehr klar: "Seitens der revolutionären Arbeiter wäre es ein ebenso verhängnisvoller Fehler, an die Loyalität solcher Erklärungen zu glauben, wie es ein Fehler war, den ungarischen Turatileuten (=scheinbar orthodox-marxistischen Sozialdemokraten, F.H.) zu glauben, die Bela Kun ihre Unterstützung zusagten und in die KP eintraten, sich aber dennoch als Saboteure der Revolution erwiesen und durch ihr Schwanken die Revolution zugrunde richteten" (LW 31, 383/384).
Vargas Stolz auf das hohe Verstaatlichungstempo und die niedere Enteignungsgrenze sind hier ebenso als Symptome einer ultralinken Realitätsferne aufzufassen wie seine Ignoranz gegenüber dem immanenten Widerspruch zwischen gewerkschaftlichen Arbeiterinteressen und politischen Arbeiterstaatsinteressen. Dieser Widerspruch ist nicht mit Beschimpfungen aus der Welt zu schaffen. Wir werden das gleiche Problem später bei der Agrarfrage wiederfinden. Theoretisch mangelt es Varga, und dies ist sozusagen die entscheidende Lehre, die aus der ganzen ungarischen Erfahrung gezogen werden muß, an einem wissenschaftlichen Verständnis, über welche Abstraktionsschritte eine zentrale Wirtschaftsplanung erst möglich wird. Darauf aufbauend würden sich erst Methoden finden lassen, mit denen ein "geplanter" Interessensausgleich zwischen Gewerkschaften und Arbeiterstaat transparent dargestellt und demokratisch organisiert werden kann.
Wir haben bereits weiter oben festgestellt, daß für Varga die nach-kapitalistische Wirtschaft eine reine Gebrauchswertökonomie ist. Wir finden diesen Gedanken im ganzen Aufbau der räteungarischen Volkswirtschaft verankert: Es wird nirgends von der abstrakten Arbeit bzw ihrer Maßeinheit, der Zeit, als allgemeiner ökonomischer Größe ausgegangen, deren Berechnung eine entscheidende Variable in der Planung der gesellschaftlichen Reichtumsproduktion und deren Einsparung gewissermaßen als Überschrift über alle wirtschaftlichen Ziele der proletarischen Diktatur zu schreiben wäre. Daher fehlt natürlich auch die Diskussion, wie der Begriff abstrakte Arbeits operationalisierbar gemacht werden könnte und wie er sich zur verbliebenen Geldwirtschaft verhält. Die von Varga beschriebene "proletarische Betriebsführung" und der technisch-organisatorische Aufbau der ganzen Volkswirtschaft sind ohne Zweifel ein durchdachtes und teilweise praktisch bestätigtes Modell einer nach-kapitalistischen Wirtschaftsstruktur. Aber es fehlt das dynamische Element, das diese Struktur in Bewegung setzt und die Bewegung in die richtige Richtung lenkt. Der Motor sind natürlich die materiellen Bedürfnisse des Proletariats, das hätte auch E.Varga so gesehen, aber der Motor braucht quasi einen Transmissionsriemen, der erst die Wirtschaftsstruktur in Bewegung setzt. Und dieser Transmissionsriemen besteht nicht zuletzt aus Information, die wiederum auf Abstraktionen aufbaut, da reine Gebrauchswertinformationen rasch unübersichtlich und v.a. unvergleichbar werden. Arbeitszeit ist so eine Abstraktion und mit ihr lassen sich allerlei Informationen zusammenstellen und errechnen, etwa die Produktivität von Arbeit, die wiederum für eine rationale Planung und Lenkung der Wirtschaft unverzichtbar sind.
Politischer Linksradikalismus, administrative Tendenzen im Verhältnis zur Arbeiterklasse und ökonomischer Voluntarismus sind später zu den Markenzeichen der stalinistischen Dritten Periode (1929-35) und der ersten 5-Jahres-Pläne in der Sowjetunion geworden. Die ungarische Räterepublik war im Vergleich dazu eine relativ gesunde proletarische Diktatur mit geringeren Deformationen. Aber in wichtigen Elementen findet sich diese Trias bereits 1919 bei den ungarischen kommunistischen Führern, und gerade auch bei Varga.

3. Zur Agrarpolitik in Räteungarn

Die Agrarfrage war im Ungarn von 1919 eine Schlüsselfrage der Revolution, erstens, da die Landbevölkerung noch einen großen Teil der Gesamtbevölkerung stellte, zweitens, da die Ernährung der Städte für die Glaubwürdigkeit der Diktatur entscheidend war und drittens, weil die militärische Verteidigung der Räterepublik ohne die armen Bauern und die Landarbeiter unmöglich war. Die ungarischen Kommunisten sahen durchaus die Bedeutung der Frage, jedoch mußten sie aufgrund ihres ultralinken Schematismus´ zu einer falschen Politik kommen. Varga stellt das Denkmuster der Räteregierung folgendermaßen dar: "Prinzipiell sollte, wie alle Produktionsmittel, auch der Grundbesitz enteignet werden, obwohl Grundeigentum unter einer gewissen Größe nicht als Mittel der Ausbeutung dient, sondern als Naturalgrundlage der Existenz durch produktive Arbeit" (S.134).Von diesem Prinzip müsse aber aus zwei Gründen Abstand genommen werden: erstens weil sich die Diktatur nicht die "Millionen eigentumsfanatischer Kleinbauern" (ebd.) zu aktiven politischen Gegnern machen will und zweitens, weil das Proletariat nicht über genügend klassenbewußte landwirtschaftliche Betriebsleiter verfügt, um der Bauern auf einen Schlag entbehren zu können. Es komme nun darauf an, welche Rolle der Großgrundbesitz in einer nationalen Landwirtschaft spielt. Je größer der Anteil des Großgrundbesitzes, umso schärfer sei der Klassengegensatz am Lande entwickelt und desto tiefer könne bei der Enteignung gegriffen und desto umfassender kann die Enteignung vom Großgrundbesitz bis zu Groß- ja bis zu Mittelbauern angewandt werden. In Ländern, wo es hauptsächlich Klein- und Mittelbauern gäbe, sei der ländliche Klassenkampf entsprechend unterentwickelt und man könne bei der Enteignung nur langsam voran schreiten. "Daher sind die Revisionisten für die Zerschlagung des Großgrundeigentums, die Kommunisten hingegen für die Erhaltung desselben" (S.135).Dies ist eine falsche und ultralinke Ableitung einer proletarischen Agrarpolitik. Varga (durchaus als repräsentativer Vertreter der Führung der Räterepublik) versteht überhaupt nicht, daß die Frage des Grundeigentums zunächst eine bürgerlich-demokratische Frage ist, die jedoch in vielen Ländern von der bürgerlichen Revolution bzw der Bourgeoisie nicht gelöst worden ist. Dadurch muß sich die proletarische Revolution damit befassen, aber es bleibt dennoch eine demokratische Frage. "Das Land denen, die es bebauen!", ist die adäquate Forderung, die das Proletariat aus dem bürgerlich-revolutionären Programm übernehmen muß, um sich in der Bauernschaft einen stabilen Verbündeten aufzubauen. Die Sozialisierung des Landes, die sozialistische Landwirtschaft bleibt natürlich das prinzipielle Ziel, doch hängen die Schritte in diese Richtung nicht zuletzt von der Entwicklung der Produktivkräfte ab, die die Sozialisierung als praktische Notwendigkeit erweisen. Kommunisten treten daher sehr wohl für die Aufteilung des Großgrundbesitzes ein, wenn dies dem Bewußtseinsstand der Agrarbevölkerung entspricht. Man braucht sich hiefür nur das bolschewistische Programm von 1917 anschauen.Varga versucht den Weg der Bolschewiki in Rußland als Ausnahme aufgrund der extremen agrarischen Rückständigkeit des Landes hinzustellen und die Ermutigung der Genossenschaftsbildung als Korrektur in Richtung Wiederherstellung des Großgrundeigentums zu interpretieren. Der ungarische Weg sei dem russischen überlegen gewesen, denn "in Rußland wurde der Boden eigentlich gar nicht enteignet, sondern von den Bauern regellos aufgeteilt" (ebd.). In Ungarn hingegen sei es aufgrund der starken Dominanz des Großgrundbesitzes (ca 50% landwirtschaftlichen Fläche) und der Existenz einer millionenstarken absolut landlosen Schicht möglich und notwenig gewesen, nicht nur diesen Grundbesitz zu enteignen, sondern ihn auch als Großbetrieb zu erhalten. Und wie sahen diese vorbildlichen Landwirtschaftsbetriebe nun eigentlich aus? "Von dem Bestreben geleitet, die Ernte ja nicht zu gefährden, wurden die bisherigen Gutsbeamten in den meisten Fällen auf ihrem Posten belassen. Sie leiteten die Betriebe wie früher, nunmehr auf Rechnung des Staates. In vielen Fällen wurde der Eigentümer als leitender Gutsbeamter auf seinem nunmehr enteigneten Gute belassen. ... Verblieb der bisherige Gutsbesitzer als staatlich angestellter Betriebsleiter auf dem enteigneten Gut, so änderte sich sozial vorläufig gar nichts. Der Gutsbesitzer verblieb in derselben herrschaftlichen Wohnung, fuhr weiter mit demselben Viergespann, ließ sich von den Arbeitern weiter "Gnädiger Herr" anreden. Die ganze Änderung bestand darin, daß er nicht mehr frank und frei über sein Vermögen verfügen konnte, sondern den Anordnungen der Betriebszentrale folgen mußte. Davon bemerkte aber der landwirtschaftliche Arbeiter sehr wenig ..." (S.136).
Obwohl Varga in voller Offenheit das Fortbestehen der sozialen Unterdrückung am Lande beschreibt, und er auch die damit verbundenen politischen Gefahren erwähnt ("Nur ein geringer Teil der landwirtschaftlichen Proletarier hat auf diese Art die Bedeutung der Revolution erfaßt und in den Kämpfen der Roten Armee für dieselbe ihr Leben eingesetzt" (S.137).), findet er insgesamt die Politik der Räteregierung für richtig. Die Landarbeiter "waren ohne jede wirtschaftliche oder soziale Schulung, jeder zweite Mann des Lesens und Schreibens unkundig, überwiegend zu dem Wunsche neigend, sich den Boden als Privateigentum zu erwerben, nicht nur keine Kommunisten, sondern nicht einmal Sozialdemokraten ... . Mit diesem rohen, unvorbereiteten Menschenmaterial mußte sehr vorsichtig umgegangen werden, wollte man das ganze Ergebnis des Jahres in der Landwirtschaft nicht gefährden" (ebd.).
Um die landwirtschaftliche Ernte nicht zu gefährden, gefährdete man die ungarische Revolution als Ganzes. Wieder wird in der Darstellung Vargas die Nähe von ultralinkem Sektierertum und Opportunismus klar und deutlich. Mit Verachtung betrachtete man den Landhunger der Dorfarmen und konnte in ihm nichts als Rückständigkeit und Rohheit erkennen. Gleichzeitig aber vermied man die Agrarrevolution tatsächlich anzufachen, indem man die Landarbeiter für ihre eigenen Forderungen, d.h. eben für die Landaufteilung, gegen die Gutsherren und Latifundisten organisiert hätte. Die Revolution schien sich eher mit den Gutsherrn als mit den Landarbeitern zu verbünden. "Da (...) bei der sehr geringen Bildung der landwirtschaftlichen Arbeiter wie auch infolge ihrer konservativen Ideologie die Autorität des Gutsbeamten sehr groß ist, hatte im allgemeinen der leitende Gutsbeamte dem überhaupt nicht überall gewählten Betriebsrat gegenüber ein starkes Übergewicht. Die landwirtschaftlichen Betriebsräte fungierten daher im allgemeinen nur formell" (S.138).Die ungarischen Kommunisten betrachteten die Landarbeiter nicht als revolutionäre Klasse, sie versuchten deren Loyalität zur Revolution eher durch Tricks zu erlangen: "Die Form der Produktivgenossenschaft wurde wegen der sozialen Rückständigkeit der landwirtschaftlichen Arbeiter gewählt. (...) Auf diese Weise war die Möglichkeit gegeben, für die Arbeitsdisziplin und Arbeitsintensität damit zu agitieren, daß der reinertrag des Gutes den Arbeitern selbst gehöre. Hiermit wurde auch dem Bestreben der Landarbeiter, Eigenbesitz zu erhalten, in gewisser Weise Genüge getan. (...) Materiell hatte diese Konzession wenig zu bedeuten, da die Buchführung aller Güter zentral geschah" (S.137). Durch unehrliche Formalismen gegenüber den Ausgebeuteten wird sich eine revolutionäre Führung kein Vertrauen erwerben, sondern eher die konterrevolutionäre Propaganda bestätigen, es hätten nur die Herren gewechselt, statt den edlen Grafen gälte es nun den Funktionären des Proletariats zu dienen.
Die Weigerung, den Großgrundbesitz wenigstens teilweise aufzuteilen, hängt bei Varga mit nicht ganz realistischen Befürchtungen zusammen. Der führende bolschewistische Volkswirtschaftler Larin hatte in Rußland einerseits für die Aufteilung des feudalen Großgrundbesitzes argumentiert und andererseits für die Übergabe ausgedehnter Güter an die Belegschaften großer Fabriken, die bereit waren nach der Fabriksarbeit kollektiv "ihr" Gut zu bewirtschaften. "Auf diese Weise errichtet man vor den Augen der Bauern ländliche Zentren, welche durch ihr Beispiel die Landleute von dem Vorteil einer ländlichen, genossenschaftlichen und rationellen Organisation überzeugen und sie zur Nachahmung aneifern" (Larin in "Rote Fahne", Ende 1919). "Wir halten den Optimismus Larins (...), daß die Bauern durch das Beispiel der staatlichen Großbetriebe zum freiwilligen Aufgeben ihres Privateigentums angeregt würden, für utopisch. In Rußland, (...) unter dem Einfluß der Bodengemeinschaft, dem Mir, (...), besteht hiefür vielleicht eine Möglichkeit. In jenen Ländern aber, wo das Privateigentum an Grund und Boden seit langer Zeit besteht (...) ist an ein freiwilliges Aufgeben des Privateigentums in dieser Generation nicht zu denken" (Varga, S.139).
Der Optimismus bezüglich freiwilliger, genossenschaftlicher Zusammenschlüsse von Bauern war sicherlich nicht nur Larin eigen, sondern auch Lenin und Trotzki. Mag sein, daß die Voraussetzungen hiefür in Rußland besser waren, jedoch war das bolschewistische Hauptargument für diesen Optimismus nicht der Mir, sondern die Versorgung mit Saatgut, Düngemittel, Maschinen etc, die der Arbeiterstaat zuerst den Genossenschaften, und dann erst den privaten Bauern angedeihen ließ. Die dogmatische Ablehnung jeglicher Grundaufteilung durch die ungarische Räteführung kann jedenfalls mit keinerlei Berufung auf die Methode des Marxismus gerechtfertigt werden, sondern entspringt vielmehr einer sterilen und abstrakten Methode.Lenin hat die Gemeinsamkeiten von rechten und linken Zentristen in Bezug auf diese Methode und in Bezug auf die Agrarfrage erklärt. Gegen den rechten Führer der USPD Crispien gewendet, sagte Lenin am 2.KI-Kongreß: "Es sei kleinbürgerlich, meinte er (Crispien, F.H.), auf Kosten der Großgrundbesitzer etwas für die Kleinbauern zu tun. Die Großgrundbesitzer müsse man expropriieren und das Land Genossenschaften übergeben. Das ist eine pedantische Auffassung. (...) Man kann den Großbetrieb bestehen lassen und trotzdem den Kleinbauern etwas für sie sehr Wesentliches geben. Daran denkt man leider nicht; aber in der Praxis muß man das tun, sonst begeht man einen Fehler. Das wird z.B. durch das Buch Vargas (...) bewiesen, der schreibt, daß die Errichtung der proletarischen Diktatur im ungarischen Dorf fast nichts änderte, daß die Tagelöhner nichts merkten und die Kleinbauern nichts erhielten. In Ungarn gibt es große Latifundien, große Strecken Landes werden dort in halbfeudaler Weise bewirtschaftet. Es werden sich und müssen sich stets Teile des Großgrundbesitzes finden, von denen man den Kleinbauern etwas abgeben kann - besser freilich nicht als Eigentum, sondern in Pacht -, damit der kleine Parzellenbauer etwas von dem konfiszierten Besitz erhält. Sonst wird der Kleinbauer wirklich keinen Unterschied sehen zwischen dem, was früher war, und der Rätediktatur. Wenn die proletarische Staatsmacht diese Politik nicht befolgt, so wird sie sich nicht behaupten können" (LW 31, S.237/238).

4. Das Geld im Arbeiterstaat

Bisher war im Wesentlichen von der Güterproduktion die Rede, von Industrie und Landwirtschaft. Varga geht daraufhin auch sehr genau auf die Güterverteilung ein und beginnt bei der Lebensmittelversorgung, insbesondere der Städte. Diese konnte in Ungarn durch die Güterüberschüsse der enteigneten Großfarmen grundlegend gesichert werden. In untergeordneter Hinsicht war man aber auch auf Lieferungen der privaten Bauern angewiesen. Jede proletarische Diktatur müsse laut Varga mit der Feindschaft der Bauern rechnen, man müsse daher verschiedene Mittel anwenden, um von den Bauern Lebensmittel zu erhalten.Der einfachste Weg schiene zu sein, den Bauern ihre Waren schlicht abzukaufen. Doch war dies in Ungarn deswegen unmöglich, da die Regierung die bei den Bauern anerkannten, aus der Doppelmonarchie stammenden "blauen" Geldscheine nicht nachdrucken konnte, außerdem hatte sich schon während des Krieges ein gewaltiger Geldüberhang bei den Bauern gebildet, sodaß diese gegen Geld nicht zu verkaufen bereit waren. Die Geldfunktion schien sich in Unagrn schon aus diesen technischen Gründen zu verflüchtigen. Varga sah aber auch theoretisch wenig Funktion für Geld in der nach-kapitalistischen Wirtschaft. Die Ersatzlösung war zunächst ein primitiver Naturaltausch. "Es wurden Eisenbahnzüge mit Industrieartikeln, deren die Bauern dringend bedurften - (...) - in größere Bauerndörfer geschickt, um dieselben unmittelbar für die Erzeugnisse der bäuerlichen Wirtschaft - (...) - einzutauschen" (S.143). Dieses Verfahren hatte große Nachteile. Erstens fühlten sich die Landarbeiter zu Recht stark benachteiligt, da sie ja keine Naturalien einzutauschen hatten. Für ihre erhöhten Löhne erhielten sie aber nichts, was ihre Entfremdung gegenüber der Diktatur sicherlich verstärkte. Zweitens aber konnte man den Bauern keine für sie ungünstigeren Tauschverhältnisse als am Weltmarkt üblich aufzwingen, denn wenn der Staat für seine Produkte mehr Getreide verlangte, dann verkauften die Bauern im Schleichhandel an das benachbarte Ausland, wo noch die gleiche Währung Gültigkeit hatte, und besorgten sich über diese Wege auch die für sie nötigen Industriegüter. Eine ursprüngliche sozialistische Akkumulation war auf diesem Wege nicht möglich. Als Alternative schlägt Varga "ein sofortiges scharfes Anziehen der Steuerschraube" vor, "eine hohe, aber gerechte Grundwertsteuer, welche in Naturalien geleistet werden muß" (S.145). Requirierungen seien im Allgemeinen ineffektiv, da sofort mit Produktionseinschränkung u.ä. reagiert würde, und die Enteignung der reichen Bauern ist auch kein Allheilmittel.
Die Güterverteilung an die Konsumenten muß nach Varga so rasch wie möglich ihren Tauschcharakter verlieren: "Der Handel, welcher bei dem in der proletarischen Diktatur herrschenden Warenmangel notwendig in Spekulation und Wucher ausartet, muß möglichst rasch ausgeschaltet werden. (...) Der Handel verhindert die Übersichtlichkeit der Bedürfnisse, die Anpassung der Produktion an den Konsum, durchkreuzt die staatliche Material- und Güterwirtschaft, ist an sich ein anarchistisches, konterrevolutionäres Element. Er muß vor allem anderen ausgeschaltet werden." (S.148). Die Verteilung von Roh- und Hilfsstoffen, sowie von Produktionsmitteln geschieht über die Materialämter, die alle Produkte nach Sparten getrennt erfassen. "Es ist dies eigentlich der auf die ganze Produktion des Staates sich erstreckende Ausbau der aus dem Kapitalismus wohlbekannten Trusts, das ´Generalkartell´ Hilferdings" (S.149). Damit Hand in Hand geht natürlich die vollständige Verstaatlichung des Außenhandels. "Die Verteilung der Konsumgüter an die eigentlichen Konsumenten ist durch den Ausbau der Konsumvereine, durch den zwangsweisen Zusammenschluß aller Bewohner in lokal umgrenzte Konsumentengruppen leicht zu lösen. Jedem Bewohner, der einen selbständigen Haushalt führt, werden die rationierten Lebensmittel und die anderen Bedarfsgüter in der zuständigen Verteilungsstelle seines Wohngebietes zugeteilt. Anderswo kann er nicht einkaufen (Rayonierungssystem) (ebd.). Die privaten Kleinbetriebe müssen ihre Erzeugnisse ebenfalls an den staalichen Verteilungsapparat abführen. Eine Ausnahme gibt es nur für die lokale Versorgung mit landwirtschaftlichen Produkten am Lande. Diese wird direkt über die Bauern und nicht über den Staat abgewickelt.Tatsächlich hatte die ungarische Räterepublik mit einer ihrer ersten Verfügungen alle Großhandlungen und Geschäfte in den Städten (mit Ausnahme der Lebensmittel-, Papier- und Bücherläden) gesperrt. Diese Maßnahme hält Varga - trotz unbestreitbarer Unannehmlichkeiten - "für notwendig und unerläßlich", da sie alle Lagervorräte mobilisierte und den bürgerlichen Hamsterkäufern wirksam entgegenwirkte. "Der Fehler lag nicht in der Schließung der Geschäfte, sondern in der nicht energisch genug durchgeführten proletarischen Politik, in der säumigen Organisation des die Verteilungsfunktion des Handels ersetzenden Verteilungsapparates. (...) Die energische Durchführung dieses Programms wurde durch die Sabotage der Handelsangestellten und Beamten, welche um den Verlust ihrer Stellungen befürchteten, durch die Aktion der Sozialdemokraten ´zum Schutze der kleinen Leute´ , endlich durch das Vorhandensein vieler ausländischer Geschäfte, die unter dem Schutz ihres kapitalistischen Staates standen, verzögert" (S.150). Daneben gab es aber auch noch andere Schwierigkeiten mit dem neuen Verteilungssystem. Erstens waren die Konsumvereine in Ungarn recht unentwickelt. Die bestehenden wurden unter staatliche Kontrolle gestellt, andere wurden künstlich gegründet. "Die Durchführung wurde stark sabotiert, nicht in letzter Linie von der Leitung des Konsumvereines selbst" (ebd.), da in diesem keine kommunistische Führung gewählt wurde. Außerdem wurden durch den sogenannten "Rucksackverkehr" große Teile der Agrargüter der privaten Bauern dem staatlichen Verteilungssystem entzogen. "Mit jedem Eisenbahnzug fuhren Tausende von Städtern hinaus aufs Land, zu Verwandten, Freunden, Bekannten, um Lebensmittel zu hamstern. Wäsche, Schuhe, Juwelen wurden zum Tausch in die Bauernhöfe geschleppt. Die überstürzte Nachfrage trieb die Preise immer höher, die Forderungen der Bauern kannten keine Grenzen"(S.152). Der Rucksackverkehr wurde in der Folge zwar verboten, aber das Verbot wurde nicht streng genug durchgeführt, da es zu Demonstrationen von bürgerlichen Frauen und von Arbeitern und Arbeiterinnen der kleinen Betriebe kam, die staatlich schlechter versorgt waren.Varga muß natürlich zugestimmt werden, daß radikale Maßnahmen zur Sicherung der Lebensmittelversorgung der Städte nach der proletarischen Revolution notwendig und berechtigt sind. Da der ungleiche Tausch zwischen Industrie- und Agrarprodukten in Ungarn nicht möglich war, war das progressive Grundwertsteuersystem in Naturalien die beste Lösung. Dennoch ist die Frage zu stellen, ob die sofortige Enteignung und Zentralisierung des Detailhandels nicht wiederum der abstrakten, ultralinken Methode der ungarischen Kommunisten zuzuschreiben ist und kaum durch wirkliche Sachzwänge begründet war. Mangels einer lebendigen, revolutionären konsumgenossenschaftlichen Bewegung (wie es sie beispielsweise in Rußland im ersten nach-revolutionären Jahr gegeben hat) mußte das zentralistische naturale Verteilungssystem bürokratisch und ineffektiv werden. Die sozialdemokratische Sabotage soll keineswegs bestritten werden, doch hätte man ihrer Agitation vielleicht nicht durch übereilte und schlecht vorbereitete Sozialisierungsmaßnahmen Vorschub leisten sollen.
Ein fundamentalerer Punkt ist jedoch auch in diesem Zusammenhang Vargas Einschätzung der Geldfunktionen im Arbeiterstaat. Marxistische Grundauffassung ist es, daß die kommunistische Wirtschaft kein Geld mehr kennen wird, da sie eine Güterwirtschaft ist, in der "Geld als Ausdruck der dem Menschen selbst unbewußten gesellschaftlichen Vorgänge" überflüssig sein wird. Zuzustimmen ist Varga auch noch, wenn er sagt: "Der proletarische Staat kann im Beginn (allerdings) das Geld als Preismaßstab und als Zirkulationsmittel nicht entbehren. ... Ein Versuch der sofortigen Abschaffung des Geldes würde zu einem wirtschaftlichen Chaos führen" (S.157). Seine Begründung jedoch wagen wir anzuzweifeln. Geld sei nur notwendig, "solange die naturale Verteilung der Güter nicht voll durchgeführt ist und neben den gemeinwirtschaftlichen Betrieben große Reste des privatwirtschaftlichen Systems vorhanden sind" (ebd.). Dies suggeriert, daß der Markt durch "naturale Verteilung" ersetzt werden könnte und daß die einzige Grenze gegen diese Ersetzung das Fortbestehen privaten Kapitals sei. Naturale Verteilung bedeutet, daß konkrete Gegenstände den technischen und politischen Anforderungen entsprechend weitergegeben werden.
Dies ist allerdings eine naturalistische Verkürzung. In Geldeinheiten werden im Kapitalismus die Warenpreise ausgedrückt, wobei bekanntlich ein schwankender, insgesamt jedoch geseztmäßiger Zusammenhang zwischen Preis, Tauschwert und Wert besteht. Diese sind bei weitem nicht identisch, ja die Preise weichen aufgrund der von Marx im dritten Band des Kapitals beschriebenen Bildung der Produktionspreise systematisch vom Wert ab, jedoch transportieren Preise im Kapitalismus dennoch eine verzerrte Information über das in den Waren vergegenständlichte Quantum Arbeitszeit. Obwohl die Antriebskraft des kapitalismus das kurzfristige Profitstreben des Unternehmers ist, war er aufgrund dieser Information (trotz aller Destruktivität) über lange Geschichtsepochen in der Lage, eine reale Weiterentwicklung der Produktivkräfte zu bewirken, da Kostenersparnis letztlich auch Arbeitszeitersparnis bedeutete. Der Transport dieser Information kann nicht durch "naturale Verteilung" ersetzt, geschweige denn die Informationsverzerrung dadurch überwunden werden. Die Frage, durch welches System eine möglichst umfassende Information über verbrauchte (benötigte oder verschwendete) Arbeitszeit gewährleistet werden kann, ist eine der bedeutendsten für jede nach-kapitalistische Ökonomie. Und natürlich ebenso die Frage, wie dieses System das Geldsystem ablösen oder eventuell aus ihm heraus entwickelt werden kann.
Varga stellt sich diese Frage nicht und hinkt damit hinter der daraufbezüglichen Diskussion in der frühen Sowjetunion nach. Für ihn ist es daher auch eine rein politische Opportunitätsfrage, wie rasch und wie vollständig der Markt als Mechanismus zerschlagen und unterdrückt werden soll. Die Notwendigkeit, einen ökonomischen Ersatzmechanismus zu etablieren, ist dafür jedenfalls kein Kriterium. Trotzki hat später gegen die bürokratische Liquidierung des Marktes durch den stalinistischen Fünf-Jahres-Plan auf die notwendige Vergleichs- und Korrekturfunktion des Marktes im Arbeiterstaat hingewiesen. Schafft man einfach den Markt ab, so stößt man die proletarische Wirtschaft auf eine Ozeanfahrt ohne Kompaß. Solange man noch das Ufer sieht, gibt es eine "naturale" Orientierung, doch wenn das Auge nur noch ungeordnete Wellen erblickt, werden Steuerungsfehler praktisch unvermeidlich.Die ungarische Räterepublik war einseitig damit beschäftigt, die kapitalistischen Geldfunktionen (v.a. als Geldkapital und als Schatz, aber auch als Zirkulationsmittel) abzuschaffen, investierte aber nichts in den Aufbau einer rationalen volks- und betriebswirtschaftlichen Arbeitszeitrechnung. Wie gesagt, die Geldkapitalfunktionen wurden zurecht und rasch beseitigt: Alle Geldinstitute wurden unter staatliche Kontrolle (was nicht das gleiche wie Arbeiterkontrolle ist) gestellt, wenn auch nicht augenblicklich enteignet. Alle Zinszahlungen auf Bankguthaben wurden sofort eingestellt. Die Umwandlung von Geld in produktives Kapital wurde dadurch verhindert, daß durch die Enteignung des großen und mittleren Kapitals auch der Markt für Kleinkapital praktisch zum Erliegen kam. Die Zirkulationsfunktion des Geldes wurde vorläufig beibehalten, da man den Arbeitern Löhne auszahlen und den Handel mit dem Privatsektor finanzieren mußte. Der Austausch zwischen den Staatsbetrieben wurde bargeldlos durchgeführt. Die Geldpreise im Staatssektor verloren relativ rasch jede Wertbedeutung und wurden zu simplen Verrechnungsgrößen, auf die man auch bald verzichten zu können meinte.Die Schatzfunktion des Geldes sollte durch eine Kombination von Geldentwertung, Ungültigerklärung und Absterben des Geldes beseitigt werden. Die Geldentwertung ergab sich schon allein daraus, daß der Staat nur durch das Drucken von Papiergeld sein Haushaltsdefizit decken konnte. Da dem keine gleichartige Erhöhung der Produktion gegenüberstand, wurde dadurch die Inflation angeheizt. Dies war zwar nicht wünschenswert, da es das Planen erschwerte und außerdem ständige Rangeleien über die Lohnforderungen nach sich zog. Aufgehäufte Geldschätze verloren aber dadurch an Wert. Die Ungültigerklärung der alten Währung hätte mit jeglichem kapitalistischen Geldreichtum rasch aufräumen können, jedoch hätte dies auch zur Verelendung von Kranken und Alten geführt, für die noch kein ausreichendes Sozialsystem zur Verfügung stand. Trotzdem mußte schließlich die alte (blaue) Kronenwährung abgeschafft werden, da die Notenpresse für alle größeren Geldscheine in Wien stand, und die neuen, nur einseitig bedruckten (weißen), kleinen Scheine von den Bauern nicht angenommen wurden. Dadurch entstand allerdings erst recht eine währungspolitische Doppelmachtsituation: Der Staatssektor und die Arbeiter verwendeten neue Geldscheine, die Bauern und der Privatsektor akkumulierten die blauen Scheine. Letztere waren am Schwarzmarkt schließlich doppelt so viel wert wie die offizielle Währung, da eben die Inflation ausschließlich diese betraf. Soweit uns die Situation verständlich ist, gab es tatsächlich keine andere Lösung. Die volle Durchsetzung der neuen Währung wäre erst nach der Niederschlagung der Konterrevolution und einer effektiven Grenzsicherung (bzw einer Internationalisierung der Revolution) möglich gewesen.
Der Gedanke des "Absterbens des Geldes" verweist aber wieder auf die nun schon mehrfach erwähnte Problematik: "Die proletarische Wirtschaft ist prinzipiell Güterwirtschaft, Naturalwirtschaft. Mit dem Ausbau der staatlichen Wirtschaft verschwindet v.a. das Geld aus dem Verkehr der gemeinwirtschaftlichen Betriebe untereinander. Die Kohlengruben beliefern die Bahnen und Eisenwerke mit Kohle ohne Preisverrechnung. Die Eisenhütten liefern das Eisen an die Maschinenfabriken, diese die Maschinen an die staatlichen landwirtschaftlichen Betriebe, ohne Vermittlung des Geldes. Die Arbeiter erhalten einen stets größeren Teil ihres Lohnes in Naturalform: Wohnung, Heizung, Brot, Fleisch usw. ... Das Geld stirbt auch als Zirkulationsmittel ab, bevor noch die Enteignung oder das freiwillige Aufgeben der privaten Produktionsmittel der Bauern vollzogen ist. Und hiermit ist das schatzproblem endgültig gelöst" (S.160). Mit anderen Worten, die vollständige Liquidierung der Schatzfunktion des Geldes ist gleichbedeutend mit der Liquidierung seiner Zirkulationsfunktion. Letzteres ist für Varga ein rein technisches Problem. Der Staatssektor muß gefestigt und gut organisiert sein und der Staatshaushalt darf kein Defizit aufweisen (ebd.) Dann kann das Geld in kurzer Frist überflüssig gemacht werden.
Diesem "Naturalökonomismus" wollen wir hier noch einmal die These entgegenstellen, daß das Geld nur insoweit absterben kann, als der Arbeiterstaat einen alternativen Steuerungsmechanismus aufgebaut hat. Es ist naiv, zu glauben, man brauche Einsenbahnen und Stahlwerken nur die benötigte Kohle liefern, diese wiederum würden ohne Rechnungsstellung ihre Erzeugnisse weitergeben und am Ende würden die Arbeiter in Naturalien bezahlt bzw damit versorgt, ohne daß jemals eine abstrakte Quantifizierung dazwischentreten müsse. Eine Wirtschaftsplanung wäre nur "natural" d.h. "über den Daumen", aber nicht wissenschaftlich exakt möglich. Die Planungsfehler würden unweigerlich zu Engpässen und Überschüssen führen, die ihrerseits einen Schwarzmarkt hervorbringen würden. Schwarzmärkte erzeugen sich ihr "Geld", sei es eine ausländische Valuta oder sonst eine Ersatzwährung (Zigaretten usw). In Ungarn konnten diese Fehler nicht zum Tragen kommen, da während der wenigen Monate der Räterepublik kaum eine Vorwärtsplanung in der Wirtschaft betriebenwerden konnte. Da Varga aber später Kominternexperte für Wirtschaftsfragen wurde, pflanzten sich diese Fehler weiter fort. Die sowjetische Planwirtschaft ab 1929 litt genau unter diesem ökonomischen Volutarismus, der ohne wissenschaftliche Steuerungsinstrumente auskommen zu können meinte. Der stalinistische Voluntarismus war allerdings mehr als ein "Fehler", er war bereits Ausdruck der nationalökonomischen Ignoranz einer herrschenden Bürokratenkaste.

5. Zusammenfassung

Varga kommt im darauffolgenden Kapitel über den proletarischen Staatshaushalt noch einmal auf das Verteilungsproblem zu sprechen, indem er sich frägt: "Wie hoch soll der Preis der staatlichen Erzeugnisse festgesetz werden?" und nach verschiedenen Erwägungen zu folgender Antwort findet: "Prinzipiell müssen daher alle staatlichen Güter zum ´gesellschaftlichen Selbstkostenpreis` verkauft werden. Dieser Begriff wurde von Volkskommissar Lengyel während der Diktatur geprägt. Wir verstehen darunter den Selbstkostenpreis plus einem zur Deckung der Erhaltungskosten der nicht Arbeitenden genügenden Zuschlag, plus einem Zuschlag zur Ermöglichung der realen Akkumulation" (S.166). Diese Definition reflektiert nicht, was der betriebliche Selbstkostenpreis eigentlich ist, da in diesen ja wiederum unzählige Preise von Vorprodukten eingehen. Insofern auch nur auf einige dieser Preise Marktmechanismen Einfluß haben, drücken sie den vergegenständlichten Wert nur systematisch verzerrt aus. Die Arbeitszeit hochproduktiver Betriebe wird "überbewertet", jene von unterdurchschnittlichen Betrieben diskriminiert. Solche Preise sind für eine sozialistische Planung nur schlecht geeignet, weil sie bewußtlose, blinde Steuerungswirkungen haben. Die Preisbildung müßte systematisch einer Arbeitszeitberechnung angenähert werden. Konkrete Modelle, wie dies zu erreichen wäre können hier nicht entwickelt werden, müssten aber durchaus Ziele marxistischer Wirtschaftswissenschaft sein.
Die ungarische Räterepublik hat zahllose Fragen auch auf ökonomischen Gebiet offengelassen. Aber sie hat das unendlich große Verdienst, viele von ihnen erst konkret gestellt zu haben. Marxisten können aus dem Studium der ungarischen Räterepublik viel lernen, wenn auch jeder Lernvorgang ein kritischer sein muß. Die Fehler dürfen nicht aus Ehrfurcht und nicht aus falscher Loyalität verschwiegen oder verkleinert werden. Nur Offenheit und "Sagen-was-ist" kann dem Fortschritt des Marxismus dienen. Zusammenfassend können wir uns hier durchaus Trotzki anschließen: "Nachdem sie die Macht ohne Kampf erobert hatten, zeigten die ungarischen Führer, daß sie durchaus unfähig waren, sie festzuhalten. Ihre Politik war eine Kette von Fehlern: !.vergaßen sie die Bauern, indem sie ihnen kein Land gaben; 2. vereinigten sie in ihrer Freude die junge kommunistische Partei mit der linken Sozialdemokratie, sobald die letztere sich der Macht anbiederte. Damit zeigten sie - und in erster Linie Bela Kun -, daß die Erfahrungen der russischen Revolution sie weder die Bauernfrage, noch die Frage der Rolle der Partei während der revolution zu verstehen gelehrt hatte (Leo Trotzki, Wer leitet heute die Komintern, S.9).Trotzki ging es aber keinesfalls um eine destruktive Kritik, sondern um das Ziehen von Lehren aus gescheiterten Erfahrungen. Nur daraus entsteht theoretischer und praktischer Fortschritt. Und genau so ein Fortschritt, so eine rücksichtslose Erneuerung und Weiterentwicklung des Marxismus, nicht zuletzt auf dem Gebiet der politischen Ökonomie des Arbeiterstaates, ist heute notwendiger denn je. Nach dem Kollaps der degenerierten Arbeiterstaaten in Osteuropa und dem Fortschreiten der kapitalistischen Restauration auch in China ist eine kritische Neuerarbeitung planwirtschaftlicher Konzeptionen eine Überlebensbedingung des Marxismus. Die LRKI wird sich daran nach ihren Kräften beteiligen.

Exkurs: Ungarn 1919 - Ultralinke Agrarpolitik

"In Ungarn ist die Verteilung des Grundbesitzes, wie allgemein bekannt, sehr ungleich. Von der als Ackerbau genutzten Fläche entfielen im Jahre 1916 35% auf Betriebe über 100 Joch (57 Hektar). Von der gesamten Bodenfläche entfiel ein noch größerer Teil auf den Großgrundbesitz. In dem unter der Räteherrschaft stehenden, vom Feinde nicht besetzten Teil Ungarns war dieses Verhältnis noch ungünstiger. Dementsprechend gab es in Ungarn eine nach Millionen zählende, absolut landlose Schicht von landwirtschaftlichen Arbeitern. Von Rumänien und Irland abgesehen, gibt es nirgends eine solche Riesenzahl besitzloser Landarbeiter als in den von Magyaren bewohnten Teilen des alten Ungarns, Landarbeiter, die keinen Fetzen Land ihr Eigen nennen, die nicht einmal Pachtfelder auf eigene Rechnung bebauen, sondern heimatlos, wie die industriellen Arbeiter hin und hergeworfen, ihr Leben fristen.
Unter diesen Umständen konnte bei der Enteignung des Grund und Bodens energisch vorgegangen werden. Die Verordnung vom 3. April 1919 erklärte allen Groß- und Mittelbesitz samt dem ganzen lebenden und toten Inventar und den Forderungen und Bankguthaben ohne Entschädigung für enteignet. Das Minimum, welches von der Enteignung freiblieb, wurde in der Grundverordnung selbst nicht bestimmt. In der Durchführungsverordnung wurde es auf 100 Joch (57 Hektar) festgesetzt. Hierdurch gelangten mehrere Millionen Hektar des gesamten Grund und Bodens, beiläufig etwa 50% der Gesamtfläche, 35-40% des Ackerbodens, juristisch in den Besitz der arbeitenden Klassen" (Varga, S.135).
Der organisatorische Aufbau der enteigneten Großgüter war auf folgende Art in der Durchführung begriffen: Aus den einzelnen Gütern wurden Produktivgenossenschaften gebildet. Die Genossenschaften eines Territoriums wurden unter einer gemeinsamen Oberleitung vereinigt. Sämtliche Produktivgenossenschaften wurden in der 'Landesbetriebszentrale der landwirtschaftlichen Produktivgenossenschaften' zusammengefaßt, welche unmittelbar unter der Leitung der Sektion für Ackerbau des Obersten Wirtschaftsrates stand. Die Form der Produkltivgenossenschaft wurde wegen der sozialen Rückständigkeit der landwirtschaftlichen Arbeiter gewählt. (...) Materiell hatte diese Konzession wenig zu bedeuten, da die Buchführung aller Güter zentral geschah. Es bestand die Absicht, nach genügender Aufklärung die enteigneten Großgüter offen als Staatseigentum, die Arbeiter als Angestellte des Staates zu erklären, ganz wie die industriellen Arbeiter" (ebd. S.137).