Thesen zum Maoismus

8. Kongress der Liga für die Fünfte Internationale, Januar 2011, Revolutionärer Marxismus 45, Dezember 2013

Charakterisierung des Maoismus

Der Maoismus stellt eine Form des Stalinismus dar, der Merkmale aufweist, die spezifisch für ärmere, halbkoloniale Länder sind. Historisch betrachtet entwickelte er sich sowohl organisatorisch als auch programmatisch als Teil der stalinisierten III. Internationale (Komintern). Der Maoismus als unabhängige politische Strömung entstand erst nach einem verschärften Machtkampf zwischen den nationalen Bürokratien Russlands und Chinas, der schließlich – ähnlich dem Zerwürfnis zwischen Stalin und Yugoslawiens Führer Tito 1948 – zum Bruch führte. Während dies den geschichtlichen Moment darstellt, durch den der Maoismus als separate politische Strömung entstand, war er jedoch nur ein formaler, d.h. explizit politischer Ausdruck der Prinzipien, welche schon während der chinesischen Revolution vorherrschten und ihr einen eigenen Charakter gaben. Trotz einer Anzahl markanter Unterschiede stellt der Maoismus eine spezielle Form des Stalinismus dar – und teilt seine grundlegend reaktionären Aspekte.

Trotzki sagte vorher, dass sich die Sektionen der Komintern unter dem Einfluss von Stalins „Sozialismus in einem Land“ vom Marxismus weg bewegen und entlang nationaler Linien degenerieren würden, wie es die KPdSU zuerst vollzog. Die KP Chinas folgte diesem Kurs einerseits durch Anpassung an die zahlenmäßig weit überlegene Bauernschaft und andererseits durch die völlige Vernachlässigung des städtischen und ländlichen Proletariats. Darüber hinaus spielte das Abreißen ihrer Bindungen an die revolutionären und zentristischen Traditionen der KP Chinas von 1921-27 eine Rolle. Weitaus lebendigere Einflüsse auf die Partei hatten die ultralinke 3. Periode und die 4. Periode der Volksfrontpolitik, weil Mao Tsetung gerade während der 4. Periode zum überragenden Parteiführer aufstieg. Die lang anhaltende geografische Isolierung von der Aufsicht der Komintern und der sowjetischen Partei erlaubte Mao die Umgestaltung seiner Ideologie und Praxis. In den fünf Jahren vor und dem Jahrzehnt nach Stalins Tod produzierten auseinander treibende und desintegrative Tendenzen innerhalb des Weltstalinismus den Maoismus, parallel zu den nationalen Trennungslinien von Tito, Togliatti, Hoxha, Ho Tschi Minh, Pol Pot, Abimael Guzmán usw.

Der Maoismus teilt mit dem Moskau-Stalinismus wesentliche Elemente des Programms und der Ideologie, welche ihren gesellschaftlichen Ursprung in den materiellen Interessen einer Bürokratie haben, welche wiederum verbunden ist mit den ArbeiterInnen und unterdrückten Bewegungen. Die wichtigsten ideologischen Elemente, die uns den Maoismus als eine Variante des Stalinismus sehen lassen, sind folgende:

1. Sozialismus in einem Land. MaoistInnen teilen die Ansicht, dass der Sozialismus zuerst auf einem nationalen Terrain aufgebaut werden kann und soll. Dies ist der Grund, warum verschiedene stalinistische Staaten, die eine Sympathie für Mao hegten – wie z.B. Hoxha in Albanien oder für einige Zeit Kim il-Sung in Nordkorea – sich auf Autarkie orientierten. Das vermutlich barbarischste und bizarrste Beispiel für den maoistischen Versuch eines autarken Staates stellte Kambodscha dar, wo das Pol Pot-Regime Millionen ermordete, bevor es 1979 zusammenbrach.

2. Eine mechanistische Theorie, getrennter historischer Phasen auf dem Weg zur Klassenmacht der ArbeiterInnen. MaoistInnen teilen die Vorstellung, dass auf dem Weg zum Sozialismus die Arbeiterklasse zuerst für eine separate historische Phase kämpfen muss – genannt die „Neue Demokratie“ – in welcher der Kapitalismus nicht abgeschafft wird. Dieser „Neuen Demokratie“ zufolge führt die maoistische Partei eine Koalition sich kontrovers gegenüberstehender Klassen an – den „Block der vier Klassen“. Dieser Block – ähnlich u.a. der „antifaschistischen-Demokratie“, der „anti-monopolistischen Demokratie“ sowie „national-demokratischen Revolutions“-Konzepten der pro-Moskau StalinistInnen – beinhaltet die ArbeiterInnen, die Bauern, das Kleinunternehmertum sowie die „patriotischen“ Kapitalisten. Faktisch ordnet somit die „Neue Demokratie“ die Arbeiterklasse der Ausrichtung der Bürokratie auf einen Block mit der „patriotischen“ Bourgeoisie unter.

3. Das Konzept der Hegemonie der Arbeiterklasse wird in der Praxis zurückgewiesen. Während die führende Rolle der Arbeiterklasse von den MaoistInnen formell verteidigt wird, ersetzen sie diese praktisch durch die führende Rolle der stalinistischen Partei und ordnen das Proletariat den Kämpfen nicht proletarischer Schichten unter (Bauernpartisanenkrieg, Fokussierung auf Studentenbewegungen usw.). Deshalb konzentrierte sich, u.a. die KP China darauf, eine Bauernpartisanenarmee aufzubauen, ähnlich der KP Nepals (MaoistInnen) bis 2006, der KP Indiens (MaoistInnen), des „Sendero Luminoso“ in Peru und der KP der Philippinen. Die MaoistInnen, die eine Strategie der „Massenlinie“ bis zum „langwierigen Volkskrieg“ vorziehen, wandeln sich, wenn sie Masseneinfluss gewinnen, in reformistische Parlamentsparteien wie z.B. die PCR in Argentinien, verschiedene KP(MLs) in Indien oder die nepalesische KP Nepal (M) nach 2006.

4. Offene Förderung von Nationalismus und Chauvinismus. Wie der Stalinismus ist der Maoismus im Grunde nationalistisch. Dies drückt sich nach innen im Staatsleben in der offenen Förderung des Nationalismus als ein Mittel gesellschaftlicher Kontrolle aus, nach außen durch das Konkurrieren im ‚großen Wettbewerb‘ um internationale Beziehungen mit anderen Mächten in der kapitalistischen Epoche. Aber anders als in der Sowjetunion, wo der Nationalismus einen Teil der Degeneration seiner revolutionären Fundamente von 1917 darstellte, besaß der Maoismus eine viel organischere Beziehung zum Nationalismus von dessen Ursprüngen im China der 1930er Jahre. Der in der Theorie des „Sozialismus in einem Lande“ inhärente Nationalismus wurde der zentrale Slogan des Programms der KP Chinas während ihrer Rivalität mit der Kuomintang, in welcher sie nicht nur die Bauern an ihrer Basis, sondern auch das städtische Kleinbürgertum sowie die „patriotischen“ Teile der chinesischen Bourgeoisie anzusprechen versuchte. Diese Bindung zum Nationalismus gewann während des Krieges gegen die japanische Besatzung noch an Bedeutung. Die generelle Ansicht, die Bauernschaft stelle den prinzipiellen Akteur einer revolutionären Umwälzung dar, stellt eine Tendenz innerhalb des Maoismus dar, welche nationalistische, traditionsgebundene und rückständige ideologische Ansichten aufnimmt und versucht, diese in Einklang mit den Ideen des Kommunismus und revolutionärer gesellschaftlicher Veränderung zu bringen. Dies tendiert darüber hinaus zu einem vollauf nationalzentriertem, anti-internationalistischem Parteiaufbaukonzept.

6. Ein bürokratisches Modell der Partei, inklusive Führerkult (z.B. „Großer Steuermann“). Maoistische Parteien werden dominiert von einer bürokratischen Führung. Ihnen fehlt interne Demokratie einschließlich des Rechts, Tendenzen oder Fraktionen zu bilden. Ausschlüsse oder Spaltungen werden oft mit physischer Konfrontation einschließlich der Tötung begleitet (z.B. die diversen Unterdrückungen der rivalisierenden Führer in der „Kultur-Revolution“ Chinas, die Ermordung von Oppositionellen durch die philippinische KP oder die bewaffnete Konfrontationen zwischen indischen MaoistInnen. Die maoistische Version von „Kritik und Selbstkritik“ stellt üblicherweise nur eine Maskerade dafür dar, dass die Führung Oppositionelle öffentlich bestraft.

Der Maoismus entwickelte sich in China unter anderen gesellschaftlichen und historischen Umständen als der russische Stalinismus.

1. Er entwickelte sich in China, einer armen Halbkolonie, welche Gefahr lief, von rivalisierenden imperialistischen Mächten auseinander gerissen zu werden.

2. Er ist das Ergebnis einer historischen Niederlage der Arbeiterklasse in der Revolution von 1925-27 dar, welche zur physischen Vernichtung der Arbeitervorhut durch die Kuomintang führte.

3. Er entstand nicht vor dem Hintergrund von Arbeiterkämpfen, sondern vor dem Hintergrund eines Bauernkriegs, geführt von Bauernsoldaten einer bäuerlichen Bevölkerung, welche unter einer zum Großteil städtischen, kleinbürgerlich dominierten Führung stand.

Daher ist der chinesische Maoismus – als auch der Maoismus als internationale Bewegung – stark von kleinbürgerlichem, populistischem Revolutionarismus beeinflusst. Dies ist das Ergebnis der Kombination von kleinbürgerlichem Milieu, auf das sich der Maoismus meist orientiert, mit der kleinbürgerlichen Form des Partisanenkampfes. Zusätzlich zu diesen integriert der Maoismus verschiedene vor-sozialistische sowie nationale Traditionen in seine Ideologie (wie die Sun Yat-sen-Ideologie in China, die Inka-Tradition der peruanischen KP oder Skanderbeg in Hoxha’s albanischer PLA.

Der Maoismus entwickelte einen starken kleinbürgerlich-idealistischen sowie subjektivistischen philosophischen Ansatz, der de facto den dialektischen und historischen Materialismus aufgab. Er ersetzt eine objektive Klassenanalyse durch eine idealisierte Haltung zur Partei und insbesondere ihrem großen Führer, welcher den „proletarischen Geist“ verkörpert. Der Maoismus kann faktisch alles für proletarisch erklären, durch eine idealistische Wendung der marxistischen Dialektik, wobei der „Hauptwiderspruch“ von der Partei und ihren Führern immer auf den jeweils aktuellen Block oder die Kurswende bezogen wurde. Diese maoistische Methode passte zu isolierten (oder sich selbst isolierenden) politischen Kräften, welche anziehend auf kleinbürgerliche Milieus wirkten. Diese Kräfte reichten von deutschen und italienischen MaoistInnen bis hin zu ihrer US-amerikanischen Version. Während Erstere durch starke, existente Arbeiterparteien von den Massen der ArbeiterInnen getrennt waren, waren Letztere durch die politische Rückständigkeit der US-ArbeiterInnen isoliert. In Asien war es die geografisch bedingte Isolation, welche die Bedingungen während und direkt nach dem “Langen Marsch” beeinflusste.

Wichtige Elemente der maoistischen Strategie sind die Vorstellungen von „lang andauernden Volkskriegen“ und von „Massenlinien“. Wo der Maoismus Masseneinfluss gewinnt, offenbaren diese Vorstellungen zwei Varianten eines kleinbürgerlich-populistischen Volksfront-Konzepts. Das Konzept des „Volkskriegs“ kann ein Ausdruck des Radikalismus der unterdrückten armen Bauernschaft sein, ordnet diese jedoch der Parteibürokratie und ihrem strategischen Ziel – dem “Block der vier Klassen“ – unter. Während der erste Teil der Mao-Worte “Die politische Macht kommt aus den Gewehrläufen” oft dazu verwendet wurde, Revolutionen als puren militärischen Akt darzustellen, um jene, die keine Waffen zur Hand nehmen, als falsche RevolutionärInnen darzustellen, macht der Rest des Satzes „aber die Gewehre müssen immer in der Hand der Partei sein.” deutlich, dass die zu erreichenden Ziele der militärischen Aktionen die strategischen Ziele der Partei darstellen. Das Konzept der “Massenlinie” beschreibt eine Orientierung hin zum Aufbau von Massenorganisationen, welche unter dem Einfluss der bürokratischen Parteiführung stehen. Gewöhnlich werden diese Massenorganisationen dem Partisanenkampf als legale Deck-Organisation untergeordnet, in welchem sie allein eine Rolle als UnterstützerIn für die Hauptform des Kampfes – den bewaffneten Kampf – einnimmt. U.a. Umständen können diese Massenorganisationen aber auch als Instrument verwendet werden, um den reformistischen Drang der Partei nach Mitwirkung am bürgerlichen Staat zu unterstützen oder aber – unter speziellen Umständen wie in China in den frühen 1950ern – werden sie für die Machtergreifung verwendet, in welcher die Partei die Bourgeoisie enteignet und gleichzeitig eine politische Diktatur gegen die Arbeiterklasse aufbaut. Ein klassisches Beispiel für die Vereinbarkeit eines bewaffneten, kleinbürgerlichen Kampfes und reformistischem Parlamentarismus stellt die UCPN(M) in Nepal dar. Innerhalb weniger Monate und ohne irgendwelche starken internen Auseinandersetzungen, wechselte die Partei 2006 vom Partisanenkampf in eine Regierungskoalition mit offen bürgerlichen Parteien, um das Konzept der Etablierung einer bürgerlichen Republik basierend auf einer kapitalistischen Wirtschaft zu verwirklichen.

Eine weitere wichtige Innovation des Maoismus war die reaktionäre, idealistische Theorie, die UdSSR als „Sozialimperialismus“ zu denunzieren. Diese Theorie zur Charakterisierung der UdSSR als „Sozialimperialismus“ konnte sich natürlich auf viele reaktionäre Merkmale der Politik Moskaus beziehen: nationale Unterdrückung in Osteuropa und Zentralasien, Unterordnung halbkolonialer Revolutionen unter die Außenpolitik Moskaus, Unterordnung der wirtschaftlichen Entwicklung anderer bürokratisch degenerierten Arbeiterstaaten unter die wirtschaftliche Entwicklung der UdSSR etc. Aber der Maoismus ignorierte die objektive Klassenbasis der UdSSR, welche einen degenerierten Arbeiterstaat darstellte, in welchem der Kapitalismus abgeschafft und eine bürokratisch geführte Planwirtschaft errichtet wurde. Über diese Planwirtschaft herrscht eine bürokratische Diktatur an der Spitze eines verbürgerlichten Staatsapparats. Um die vorgenommene Bezeichnung „Staatsimperialismus“ zu rechtfertigen, die von einem Zusammenprallen nationaler Staatsinteressen ausgelöst wurde, erklärten die MaoistInnen die UdSSR zu einem „Staatskapitalismus“ ohne den ernsthaften Versuch einer sozio-ökonomischen Analyse zu unternehmen, wie z.B. zu untersuchen, wie die Eigentumsverhältnisse vom „Sozialismus“ zum „Kapitalismus“ umgewandelt wurden oder wie die politische Konterrevolution zwischen Stalins Tod und Chrustschows Aufstieg verlief. Die Theorie des „Sozialimperialismus“ war eine verallgemeinerte Form der „Theorie“ Stalins, geboren in den 1930ern, mit der parteiinterne Gegner als „Faschisten“ oder „imperialistische Agenten“ denunziert und oft ermordet wurden. Die reaktionären Folgen dieser Theorie waren, dass die UdSSR und ihre Verbündeten nicht gegen den Imperialismus verteidigt wurden. Stattdessen kollaborierte Peking – nach dem berühmten Treffen zwischen Mao und Nixon 1972 – stillschweigend mit dem US-Imperialismus gegen Moskau. Beispiele hierfür können im Krieg in Vietnam 1979 im Dienste des US-Imperialismus, in Chinas Unterstützung für die pro-imperialistische UNITA gegen die MPLA-Regierung in Angola oder in ihrer Unterstützung für die reaktionären Mudschahedin in Afghanistan gegen die PDPA und die sowjetischen Truppen nach 1979 gefunden werden. Eine ideologische Spiegelung dieser reaktionären Politik war Maos „Drei Welten-Theorie“, nach der die Welt in drei Teile geteilt war: die Erste Welt (die zwei Supermächte USA und UdSSR), die Zweite Welt (die Verbündeten dieser Supermächte) sowie die Dritte Welt. Dieses Konzept rechtfertigte die reaktionäre Unterstützung Pekings für rechtsgerichtete, pro-amerikanische Diktaturen, wie z.B. die des Schahs in Iran, das Marcos-Regime auf den Philippinen, das Pinochet-Regime in Chile oder die Regierung Bandaranaike in Sri Lanka, die Tausende von Jugendlichen während des Aufstands 1971 abschlachtete. Obschon Albaniens stalinistischer Diktator Enver Hoxha – und mit ihm viele MaoistInnen, die sich von China nach 1978 abwandten – später die „Drei Welten-Theorie“ ablehnte, behielt er aber das essenzielle, reaktionäre Konzept des „Sozialimperialismus“ bei.

Mit dem Fehlen einer materialistischen Klassenanalyse ist die weitestgehende Konfusion innerhalb der maoistischen Reihen über die leninistische Theorie der Arbeiteraristokratie verbunden. Während einige Teile die riesige Mehrheit der weißen Arbeiterklasse in den imperialistischen Metropolen als „verbürgerlicht“ denunzieren, als einen Teil der Arbeiteraristokratie ansehen oder gar behaupten, sie seien überhaupt keine ArbeiterInnen (wie die MIM), leugnen andere Teile des Maoismus (darunter die deutsche MLPD) wiederum praktisch die Existenz einer Arbeiteraristokratie als gesellschaftliche Schicht. Beide Teile ignorieren Lenins korrekte These, dass die Arbeiteraristokratie die privilegierte, oberste Schicht der Arbeiterklasse darstellt, welche über ihren Reproduktionskosten aus den imperialistischen Extraprofiten bezahlt wird – Extraprofite, welche aus der halbkolonialen Welt sowie aus den überausgebeuteten Schichten des Proletariats in den Metropolen selbst stammen.

Nach der Spaltung zwischen der UdSSR und China entstand folgende Situation:

1. China war die schwächere Macht, deshalb hatte Peking weniger materielle Mittel, um Bürokratien in anderen stalinistischen Parteien zu finanzieren.

2. Die wenigen Pro-Peking-Parteien, die Masseneinfluss hatten, erlitten entweder eine historische Niederlage (KP in Indonesien 1965, KP in Thailand in den frühen 1980ern) oder drifteten ab und passten sich an ihre eigene nationale Bourgeoisie an, die im Konflikt mit Peking standen, wie z.B. die CPI(M) in Indien. Diese war jedoch keine wirklich maoistische Partei, aber anfänglich eine linke stalinistische Partei. Moskaus Bündnis mit Indien und in Verbindung mit der chinesischen Invasion Indiens führte zu riesigen Verlegenheiten für jede Partei, die sich nach Moskau oder China richteten. Unabhängigkeit von Moskau und Peking war die beste Lösung für die CPI(M). Die MaoistInnen in der CPI(M) spalteten sich ab und starteten einen Partisanenkrieg gegen den indischen Staat (die Naxaliten-Bewegung). Verschiedene Ereignisse zersplitterten die Maoisten, die sich bemühten, loyal zur KP Chinas zu bleiben: der Sturz von Lin Biao (1971), Nixons Besuch in Peking (1972), der Fall der Viererbande (1976) und der Aufstieg von Deng (1978).

3. Deshalb stellte der Maoismus eine viel schwächere internationale Bewegung im Vergleich mit dem Moskaustalinismus dar.

4. Angesichts der Unglaubwürdigkeit und Fäulnis der Politik Moskaus sowie deren friedlicher Koexistenz mit dem Imperialismus konnte sich der Maoismus als ein attraktives programmatisch/ideologisches Modell für verschiedene kleinbürgerlich-revolutionäre Bewegungen wie z.B. die 68er-Bewegung im Westen, der CPP/NPA in den Philippinen oder Sendero Luminoso in Peru darstellen.

5. Zusätzlich gewann der Maoismus an Attraktivität durch den chinesischen „Halb“bürgerkrieg während der Kulturrevolution, welcher Mao – nach dem Befreiungskrieg – zum zweiten Mal ein Image als Revolutionär, Kämpfer und vermeintlicher Bekämpfer des Parteiapparates verlieh.

6. Auch diverse degenerierte TrotzkistInnen passten sich dem Maoismus an, in dem sie verkündeten, die maoistische Theorie der permanenten Revolution und die der Kulturrevolution seien eine Art „unbewusster Trotzkismus“.

Diese bestimmten historischen Bedingungen – radikaleres ideologisches Erscheinungsbild, weniger zentralisierte bürokratische Kontrolle durch das Machtzentrum in Peking – helfen, die unterschiedlichen Schattierungen des Maoismus zu erklären. In den imperialistischen Staaten gewann der Maoismus keinen Masseneinfluss, besteht jedoch in kleineren Organisationen weiter. Wo er eine Macht mit Masseneinfluss in halbkolonialen Ländern darstellte, nahm der Maoismus entweder die Form einer reformistischen Partei oder die einer kleinbürgerlichen Partisanenbewegung an.

MarxistInnen sind im Einklang mit der Einheitsfronttaktik immer bereit, mit MaoistInnen im Klassenkampf gegen die Feinde der Arbeiterklasse und der Unterdrückten zusammenzuarbeiten. Natürlich angesichts der repressiven und sogar mörderischen Taten, die MaoistInnen – wie andere StalinistInnen – gegen TrotzkistInnen (und untereinander) begangen haben, müssen TrotzkistInnen in einer solchen Einheitsfront in der Lage sein, sich selbst zu verteidigen. Zugleich ist es notwendig, den MaoistInnen, unter denen es viele hingebungsvolle KämpferInnen gegen Unterdrückung und Ausbeutung gibt, zu erklären, dass ihre Theorie und Praxis dem Marxismus fremd und ein Hindernis für den Befreiungskampf der Arbeiterklasse und der Bauernschaft ist. Die Liga für die Fünfte Internationale ruft sie daher dazu auf, ihre Vorstellungen zu überdenken, mit dem Maoismus zu brechen und sich in die Reihen des authentischen Marxismus einzureihen. Vorwärts zur Fünften Internationale!

Der Maoismus in China

Der Maoismus ist ein Produkt der Degeneration der Komintern. Wie von Trotzki vorhersagt, führte die Übernahme der Doktrin des „Sozialismus in einem Land“ unweigerlich zu einem Wegdriften der nationalen Sektionen der Komintern von einem internationalistischen Programm zu einer systematischen Anpassung an nationale Gegebenheiten. Maoismus ist daher „Stalinismus mit chinesischen Merkmalen“. In China fand diese Anpassung unter den denkbar schlechtesten Umständen statt; den Nachwirkungen einer vollständigen Niederlage, die eine Arbeiterklasse je erlitt und von der sich die chinesische Arbeiterklasse – in Hinblick auf politische Unabhängigkeit und Selbstorganisation – bis heute noch nicht erholt hat.

Obwohl Mao Tsetung, bevor er ein Bauernorganisator innerhalb der Kuomingtang wurde, zunächst ein führender Aktivist der antiimperialistischen 4. Mai-Jugend-Bewegung, ein Gründungsmitglied der KP Chinas sowie für eine Weile auch Gewerkschaftsorganisator in den Anyuan-Kohlenrevieren war, fanden die formenden Erfahrungen des Maoismus als bestimmte politische Ideologie in den Nachwirkungen der Niederlage der zweiten Revolution statt, bei welcher der weiße Terror die Basis der ArbeiterInnen der Kommunistischen Partei buchstäblich vernichtete. Als Überlebender des abenteuerlichen Herbst-Ernte-Aufstands entkam Mao wie viele andere in die Berge von Jing Gang Shan. Dort, sowie anschließend während des Aufbaus des Rätegebiet Jiangxi, entwickelten er und seine GenossInnen die charakteristische Kombination von politischer und militärischer Organisation, Strategie und Taktiken, die die Welt als Maoismus kennt.

Dieser Prozess, durch welchen das politische Programm des Maoismus formuliert wurde, erstreckte sich über mehrere Jahre und schloss langwierige Konflikte mit der offiziellen Hierarchie der Partei und besonders mit VertreterInnen der Komintern ein. Dies reflektierte sowohl die physische Trennung vom städtischen Proletariat als auch die praktischen Prioritäten des Überlebens in einem spärlich bevölkerten Gebiet unter ständiger Bedrohung durch Angriffe der Kuomintang-Truppen. Maos Streitkräfte vereinigten sich zu anfangs aus überlebenden Mitgliedern der kommunistischen Partei und GewerkschaftsaktivistInnen, welche der Unterdrückung entkommen waren, aus Resten von Einheiten der Kuomintang-Armee, welche die KommunistInnen unterstützt hatten, aus BauernaktivistInnen, welche für den „Marsch nach Norden“ mobilisiert wurden, sowie aus Mitgliedern der zerstreuten Banden an Geächteten, welche schon vor der Ankunft der Revolutionäre in einer prekären Existenz lebten.

Während der kommunistischen Parteiorthodoxie Lippenbekenntnisse erwiesen wurden, wie z.B. zur führenden Rolle der städtischen Arbeiterklasse, war die Wirklichkeit von Maos entstehendem Programm eine systematische Anpassung an die Umstände der Bauernbevölkerung und beruhte auf der Annahme, dass die kommunistischen Kräfte lange in ländlicher Isolierung überleben müssten. Als Revolutionäre der Modernisierung Chinas verpflichtet, waren sie automatisch feindlich gegen die traditionellen und patriarchalischen Strukturen gesinnt, welche immer noch vorherrschend waren. Sie setzten daher ein Programm einer egalitären Landreform, der Abschaffung traditioneller Hierarchien und Pachten und ein System der Verwaltung durch Dorfräte, die sie Sowjets nannten, durch. Praktisch wendeten sie so weit wie möglich ein bürgerlich-demokratisches Programm an.

Im Lauf der Zeit und mit der Ankunft weiterer Truppen, oft angeleitet durch fähige und hoch geachtete KommandantInnen wie Shu De, Peng Dehuai und He Long wurde es eine essenzielle Aufgabe für die Revolutionäre, ihre eigene Versorgung zu sichern; im ersten „Basislager“ hielten sich anfangs nur 2.500 DorfbewohnerInnen auf, innerhalb von zwei Jahren wurde das Gebiet jedoch von etwa 50.000 RevolutionärInnen bevölkert. Neben der Einführung einer effizienten Organisation und Arbeitsteilung schuf dies eine völlig andere Beziehung zwischen der „Armee“ und der bäuerlichen Bevölkerung, die an Soldaten gewöhnt war, die sie normalerweise missbrauchten und ihr Essen stahlen. Zum gleichen Zeitpunkt war der einzige Weg, alle verschiedenartigen Elemente zu organisieren, dies mit militärischen Mitteln und mit Hilfe kommunistischer Parteikader zu tun, die als politische Kommissare handelten. Dadurch wurden alle mit der Zeit Teil der „Roten Armee“.

Diese anfänglichen Erfahrungen, bestärkt durch den katastrophalen Ausgang des von der Komintern geleiteten Changsha-Aufstands von 1930, bekräftigten Mao in seinem Glauben, dass die Revolutionäre auf dem Land nicht nur überleben, sondern auch ihre Kräfte und ihren Einfluss ausweiten könnten, in dem sie sich auf das Land anstatt auf die Städte konzentrierten. Diese Strategie, zusammen mit dem dies begründenden Programm, sowie die Taktiken, welche notwendig waren, um dies durchzusetzen, wurde von der Partei nicht vor der endgültigen Niederlage der von der Sowjetunion unterstützten Führung auf der Zunyi-Konferenz im Januar 1935, als offizielle Linie angenommen. Zu dieser Zeit hatten sich die organisatorischen Techniken und politischen Verfahren, die anfangs das Überleben sicherstellen sollten, zu einer systematische politischer Praxis verhärtet.

Dies wurde später als die „Massenlinie“ bekannt, ein Konzept, durch welches die Parteikader geschult wurden, die zerstreuten und unsystematischen Ideen der Massen zu ‚systematisieren‘ und zu ‚konzentrieren‘ und sie als klare politische Richtlinien und Losungen zu formulieren. Obwohl Maos Formulierung „von den Massen zu den Massen“ impliziert, dass die Parteipolitik ein Ausdruck des Volkswillens ist, unterschlägt dies die Rolle der Kader bei der Popularisierung des Parteiprogramms sowie der ‚Systematisierung‘ nur jener Volksideen, welche von ihnen als angemessen bewertet werden. Nichtsdestotrotz stellte dies einen radikalen, sogar revolutionären Bruch mit einer Tradition dar, in welcher die Gedanken und Bestrebungen der breiten Masse der Bevölkerung nicht zählten. Zugleich politisierte dieses Verfahren auch die breiten Massen und zog künftige Kader heran, deren Ideen denen der Partei am nächsten kamen und echte Wurzeln in der bäuerlichen Gesellschaft hatten.

Erst nach der Vollendung des Langen Marsches und der Einrichtung der gesicherten Basis in Yenan, versuchte Mao sich an einer Kodifizierung seiner politischen Ideen. Im Kern können diese als Voluntarismus und philosophisch als Idealismus charakterisiert werden. Während das Überleben in den Basis-Gebieten und im Langen Marsch zweifellos Hingabe und heldenhaftes Engagement erforderten, zog Mao aus dieser Erfahrung einen übertriebenen Glauben an die Möglichkeit der Willenskraft, praktisch alle materiellen Hindernisse zu überwältigen. Darüber hinaus kam er zu dem falschen Entschluss, dass die kommunistische Partei auch mit der Basis einer Bauernbevölkerung ebenso wie mit einer städtischen Arbeiterbasis aufgebaut werden könne.

Von diesen zwei Fehlern ausgehend leitete er einen dritten ab: die Partei als Organisation oder Institution könne selbst die historische Rolle der Arbeiterklasse übernehmen. Wenngleich Mao auch mit dem Studium der philosophischen Aspekte des Marxismus – mit Hilfe von stalinistisch geprägten sowjetischen Lehrbüchern – sowie mit dem Halten von Vorträgen über Materialismus und Dialektik begann, zeigten seine späteren Erkenntnisse, dass es Chinas größter Vorteil gewesen sei, dass es „arm und leer“, und dass die chinesische Bauernschaft wie eine „saubere weiße Seite war, auf die die schönsten Zeichen reichlich geschrieben werden konnten“, deutlich ein unzulängliches Verständnis der Methode des Marxismus. Zum gleichen Zeitpunkt ermutigten die harschen Wirklichkeiten von Yenan Partei und Armee, einen rudimentären Staatsapparat zu begründen. Sie forderten auch eine ultimative politische Instanz: einen Bonaparte – dessen Rolle Mao Tsetung bereitwillig einnahm.

An keinem Punkt in der Entwicklung und Konsolidierung des Maoismus gab es jedoch eine Erkenntnis von oder gar ein Programm dafür, demokratisch kontrollierte Arbeiterorganisationen aufzubauen, die sowohl den Kampf gegen den Kapitalismus führen als auch die Basis des künftigen revolutionären Arbeiterstaats bilden können. In der Tat – abgesehen von der Anerkennung der Existenz von Klassen und unterschiedlicher Klasseninteressen innerhalb der Gesellschaft und des Imperialismus als Weltsystem – spielte der Marxismus, verstanden als eine Analyse des Kapitalismus und als Programm für seinen internationalen Sturz und seine Ersetzung durch eine international geplante Wirtschaft unter der Kontrolle von Arbeiterräten, keine wirksame Rolle im Maoismus, dessen Programm eine Verschmelzung des Stalinismus mit revolutionär-chinesischem Nationalismus darstellte.

International führte der Aufstieg von Nazi-Deutschland zu einem Kurswechsel der Kommunistische Internationale. Die ultralinke Politik der 3. Periode wurde aufgegeben. Das war in China geprägt von desaströsem, militärischem Abenteurertum sowie einer sektiererischen Politik einer vom Kreml eingesetzten Parteiführung der KP China, welche sich im Schanghaier Untergrund aufhielt. Stattdessen nahm Stalin die Volksfront-Strategie an. Im neu entstehenden Konflikt mit Japan, das 1931 die Mandschurei besetzte und damit drohte, in Zentralchina einzudringen, reproduzierte diese Politik der Klassenzusammenarbeit die Strategie des „Blockes der vier Klassen“, die mit schrecklichen Folgen schon in der Mitte der 1920er Jahre verfolgt worden war. In dieser Hinsicht ist es bezeichnend, dass Mao Tsetung einer der letzten kommunistischen Führer war, der seine Zusammenarbeit mit der ‚linken‘ Kuomintang-Regierung in Wuhan aufgab.

Maos Übernahme und Anwendung der Volksfront-Strategie in Form der „Zweiten Einheitsfront“ mit der Kuomintang im Krieg gegen Japan ist deshalb nicht Beweis einer sklavischen Unterordnung unter Moskau. Dies stellt eher eine zufällige Übereinstimmung von Maos bevorzugter Strategie mit der von Stalin dar. Mit dem Ausbruch des Krieges 1937 hat Mao, während er seine eigene geografische Basis in Yenan behielt, nichtsdestotrotz seine Kräfte dem kompletten Befehl von Chiang Kai-shek untergeordnet. Während dies die Form der „anti-imperialistischen Einheitsfront“ annahm, welche von der Komintern in ihrer revolutionären Periode entwickelt wurde, unterschied sie sich in ihrem Inhalt. Statt die chinesische Arbeiterklasse und die Bauernschaft vor der unvermeidlichen Unzulänglichkeit Chiangs Führung zu warnen, lobte Mao sich selbst in den Himmel. Es besteht kein Grund zu glauben, dies wäre eher Naivität als zynische Kalkulation gewesen, oder gar, dass Mao nicht immer Verrat von Chiang erwartete und nicht beabsichtigte, sich gegen ihn zu wenden, wenn die Zeit dafür reif war. Der Fehler lag im Versäumnis, die Arbeiterklasse und die Bauernschaft nicht von der Notwendigkeit überzeugt zu haben, ihre eigenen Kampfkräfte zu entwickeln. Die Kombination von Maos Vertrauen auf den Partisanenkrieg und der politischen Strategie der Volksfront produzierte das Konzept des „Volkskrieges“, welcher ein Hauptbestandteil des „Maoismus“ werden sollte.

Der „Block der vier Klassen“ wurde nicht auf den Krieg gegen Japan beschränkt. Er wurde auch zum vorgeschlagenen Regierungsprogramm der „Neuen Demokratie“ erweitert – dem maoistischen Gegenstück zur „kapitalistischen“ Entwicklungsphase, die im stalinistischen Etappenschema als eine Notwendigkeit vor der sozialistischen Revolution dargestellt wird. Es wurde nie ein Zeitrahmen für die Dauer dieser „Phase“ definiert, aber es soll angemerkt werden, dass das Modell für den „Sozialismus“, welcher dieser Phase folgen sollte, von der Sowjetunion bereitgestellt wurde. Nach der Niederlage gegen Japan behielt Mao seinen Aufruf zur Volksfrontregierung bei. Chiangs Verrat erzeugte jedoch Risse in der Kuomintang. Mao begrüßte jenen Teil, welche sich von Chiang lossagte, als die „nationale Bourgeoisie“. Dies pflasterte den Weg hin zu einer Koalitionsregierung mit diesen ausgetretenen Elementen der Kuomintang auf der Basis eines Programms der kapitalistischen Entwicklung nach der „Befreiung“ 1949, d.h. hin zu einer Volksfront-Regierung.

Ungeachtet ihrer subjektiven Absichten haben der Ausbruch des Koreakriegs sowie die Versuche der auf der Insel Taiwan stationierten Kuomintang, einen Aufstand auf dem Festland zu ermutigen, die KP China dazu gebracht, eine abrupte Linkswende zwischen 1951 und 1953 durchzuführen. Während dieser beaufsichtigte sie die Landreform sowie eine bürokratische Nationalisierung dessen, was von der Privatindustrie übrig war. Nachdem sie die Kontrolle über Industrie und Handel übernommen und die gesellschaftliche Macht der Grundeigentümer gebrochen hatte, führte die Regierung ein System der Planung, angelehnt an das Modell der Sowjetunion, ein. Ab diesem Punkt kann davon gesprochen werden, dass der Kapitalismus durch eine bürokratische Planwirtschaft ersetzt wurde und China ein degenerierter Arbeiterstaat wurde. Die nun zur Sache der Regierungspolitik gewordenen Entscheidungen über die Richtung der wirtschaftlichen Entwicklung spaltete die Parteiführung. Während sich anfangs alle auf die Annahme des alleinig existenten Modells der „sozialistischen industriellen Entwicklung“, d.h. das Kopieren der Fünfjahr-Pläne der Sowjetunion einigten, wurden die Frage des Verhältnisses zur überwiegend bäuerlichen Bevölkerung sowie die Frage nach der Entwicklung einer Leichtindustrie zur Quelle unendlicher fraktioneller Streitigkeiten.

Angesichts eines Handelsembargos unter Führung der USA und der beständigen Drohung militärischer Angriffe, führte Maos Voluntarismus ihn immer wieder zu einer Überschätzung der möglichen Geschwindigkeit wirtschaftlicher Entwicklung und seine überwiegend utopischen Haltungen unterschieden sich zunehmend von der Realität, als deutlich wurde, dass viele Erfahrungen der SU auf China nicht anwendbar waren. Seine Gegner sprachen sich für eine größere Anpassung an die ‚Marktkräfte‘ in der Landwirtschaft und der städtischen Leichtindustrie aus, welche, wenn angewandt, Produktion und Gewerbe gesteigert, aber unvermeidlich auch das Emporkommen bürgerlicher oder kleinbürgerlicher Mächte begünstigt hätte. Unfähig, aus der Unmöglichkeit einer ausgeglichenen und optimalen Entwicklung für Chinas Produktivkräfte, auf Basis der Doktrin“ des Sozialismus in einem Land“, auszubrechen, wetteiferten die zwei Fraktionen zwei Jahrzehnte lang miteinander, ohne je einen definitiven Sieg zu erreichen. Nichtsdestoweniger führte dieser Kampf gegen jene, die später als ‚Wegbereiter des Kapitalismus‘ charakterisiert wurden, zu Maos linkem Erscheinungsbild.

Im Verlauf dieses Fraktionskampfes versuchte Mao, die langsame Entwicklung des sowjetischen Modells durch eine Dezentralisierung der Industrie den „Großen Sprung vorwärts“, sowie mit der Massenmobilisierung der Bauernschaft, die „Bewegung der Volkskommunen“ zu überwinden. Dies stürzte China an den Rand einer Katastrophe sowie in eine Hungersnot. Zur gleichen Zeit wurde die sowjetische Hilfe zurückgezogen, wodurch Maos Gegner das Ruder in die Hand nahmen. Sie führten einen gewissen Grad an „wirtschaftlichem Haushalten“ durch das Erlauben einer Rückkehr marktwirtschaftlicher Kräfte in den ländlichen Gebieten ein. In einer parteiinternen Kampagne gegen seine Gegner theoretisierte Mao seine Aussage, dass der schnellen Entwicklung des Sozialismus eine konstante Mobilisierung der Massen gegen Behörden und Institutionen einhergehen muss, da diese immer zu einer konservativen Vorliebe für ein langsames Entwicklungstempo tendierten. Er verwies auf diese Theorie als eines Programms der „Permanenten Revolution“. Obwohl sich Maos Verwendung dieses Konzepts fundamental von dem von Marx (1851) oder von Trotzki unterschied – beide benutzten diese Theorie, um die Notwendigkeit zu beschreiben, dass das Proletariat die Führung im Kampf für eine bürgerliche Demokratie übernehmen und sie gleichzeitig in Richtung einer revolutionären Bewegung für den Sozialismus vorwärtstreiben müsse – stärkte auch dieses Maos Ruf als Revolutionär.

Zum gleichen Zeitpunkt erklärte er die Einstellung der sowjetischen Unterstützungen als einen konterrevolutionären Angriff der Sowjetunion, die nach dem Tod Stalins in einen „Staatskapitalismus“ verwandelt worden sei. Davon ausgehend verallgemeinerte er dies, um Chruschtschows Politik der „friedlichen Koexistenz“ mit den USA anzugreifen und der Moskauer Führung „Revisionismus“ vorzuwerfen, welcher sich auf der ganzen Welt in den reformistischen Programmen der moskautreuen kommunistischen Parteien wiederfinden ließe. Diese Angriffe führten zu einer Spaltung innerhalb der kommunistischen Bewegung weltweit, in der Mao die Fortsetzung eines revolutionären Ansturms im eigenen Land sowie als Unterstützung der weltweiten anti-imperialistischen Kämpfe repräsentierte. Angesichts der zweifellos reformistischen Programme der offiziellen kommunistischen Parteien überrascht es nicht, dass Maos Kurs bei „links orientierten“ Strömungen angenommen wurde und zur Formierung kommunistischer, „Pro-Peking“ Parteien in vielen Ländern führte. Dies ließ den „Maoismus“ auch jenseits der Grenzen Chinas zu einer Macht werden.

Innerhalb Chinas regten die Maßnahmen, die ergriffen wurden um mit der industriellen und landwirtschaftlichen Krise – welche zur Hungersnot in den frühen 1960ern führte – zurechtzukommen, erneut einem vermehrten Wachstum marktwirtschaftlicher Kräfte an. Dies produzierte eine Mehrheit innerhalb der Führung der KP Chinas, welche gegen Maos weiteres Drängen nach einer beschleunigten, aber dezentralisierten Industrialisierung, opponierte. Diese Mehrheit stellte sich jedoch als unfähig heraus, Mao zu entfernen, da die Rechtmäßigkeit des ganzen Regimes stark mit dem Kult rund um Maos Person verflochten war. Es war dieser sorgfältig kultivierte persönliche Status, der es Mao erlaubte, einen Gegenangriff zu starten, indem er an Kräfte außerhalb der Partei appellierte. Dies war die wahre Bedeutung der „Großen Proletarischen Kulturrevolution“, die alles andere, als eine verspätete Hinwendung zur Notwendigkeit direkter Arbeitermobilisierungen darstellte, um die Macht zu ergreifen, sondern nur ein letzter, verzweifelter Versuch Maos war, sein Programm mit einer inszenierten Massenmobilisierung durchzusetzen.

Nach anderthalb Jahrzehnten Einparteiendiktatur überrascht es nicht, dass die jüngere Generation der StudentInnen begeistert auf Maos Forderung „Das Hauptquartier zu bombardieren!“ reagierte. Dieser heftige Angriff, kombiniert mit der politischen Unterstützung der Führung der Volksbefreiungsarmee unter Lin Biao, war ausreichend, um einen Rückzug von Maos Gegnern zu erzwingen und stellte wenigstens eine partielle Implementierung der Politik der dezentralisierten Industrialisierung, die von der Armee unterstützt wurde, sicher. Als jedoch große Mengen von ArbeiterInnen in den bedeutenden städtischen Zentren wie Schanghai und Wuhan anfingen, auch gegen das Regime zu mobilisieren, stellten die verschiedenen Interessengruppen der Bürokratie ihre Unterschiede zurück und unterstützten die Wiederherstellung der Ordnung durch die Volksbefreiungsarmee. Das letztliche Ergebnis der „Kultur-Revolution“ war ein bürokratisches Patt sowie die Einführung des Kriegsrechts in China.

Selbst unter diesen Umständen sicherte die Zentralität des ‚Vorsitzenden Mao‘ die Legitimierung des Regimes, seine Vorrangstellung unter den übrigen ParteiführerInnen, auch wenn real seine übrig gebliebene Macht durch die FührerInnen der maoistischen Fraktion um Jiang Qing und die „Viererbande“ ausgeübt wurde. Nach Maos Tod im September 1975 wurde Hua Guofeng zum Parteiführer ernannt. Fast gleichzeitig, 1976, wurde Deng Xiaoping, der ins Exil Guangdong verbannt worden war, rehabilitiert. Hua wurde entmachtet, die „Viererbande“ verhaftet und die langjährigen ParteigegnerInnen Maos gelangten unangefochten an die Macht.

Der Maoismus außerhalb Chinas

Vor dem Hintergrund der US-Blockade von Kuba, der Eskalation des Krieges gegen Vietnam und der Vermehrung der Unabhängigkeitskämpfe, besonders in Afrika, verwundert es kaum, dass die Bewunderung für den Maoismus und dessen Nachahmungen durch antiimperialistische Kräfte in der Welt anwuchs. Die unter Beweis gestellte Fähigkeit Chinas, selbst der US-Blockade standzuhalten und anscheinend nicht nur eine vorher bankrotte Wirtschaft wieder anzukurbeln, sondern aus dieser eine moderne, fortschrittliche industrielle Wirtschaft zu entwickeln, welche mit ihrer Betonung der potenziellen Stärke und Kreativität der großen Volksmassen verbunden wurde – von den Imperialisten als „rückständig“ oder „unentwickelt“ betrachtet – verhalf dem Maoismus zu großem Prestige und etablierte ein programmatisches Modell für RevolutionärInnen in solchen Ländern.

Im Gegensatz zum Maoismus, welcher durch die zwangsweise Aussendung städtischer RevolutionärInnen in isolierten ländlichen Gebieten entstand, haben sich seine „ausländischen“ Nacheiferer freiwillig allgemein auf die Bauernschaft als einer bewussten politischen Alternative zur städtischen Arbeiterklasse ausgerichtet. Maos Lob für die Tugenden des bäuerlichen Lebens, verstärkt durch seinen Rat an die Roten Garden „von den Bauern zu lernen“, ermutigte eine Anzahl nationalistischer und populistischer Revolutionäre, Städte und Universitäten zu verlassen und ihre eigenen „sowjetischen Basisgebiete“ zu gründen. Aufgrund der Tatsache, dass in vielen Ländern, die Landfrage eine brennende Frage blieb, waren solche Strömungen imstande, sich durch das Anpassen der von Mao formulierten politisch-organisatorischen Techniken in Ländern wie Peru, Teilen Indiens, Nepal, Indonesien und den Philippinen als bedeutende Kräfte zu etablieren. In seiner extremsten Form, wie von den Roten Khmer in Kambodscha illustriert, haben maoistisch inspirierte Intellektuelle aus der Pro-Bauern-Orientierung einen anti-städtischen Nihilismus extrapoliert, der zu einem völlig reaktionären De-Urbanisierungsprogram und zum Abschlachten Hunderttausender führte.

Auf den ersten Blick stellt es eine Schwierigkeit dar, das Wachstum von bedeutenden maoistischen Parteien in fortgeschrittenen imperialistischen Ländern zu erklären, die keines der charakteristischen Merkmale Chinas aufzeigen. Maos Kombination der Verurteilung der Politik der Klassenkollaboration der bürokratischen, Moskau-loyalen kommunistischen Parteien und der bedeutenden reformistischen Parteien einerseits, mit dem Widerstand gegen den Imperialismus, besonders den US-amerikanischen, und seiner Erklärung, dass „Rebellion gerechtfertigt“ sei andererseits, rief jedoch in der Jugend und den Antikriegs-Bewegungen der späten 1960er Jahre Sympathie hervor.

Dies traf insbesondere auf Länder mit einer starken sektiererischen Tradition zu, wie in Italien und Deutschland, wo der Faschismus praktisch das revolutionäre Vermächtnis ausgelöscht hatte, und Arbeiterorganisationen auf Grundlage von Programmen der Klassenkollaboration wieder gegründet wurden. Das Fehlen taktischer Mittel aller Art innerhalb des Maoismus, sich auf die Arbeitermassen zu orientieren, seine statt dessen erfolgende Orientierung auf Kräfte außerhalb der Arbeiterklasse sowie seine Verherrlichung des Voluntarismus einer selbst ernannten revolutionären Vorhut, empfahlen den Maoismus einer großen Anzahl sich nach links bewegender Jugendlicher, die schon vom Anarchismus oder dem Stalinismus der 3. Periode beeinflusst waren. Das Ergebnis waren große, im allgemeinen jugendliche, zentristische Organisationen, die zahlenmäßig durch das ansteigende Niveau an Klassenkämpfen oft zunahmen, sich aber schlussendlich den Massenorganisationen der Arbeiterklasse entgegenstellten.

Solche Organisationen dünnen meist unter den Auswirkungen staatlicher Unterdrückung und Isolierung von Massenorganisationen der Arbeitermassen aus, während diese ihren Arbeiteranhang behielten – selbst als sie Kompromisse vor dem Hintergrund wirtschaftlicher Krisen in den 1970ern aushandelten. In aller Welt litten die MaoistInnen auch unter den Ergebnissen der Drehungen und Wendungen der chinesischen Außenpolitik wie z.B. unter der Unterstützung für die Unterdrückung eines maoistisch inspirierten Aufstands durch die sri-lankische Regierung, unter der frühen diplomatischen Anerkennung des Pinochet-Regimes in Chile und als Krönung unter Maos Annäherung an Nixon und die offene Unterstützung der US-Außenpolitik. Nichtsdestotrotz begründeten sie eine Kader- sowie eine politische und intellektuelle Tradition, welche in einer sektiererischen, politischen Methode wurzelt und einen beträchtlichen Einfluss auf folgende Generationen ausübte.

Der Anbruch einer neuen Periode der historischen Krise des globalen Kapitalismus schafft einen neuen Kontext für die weitere Entwicklung des Maoismus und seiner Ableger. In einer zunehmenden Zahl von Ländern hat die Landfrage eine noch größere Dringlichkeit bekommen, da multinationale, landwirtschaftliche Firmen und sogar souveräne Staaten versuchen, Land aufzukaufen, das gegenwärtig besessen und/oder von bäuerlichen Bevölkerungen bewirtschaftet wird. Unter solchen Umständen können maoistisch inspirierte Versuche, diesem sich durch eine Kombination von politischer Mobilisierung und einem Partisanenkrieg zu widersetzen, leicht Zulauf bekommen. Zentrale staatliche Unterstützung für die „Landräuber“ wird oft Bedingungen schaffen, die jenen im China der 1930er ähnlich sind. Es wird daher für revolutionäre Arbeiterorganisationen, die ihre Basis in den Städten haben, notwendig sein, dafür ein Programm aufzustellen. Es muss die Verteidigung der Bauernrechte mit Forderungen nach dem Abzug staatlicher Mächte enthalten und verbunden sein mit der Forderung der Formierung demokratisch organisierter Bauernräte – aber nicht eine als „Partei“ eingesetzte Verwaltung – welche in Verbindung mit den Arbeiterräten als Basiskräfte einer ArbeiterInnen- und Bauern-Regierung dienen kann. Diese Regierung muss Schritte unternehmen, um das Land zu sozialisieren, sowie die Landwirtschaft in die Entwicklung einer landesweiten Planwirtschaft zu integrieren.

In der imperialistischen Welt kann das Scheitern der offiziellen Arbeiterorganisationen, die Interessen der ArbeiterInnen gegen die Welle von Angriffen wirksam zu verteidigen, ebenfalls Bedingungen schaffen, in denen Organisationen und politische Strömungen, die in der ideologischen Tradition des Maoismus stehen, Glaubwürdigkeit und Einfluss gewinnen. Hier wird die entscheidende Frage für Revolutionäre, die korrekte Anwendung der Einheitsfront gegenüber den Arbeitermassenorganisationen und ihren FührerInnen sein. Diese muss entlang von Forderungen aufgebaut werden, die einerseits wesentlich für die Verteidigung der Arbeiterinteressen sind, andererseits versuchen, die Masse der ArbeiterInnen zu organisieren und zu mobilisieren – unabhängig oder, wenn notwendig, gar gegen ihre FührerInnen und gegen alle Strategien opponieren, die die Masse der Arbeiter effektiv unter die Kontrolle der existierenden Führungen hält.