Teil 1: 100 Jahre Gründung der 1. Republik

Der revolutionäre Sturz der Monarchie

Erst seit 100 Jahren ist Österreich eine Republik. Am 12. November 1918 wurde durch die Provisorische Nationalversammlung die Republik ausgerufen. Anlass dafür war, im Gegensatz zum Deutschen Reich, damals nicht in erster Linie ein revolutionärer Aufstand der Soldaten und Arbeiter*innen, sondern der Zusammenbruch des Habsburger Vielvölkerstaats anhand nationaler Grenzen. Das bedeutete eine revolutionäre Umwälzung auf politischer Ebene. Der Höhepunkt der revolutionären Nachkriegskrise in Österreich sollte aber erst in der ersten Jahreshälfte 1919 folgen. Diese revolutionäre Situation wird genauso wie die österreichische Rätebewegung in einem zweiten Teil der Artikelreihe besprochen werden.

Das Habsburger Nationengefängnis

Um die Entwicklung des Jahres 1918 zu verstehen muss zuerst einmal die Vorgeschichte der Habsburger Monarchie verstanden werden. Über Jahrhunderte hinweg schafften es die Habsburger ihren Einflussbereich immer mehr auszudehnen. Die Auseinandersetzung mit Preußen um die Vorherrschaft im Deutschen Reich ging 1866 mit dem „Deutschen Krieg“ verloren. 1867 wurde der Ausgleich mit dem ungarischen Adel und die Errichtung der Doppelmonarchie Österreich-Ungarn notwendig. Damit war der logische Weg die Ausdehnung Richtung Osten. 1878 wurde Bosnien besetzt und 1908 annektiert. Gerade am Balkan entwickelte sich ein Kampf um die Vorherrschaft, in erster Linie zwischen Österreich-Ungarn, dem Osmanischen Reich und dem russischen Zarenreich, das Ergebnis – der 1. Weltkrieg – ist bekannt.

Österreich-Ungarn war mit mehr als 50 Millionen Einwohner*innen eine der zentralen europäischen Großmächte. Doch was es von den übrigen (west)europäischen Großmächten (Großbritannien, Deutschland, Frankreich) unterschied, war dass es keine überseeischen Kolonien hatte. Vielmehr gab es innere Kolonien – die unterdrückten Nationen des Habsburger Reichs. Tschechoslowak*innen, Jugoslaw*innen, Italiener*innen, Pol*innen, Ukrainer*innen, Rumän*innen und andere waren zu dutzenden Millionen dem habsburgischen Nationengefängnis unterworfen. Vor allem in der 2. Hälfte des 19. Jahrhunderts bildete sich in diesen Gebieten eine eigene Bourgeoisie und eine kleinbürgerliche Intelligenz heraus, die Träger*innen von entstehenden nationalen Bewegungen, die später der Donaumonarchie den Todesstoß versetzen sollten.

Der zweite wichtige Faktor war die Arbeiter*innenbewegung und damit in erster Linie die Sozialdemokratie. 1867 wurde von Kaiser Franz Josef die sogenannte Dezemberverfassung erlassen. Mit ihr war es zum ersten mal auf legalem Weg möglich, dass sich die Arbeiter*innenklasse organisierte. Es bildeten sich Arbeiterbildungsvereine und die ersten gewerkschaftlichen Strukturen. Nachdem 1874 die Gründung einer vereinigten sozialdemokratischen Partei noch gescheitert war, gründete sich 1888/89 die Sozialdemokratische Arbeiterpartei mit einem dezidiert marxistischen Anspruch nach dem Vorbild der deutschen Sozialdemokratie. Recht schnell gelang es ihr einen nahezu alleinvertretenden Anspruch in der österreichischen Arbeiter*innenbewegung durchzusetzen. Anfangs noch klar marxistisch und durchaus revolutionär gesinnt, begann spätestens mit Beginn des 20. Jahrhunderts eine Anpassung an die herrschenden Verhältnisse und damit auch an die habsburgische Monarchie. Entscheidend dabei war neben einem allgemeinem Opportunismus und einer immer mehr auf Ausgleich mit den Herrschenden bedachten Politik, vor allem auch ein fatales Nationalitätenprogramm. Im Gegensatz zur russischen Sozialdemokratie vertrat die österreichische Sozialdemokratie nämlich nicht das Recht auf nationale Selbstbestimmung einschließlich des Rechts auf staatliche Abtrennung von der Monarchie, stattdessen wurde nationale Autonomie innerhalb der Habsburger Monarchie gefordert. Dieser fatale Fehler sollte bald dazu führen, dass die Partei schon vor dem 1. Weltkrieg entlang nationaler Linien zerfiel.

Weltkrieg

Österreich war militärisch nicht besonders gut auf den 1. Weltkrieg vorbereitet. Bald wurde klar, dass man ohne Unterstützung der deutschen Militärmaschinerie kaum erfolgreiche Offensiven durchführen konnte. Das drückte sich auch hinter der Front in immer härterer Rationierung von Essen und einer Militarisierung der Betriebe aus. Was aber auch immer mehr zum Ausdruck kam, war der Drang der unterschiedlichen unterdrückten Nationen im Habsburgerreich auf nationale Selbstbestimmung. Bestand am Anfang noch bei manchen Teilen der tschechoslowakischen und jugoslawischen Bourgeoisie Hoffnung darauf, dass man aus der Doppelmonarchie eine Trippelmonarchie mit der slawischen Elite als dritter Stütze hätte aufbauen können, wurde diese Hoffnung im Krieg bald beendet. Vor allem der ungarische Adel war zu keinen Kompromissen bereit. Stattdessen wurde die nationale Unterdrückung noch intensiviert.

Nachdem die österreichische Sozialdemokratie jahrelang beteuert hatte einen ernsthaften Kampf gegen den drohenden Weltkrieg zu führen, wurde mit Beginn des Krieges die Kriegspolitik von der Partei vollkommen unterstützt. Im Interesse einer ruhigen Heimatfront wurden Streiks und Arbeitskämpfe unterlassen und der Raubzug des Kapitals politisch und ideologisch gerechtfertigt. Das änderte sich aber im weiteren Verlauf des Krieges. Nach dem Tod von Franz Joseph versuchte sein Nachfolger Karl noch einmal der drohenden Niederlage mit Friedensbemühungen zu entgehen. Damit war auch für die sozialdemokratische Partei die Möglichkeit einer pazifistischeren Haltung möglich, spätestens ab 1917 setzte sich diese Linie in der Partei durch.

Gegen die anfängliche euphorische Unterstützung der Kriegspolitik gab es in der Partei anfangs wenig Opposition. Doch im Verlauf des Krieges bildete sich rund um Friedrich Adler eine moderate linke Opposition, die auf einer pazifistischen Position stand. Im Umfeld dieser gemäßigten Opposition, die sich im Bildungsverein „Karl Marx“ legale Strukturen gab, bildete sich auch bald eine revolutionäre Opposition heraus. Die sogenannten Linksradikalen standen mit den deutschen Internationalist*innen rund um Karl Liebknecht und Rosa Luxemburg in Kontakt und auch mit W.I. Lenin und Karl Radek wurden nach der Konferenz der sozialistischen Kriegsgener*innen in Kiental Diskussionen geführt. Im Gegensatz zur gemäßigten Linken rund um Friedlich Adler ging es ihnen nicht um ein abstraktes Eintreten für Friedensverhandlungen, sondern darum den Krieg der imperialistischen Großmächte gegeneinander in einen Bürger*innenkrieg der Arbeiter*innenklasse gegen die Bourgeoisie umzuwandeln.

Nachdem in Russland 1917 zuerst der Zar gestürzt und im Oktober die Rätemacht etabliert wurde, gab es auch in Österreich vermehrt Streiks und für die Linksradikalen mehr Möglichkeiten der politischen Aktivität. Für kurze Zeit gelang es ihnen sogar im „Verein jugendlicher Arbeiter“, der Jugendorganisation der Sozialdemokratie, eine Mehrheit zu erlangen, wurden aber sehr bald von der Bürokratie aus der Organisation gedrängt und mussten daraufhin großteils illegale Arbeit leisten. Nachdem sich Ende 1917 bzw. Anfang 1918 die Situation für die Arbeiter*innenklasse immer mehr zuspitzte, organisierten die Linksradikalen ausgehend von den Industriebetrieben im Wiener Becken (Wiener Neustadt, Ternitz, etc.) die größte Streikbewegung des Krieges an der hunderttausende Streikende teilnahmen und in deren Verlauf die ersten Arbeiter*innenräte in Österreich gegründet wurden. Nur mit Mühe schaffte es die sozialdemokratische Partei die Bewegung nicht vollkommen außer Kontrolle geraten zu lassen und einen „annehmbaren“ Kompromiss mit der habsburgischen Regierung zu schließen (bei weiterem Interesse verweisen wir auf die AST-Broschüre „Der Jännerstreik 1918 und die Rätebewegung in Österreich“).

Nach dem Jännerstreik wurde aber ein großer Teil der Linksradikalen von den Behörden ergriffen und entweder inhaftiert oder an die Front geschickt. In den Räten setzte die sozialdemokratische Partei durch, dass nur solche Menschen gewählt werden durften, die seit mindestens sechs Monaten Mitglieder der sozialdemokratischen Partei waren. Dieser Beschluss sollte erst im Verlauf des revolutionären ersten Halbjahres 1919 geändert werden.

Zusammenbruch der Monarchie

Im Lauf des Jahres 1918 zeichnete sich immer mehr eine Niederlage der von Deutschland geführten Mittelmächte ab. Mit dem Eintritt der USA in den Krieg und deren prominentem Eintreten für das Selbstbestimmungsrecht der Nationen nahm auch in den unterdrückten Nationen der Monarchie das streben nach Lostrennung zu und wurde zur Aufgabe des Tages. Auch in der österreichischen Sozialdemokratie trat die Linke rund um Otto Bauer in ihrem „Nationalitätenprogramm der Linken“, das Anfang 1918 erschien, für das Selbstbestimmungsrecht der Nationen ein.

Schon seit Kriegsbeginn waren auf russischer Seite tschechoslowakische Einheiten gebildet worden um gegen Österreich-Ungarn zu kämpfen. Diese behielten die militärische Disziplin beim Zusammenbruch der russischen Armee im Verlauf des Jahres 1917. Die sogenannte tschechoslowakische Legion, die im russischen Bürger*innenkrieg auf Seiten der Kontrerevolution gegen die Sowjetmacht kämpfte, wurde von den Westmächten als verbündete Macht anerkannt und die Zerschlagung der habsburgischen Monarchie damit zum Kriegsziel. Das wiederum stärkte auch die Unabhängigkeitsbestrebungen in den jugoslawischen und polnischen Teilen der Monarchie.

Im Verlauf des Sommers 1918 verstärkten sich diese Tendenzen immer mehr. Gleichzeitig durchbrachen die allierten Streitkräfte mehr und mehr die fixierten Frontlinien. Am 5. Oktober wurde in Zagreb der „Staat der Slowenen, Kroaten und Serben“ gegründet. Am 7. Oktober wurde Polen, bestehend aus den Teilen des ehemaligen Zarenreichs aber auch Deutschlands und Österreich-Ungarns, proklamiert. Am 14. Oktober streikten und demonstrierten in der Tschechoslowakei die Massen für die unabhängige Republik. Dadurch musste dann sogar Kaiser Karl erkennen, dass ohne eine Änderung der Strukturen der Monarchie diese nicht mehr zu retten sei. Am 16. Oktober erließ er ein Manifest zur Umstrukturierung der österreichischen Reichshälfte in einen Bundesstaat. Am 17. Oktober wurde die tschechoslowakische Republik ausgerufen. Das Manifest wurde klar von den unterdrückten Nationen abgelehnt, die schon weit über diesen Kompromiss hinaus gegangen waren. Was jedoch angenommen wurde war die Möglichkeit eigene Nationalräte zu gründen. Auch im deutschsprachigen Teil Österreich wurde von den Abgeordneten des Reichs am 21. Oktober im Niederösterreichischen Landhaus als Provisorische Nationalversammlung die Absicht erklärt, man wolle als Deutsche in Österreich „einen selbstständigen deutschösterreichischen Staat“ gründen. Auch in Ungarn wurde kurz vor der Asternrevolution Ende Oktober der Nationalrat unter dem Oppositionspolitiker Mihail Karolyi gegründet, der auch weg vom Habsburgerreich strebte. Am 16. November wurde schließlich auch die ungarische Republik ausgerufen. Die k.u.k. Armee löste sich in diesen Wochen an der Front regelrecht auf, weil die meisten Soldaten der unterdrückten Nationen sich auf eigene Faust Richtung Heimat durchzuschlagen versuchten.

Auch in Österreich ging die Tendenz ganz klar und offen Richtung Republik. Am 30. Oktober wählte die provisorische Versammlung einen Staatsrat, der die Regierungsgeschäfte verrichten sollte. Am selben Tag rief die Sozialdemokratie die Arbeiter*innen Wiens dazu auf auf die Straße zu gehen, die Massen folgten. Nach der Versammlung wurden von Gebäuden der kaiserliche Adler abgerissen und die teilnehmenden Soldaten rissen die Rosette mit dem kaiserlichen Namenszug von ihren Kappen.

Anfang November war die österreich-ungarische Front nun nicht mehr aufrechtzuerhalten. Kaiser Karl legte am 11. November „jeden Anteil an den Staatsgeschäften“ für die österreichische Reichshälfte zurück. Am 12. November wurde schließlich von der Provisorischen Nationalversammlung das Gesetz über die Staats- und Regierungsform von Deutschösterreich beschlossen. Österreich war Republik.