Prostitution

Wie verhalten sich Revolutionär*innen zu diesem Thema?

„Prostitution ist nur ein besonderer Aus­druck der allgemein­en Prostitution des Arbeiters“ – Karl Marx

Prostitution, ein klare Her­ausforderung für Linke und Sozialist*innen? Denn die verschiedenen Positionen er­strecken sich von der Befür­wortung von Repressalien und der Abschaffung der Prostitu­tion auf der einen Seite, bis hin zur Entkriminalisierung und gewerkschaftlichen Organisa­tion der Prostituierten auf der anderen. Doch was versteht man unter Prostitution? Wird sie als Arbeit verstanden oder doch als spezielle Form der Gewalt gegen Frauen? Außer­dem darf nicht außer Acht gelassen werden, dass es auch männliche Prostituierte gibt, wobei es diese als Hetero- und Homosexuelle gibt. Sehen wir Prostitution als Arbeit, dann muss der Kampf um Selbst­organisierung und wirkliche Rechte ein Hauptbestandteil der sozialistischen Antwort sein. Falls Prostitution sich aber in Gewalt und Sklaverei manifestiert, was auch im­mer wieder vorkommt, dann müssen die Beteiligten auch als Opfer und Täter gesehen werden.

Erst einmal müssen wir die Frage klären, was wird tatsächlich unter Prostitution verstanden? Austausch von Sex gegen Geld? Dummes Klischee! Es gibt nämlich verschiedene Arten der Pros­titution. Auch muss unter­schieden werden zwischen gewerblicher und nicht gewer­blicher Prostitution. Unter nicht gewerbliche Prostitution fallen sexuelle Handlungen zum eigenen – zum Teil auch beruflichen – Vorteil. Aber ble­iben wir bei der gewerblichen Prostitution. Eine umfassende Definition darüber befindet sich z.B. im Duden, welcher besagt, dass Prostitution als „Praktiken sexueller Aktiv­itäten mit Personen, die nicht Ehepartner oder Freund sind, im Austausch für unmittelbare Bezahlung oder andere Güter“ zu verstehen wäre.

Auch die Behauptung Pros­tituierte würden ihren Kör­per verkaufen, entbehrt jeder Grundlage. Vor allem: wie verkauft man seinen eigenen Körper? Prostituierte benüt­zen ihren Körper wie dies auch Handwerker*innen tun. Trotzdem würde niemand auf die Idee kommen, in anderen Wirtschaftsbereichen von ei­nem Verkauf des Körpers zu sprechen. Dies obwohl gerade in prekären Verhältnissen oder bei harter körperlicher Arbeit oftmals Körper in Lohnarbe­itsverhältnissen vollkommen zerstört werden. Würde ein/e Prostituierte*r, und in diesem Fall wird von solchen, welche nicht als Sklav*innen arbeiten ausgegangen, ihren Körper verkaufen, was ja total un­möglich ist, könnte sie dies im Grunde nur einmal tun, nach­dem sie wohl kaum mehrere Körper zur Verfügung hat. Das einzige was sie verkauft ist schlicht und einfach eine Di­enstleistung: Sex. Nicht mehr und nicht weniger. Und dafür gibt es im Normalfall fixe Ta­rife, je nach der zu gebenden Dienstleistung. Viele Prostitui­erten sind Lohnarbeiter*innen. Sie werden zumeist von einer Person oder einem Unterne­hmen beschäftigt und arbe­iten bestimmte Stunden und werden dementsprechend entlohnt. Sie arbeiten also in einem Dienstverhältnis, das Mehrwert produziert, welcher ihnen von Zuhälter*innen ab­genommen wird.

Weil die Gier nach Profit aber unersättlich ist, gibt es aber auch am Rande der Gesell­schaft Sexarbeiter*innen die tatsächlich unter den Bedin­gungen von Sklaverei leben müssen. Wo sie selbst als Ware – also auch deren Kör­per – gehandelt werden. Die Betroffenen werden meist mit hohlen Versprechungen aus ihrer Heimat, wo zumeist ti­efste Armut herrscht, ange­worben. Bei der Ankunft im Zielland werden ihnen dann allerdings nicht nur Pass und Papiere abgenommen, sondern auch die zuvor in Aus­sicht gestellten Jobs als nicht vorhanden dargestellt, und die Leute in die Zwangspros­titution genötigt. Dies auch oft mit exzessiver Gewalt. Diese Art der modernen Sklaverei, welche auch sehr stark mit Menschenhandel verbunden ist, beschränkt sich allerdings nicht nur auf die Prostitution, sondern findet sich auch bei verschiedenen Formen di­enender Tätigkeiten. So etwas müssen wir tatsächlich mit aller Kraft bekämpfen. Auch sind viele Sexarbeiter*innen weder Sklav*innen noch Lohnarbeiter*innen. Sie sind schlichtweg Direktverkäufer*innen. Sie arbeiten nicht für andere, sondern betreiben direkten Handel mit Freier*innen. Ent­weder wird die Dienstleistung in eigenen Räumlichkeiten der/des Prostituierten gel­eistet oder der Kunde* bezahlt direkt bei der/dem Prostitu­tierten und diese/r hat dann wiederum einen Prozentsatz der Einnahmen als „Zim­mergeld“ abzugeben. In Lauf­häusern und Bordellen ist dies so üblich. So sind sie demnach als Selbständige zu betrachten. Sie sollten als das gesehen werden, was sie sind, nämlich Kleinbürger*innen. Leider ge­hören aber auch viele Prostitu­ierte – wie es Karl Marx nannte – dem Lumpenproletariat an. Diese sind wirklich sehr arm und mit wenig bis gar keinen Ressourcen ausgestattet. Für diese hat ihr Geschäft mehr Ähnlichkeit mit der primitiven Form des Tauschhandels. Wenn z.B. sexuelle Dienste direkt gegen substantielles wie Nahrung und Schlafplatz oder gegen Drogen gehan­delt werden. Auch das sollten wir mit aller Kraft versuchen zu unterbinden. Es darf im 21. Jahrhundert keine Armut mehr geben. Gäbe es keine Armut, gäbe es auch nicht die schlimmsten Auswüchse von Sklaverei, also auch keine Prostitution aus Armut.

Dies zeigt auch wieder auf, dass es mit der Freiwilligkeit oft nicht weit her ist. Obwohl es durchaus Prostituierte gibt, die zwischen Prostitution und anderen Branchen wählen konnten und die sich aufgr­und persönlicher Vorlieben für die Prostitution entsch­ieden haben, ist es doch bei den meisten so, dass sie keine besonders große Wahl hat­ten. Ebenso wie Lohnabhän­gige theoretisch nicht arbeiten müssen, es aber doch für die meisten eine praktische Not­wendigkeit darstellt, haben auch viele Prostituierte ke­ine Wahl gehabt, auch wenn sie niemand mit körperlicher Gewalt zur Prostitution gez­wungen hat. So ist beispiels­weise Prostitution das einzige Gewerbe dem Asylwerbende legal nachgehen dürfen.

Trotz dieser scheinbaren Freiwilligkeit, mit der man­che Prostituierte ihrer Arbeit nachgehen, darf also nicht übersehen werden, dass dieser Beruf von vielen als sehr un­angenehm empfunden wird.Laut einer Studie von Melissa Farley, einer amerikanischen Psychologin und Feministin, wünschen sich 89% der befrag­ten Prostituierten (in Deutsch­land), einen anderen Beruf auszuüben. Dies liegt sicher auch zum Teil an der Diskrimi­nierung, die Sexarbeiter*innen in fast allen Bereichen des ge­sellschaftlichen Lebens begeg­net und an den meist misera­blen Arbeitsbedingungen.

Daher ist es wichtig, neben der gewerkschaftlichen Organ­isierung auch die Möglichkeit einer bezahlten Umschul­ung für Sexarbeiter*innen zu fordern, um ihnen einen Berufswechsel zu erleichtern.

Es gibt auch Prostituierte, welche andere beschäftigen, damit diese für sie arbeiten. Sie führen ihr eigenes Geschäft und werden somit zu kapi­talistischen Ausbeuter*innen. Aus diesem Grund sind einige Sexarbeiter*innen dem Pro­letariat zuzurechnen, wieder andere Sklav*innen, einige Kleinbürger*innen und ver­einzelt Kapitalist*innen, wie z.B. Nitti Britt, welche in den 1960er Jahren eine Kammer für Prostituiertenausstattung gründete. Wieder andere Pros­titutierte schaffen es in die Weltliteratur, wie z.B. die von Solten beschriebene Wiener Dirne Mutzenbacher, oder sie werden dadurch berühmt, weil sie als angebliche Spio­nin enttarnt, verhaftet, ver­urteilt und hingerichtet wur­den wie Mata Hari. Leider ist es auch Realität, dass viele Sexarbeiter*innen von ihren Freiern brutal unterdrückt und auf herabwürdigende und oft gewalttätige Art und Weise behandelt werden. Auch sind Überfälle auf Pros­tituierte sehr häufig. Dass sie aber häufiger zu Mordopfern werden als nicht Prostituierte stimmt nicht und lässt sich statistisch nicht untermauern. Die meisten Gewaltverbrechen und Morde an Frauen gesche­hen immer noch im engsten Familien und Bekanntenkreis. Die meisten Opfer sind nach wie vor Gattin, Töchter, Ex-Frau, Freundin oder Exfreun­din. Meist stecken emotional aufgeladene Motive dahinter. Es gibt pro Jahr mehr ermor­dete Ehefrauen als Prosti­tuierte. Aber auch der Staat behandelt Prostiutierte wie Menschen zweiter Klasse, indem er ihnen oft grundle­gende Menschen- aber auch darüber hinaus gehende Rechte verweigert. Somit werden sie schnell und ohne zu zögern in die Illegalität getrieben. Frauen, die sich als Prostituierte outen, werden oft von der Familie und von Freunden verstoßen und an den Rand gedrängt. Sie kön­nen ihre Kinder verlieren und oft nie wieder in so genannte „normale“ Jobs wechseln. Sie werden so zu Desperados gemacht und ihnen das Recht auf freie Entscheidung sehr stark beschnitten. Es ist daher kaum verwunderlich, dass sich bei vielen so genannten Stricher*innen Drogen- und Alkoholprobleme entwickeln. Aber das so gerne verwendete und althergebrachte Klischee von Mädchen, die als Kind missbraucht und in die Pros­titution getrieben wurden um sich die Sucht zu finanzieren, ist nicht die Regel. Kommt zwar vor, ist aber ein naives Klischee.

Aber warum gibt es Prostitu­tion überhaupt?

Dass die Prostitution das ältes­te Gewerbe der Welt sei, ist ein Mythos. In Wirklichkeit ist ihr Aufkommen unmittelbar mit der Einführung der monoga­men Ehe und des Vaterrechts verbunden. Angefangen von den frühesten Urzeiten der Menschheit lebten die Men­schen ursprünglich polygam, daher wurde der beschrän­kte Besitz von der Mutter an die Kinder weitervererbt. Der Besitz der Männer (der meist aus den nötigen Werkzeugen zur Nahrungsbeschaffung bestand, während die Frauen bzw. die jeweilige Gens den Hausrat besaßen) ging nach ihrem Tode zurück an die Gens seiner Verwandten mütterlicherseits. Als Gens werden die familienähnli­chen Gruppen bezeichnet in denen Menschen innerhalb eines Stammes zusammen­lebten. Mit dem Aufkommen des Feldbaus und vor allem der Viehzucht häufte sich also immer mehr Reichtum in den Händen der Männer, den sie jedoch nicht an ihre Kinder weitervererben konnten. Aus diesem Grund wurde das Mutterrecht gestürzt und das ganze Verwandtschaftssys­tem so umgebaut, dass nun die Männer in ihrer Gens bli­eben und Frauen aus anderen Gentes zu ihnen zogen, statt wie bisher umgekehrt. Um sicherstellen zu können, dass die Erben tatsächlich ihre leib­lichen Kinder waren, wurde die strikte Monogamie für die Frauen eingeführt. Somit ist in Wirklichkeit die Anhäufung von Privateigentum die Ur­sache, dass wir in einer mo­nogamen Gesellschaft leben, auch wenn aus biologischen Gründen vorher schon die An­zahl der Sexualpartner*innen durch verschiedenste Mecha­nismen eingeschränkt worden war.

Diese gesteigerte Produktiv­ität bedeutete aber auch, dass ein Mensch in der Lage war mehr zu produzieren, als für sein/ihr eigenes Überleben notwendig war. Somit wur­den Kriegsgefangene nicht wie vorher einfach getötet oder in den Stamm als mehr oder minder Gleichberechtigte aufgenommen, sondern als Arbeitssklav*innen eingesetzt und auch der Handel mit Sklav*innen begann zu blüh­en. Da die Monogamie des Mannes für die Erbfolge nicht ausschlaggebend war, hielten diese sich oft Sklav*innen zur sexuellen Befriedigung, während die Ehefrau zum Teil nur für die Produktion von rechtmäßigen Nachkommen benutzt wurde. Die Anfänge der Prostitution gehen daher auf die antiken Sklavenhal­tergesellschaften zurück.

Später begannen auch Frauen (und Männer) die ur­sprünglich keine Sklav*innen gewesen waren, sexuelle Di­enste für Geld anzubieten und die gewerbliche Prostitution entstand. Die Prostitution war und ist nach wie vor die andere Seite der monogamen Ehe. Sie ist entstanden aus dem Wider­spruch zwischen der Notwen­digkeit Privateigentum zu ver­erben und den menschlichen sexuellen Trieben, die nicht strikt monogam sind. Ermögli­cht wurde sie durch die Un­terdrückung des weiblichen Geschlechts und die Spaltung der Gesellschaft in besitzende und besitzlose Klassen.

Sie ist Ausdruck einer sex­istischen Klassengesell­schaft und kann in einer sol­chen auch nicht abgeschafft werden. Dennoch sollten sich Sozialist*innen nicht von der bürgerlichen Doppelmoral einwickeln lassen und ein Ver­bot der Prostitution fordern, sondern sich im Gegenteil ge­gen die Unterdrückung und gesellschaftliche Ächtung, die Prostituierten entgegen ge­bracht wird stellen.

Gebt ihnen die Rechte, die jeder Mensch haben sollte, sie haben es ohnedies nicht leicht auf dieser Welt. Wir sollten sie unterstützen und sie nicht an den Rand der Gesellschaft treiben. Um stärker gegen Ge­walt an Frauen vorzugehen, kann es wohl nicht das probate Mittel sein, sie zu stigmatisie­ren und zu illegalisieren. Es ist nichts Anrüchiges oder gar Schlimmes oder Unmoralisch­es dabei sich zu prostituieren. Das Problem ist vielmehr ein gesellschaftliches, welches die eigenen Verfehlungen, verqu­ere Sexualmoral und Armut abermals auf die Schwächsten abwälzen möchte.

– Für die komplette Legalisierung der Prostitution!

– Für eine gewerkschaftliche Or­ganisierung der Prostituierten!

– Für von den Prostitutierten selbst verwaltete Bordelle und die Organisierung von Selbstvertei­digung gegen Übergriffe!

– Für die Möglichkeit einer bezahlten Umschulung, falls dies gewünscht wird!

– Für eine Welt in der kein Mensch gezwungen ist, sich zu prostitui­eren! Nur so können Sklavenhan­del, gewalttätige Zuhälter*innen und Freier verhindert werden!