Die Bedeutung von Lenins „Was tun?“

Alle Sozialistinnen und Sozialisten müssen sich eine grundlegende Frage stellen, wenn sie sich selbst ernst nehmen wollen: Was für eine Organisation brauchen wir um unsere politischen Ziele zu erreichen? Dabei stoßen sie unweigerlich darauf, in welchem Verhältnis eine zu bildende Partei zur Arbeiter*innenklasse selbst stehen und welche Aufgaben sie ihr gegenüber verfolgen soll. Doch das Rad muss nicht immer neu erfunden werden.

Lenin und die bolschewistische Tageszeitung Prawda. Mit der bolschewistischen Partei fanden die Ideen von „Was tun?“ ihre Verwirklichung.

Die Bedeutung von Lenins „Was tun?“ aus dem Jahr 1902 liegt gerade darin, das Verhältnis Partei-Klasse klar zu beschreiben. In diesem Buch finden wir eine wichtige Abhandlung darüber, wie revolutionäres Klassenbewusstsein entsteht und was sozialdemokratische Politik – das heißt in damaligen Worten sozialistische Politik – eigentlich ausmacht. Daran anknüpfend legt Lenin die grundlegenden Ideen seiner „Partei neuen Typs“ dar. Außerdem war das Werk ein wichtiger Bestandteil des Kampfs zur Schaffung einer einheitlichen marxistischen Partei in Russland.

Kampf für die russische Arbeiter*innenpartei

Das Russland des 19. Jahrhunderts war politisch und wirtschaftlich rückständig im Vergleich zu Europa. Der Kapitalismus und mit ihm die Arbeiter*innenklasse entwickelten sich langsamer, dementsprechend auch die Arbeiter*innenbewegung in den größeren, industrialisierten Städten. Erste Arbeiterorganisationen entstanden in den 1870er-Jahren, allerdings kann die Geburtsstunde der russischen Sozialdemokratie erst später datiert werden. Lenin selbst teilt ihre Geschichte im 19. Jahrhundert in drei Abschnitte. Demnach bestehe der erste Abschnitt in den Jahren 1884-1894, in dem Theorie und Programm erst in einer embryonalen Entwicklung entstehen und sich konsolidieren. Tatsächlich ist der Ursprung des russischen Marxismus untrennbar mit Georgi Plechanow verbunden, der gemeinsam mit Pawel Axelrod und Wera Sassulitsch 1883 die Gruppe „Befreiung der Arbeit“ gründete, mit dem Ziel westliche sozialistische Literatur in Russland zu verbreiten. 1895 gründeten dann Lenin und Julius Martow gemeinsam den „Kampfbund zur Befreiung der Arbeiterklasse“ der trotz dutzender Verhaftungen einer Zerschlagung widerstand und dadurch Bedeutung und Vorbildwirkung erlangte.

Die Sozialdemokratische Arbeiterpartei Russlands (SDAPR) wurde im Frühjahr 1898 gegründet. Dazu trafen sich in Minsk neun Personen, die sechs Organisationen vertraten und die Partei proklamierten. Viele sozialdemokratische lokale Gruppen und Zeitungen fühlten sich ihr zugehörig, sie waren aber heterogen, unerfahren, wenig vernetzt und instabil, von einer einheitlichen Partei konnte also nicht die Rede sein. Lenin bezeichnete die Tätigkeit der sozialdemokratischen Zirkel als „Handwerklerei“, der er die Idee einer straffen, zentralisierten und schlagkräftigen Partei entgegen setzte.

Lenin und die „Gruppe zur Befreiung der Arbeit“ arbeiteten ab Ende 1900 im Exil an der Zeitung „Iskra“ mit dem Ziel die sozialdemokratischen Organisationen um eine bewusste politische Plattform zu sammeln. Um eine starke Organisation mit politisch tauglicher Führung zu schaffen um der Unterdrückung im absolutistischen Zaren-Staat zu widerstehen, müsse der Plan einer Organisation geschaffen werden, die sich um eine gesamtrussische Zeitung gruppiere. In der Auseinandersetzung um diese Frage zieht Lenin gegen eine Strömung innerhalb der russischen Sozialdemokratie ins Feld, die er als „Ökonomismus“ bezeichnet. Sie betreibe eine nur-gewerkschaftliche Politik und enge dadurch die sozialdemokratische Tätigkeit ein. In seiner Broschüre „Was tun?“ entwickelt er diese Gedanken weiter und behandelt in seiner Polemik gegen den Ökonomismus ausführlich grundlegende Fragen über die Entstehung von Klassenbewusstsein, den Charakter und Inhalt sozialistischer Politik und über den Aufbau einer geeinten marxistischen Partei im Russland zu Beginn des 20. Jahrhunderts.

Spontaneität und Bewusstheit

Die Gruppe „Befreiung der Arbeit“ und alle sozialdemokratischen Vertreter hatten den Sturz des Zarismus und die Eroberung der politischen Freiheit zur nächsten politischen Aufgabe erklärt. Allerdings gab es eine Reihe von Zweiflern, die dem ökonomischen Kampf die überwiegende Bedeutung zusprachen und die politischen Aufgaben des Proletariats in den Hintergrund rückten.

Mitte der 1890er-Jahre gab es in der Jugend eine allgemeine Begeisterung für die marxistische Theorie und Streikbewegungen der Arbeiter*innen. Die Gruppe „Befreiung der Arbeit“ hatte die Mehrheit der revolutionären Jugend für das sozialdemokratische Programm gewonnen und diese Jugend versuchte unter den Arbeiter*innen zu arbeiten. Sie beschäftigte sich mit Agitation im Proletariat, stellte aber die geschichtlichen und politischen Aufgaben, insbesondere den Sturz des Zarismus, in den Vordergrund. Der „Kampfbund zur Befreiung der Arbeiterklasse“ in St. Petersburg brachte 1895 die erste Ausgabe der Zeitung „Rabotscheje Delo“ (Arbeitersache) heraus mit der man versuchte, die Streikkämpfe mit dem Sturz der „Selbstherrschaft“ (Autokratie) zu verknüpfen. Die Mitglieder des Kampfbunds wurden von einem Spitzel verraten, verhaftet und die Zeitung wurde beschlagnahmt. Lenin bilanzierte, dass es ihnen an revolutionärer Erfahrung und praktischer Schulung mangelte.

Später ging aus „jüngeren“ Mitgliedern des Kampfbunds die Zeitung „Rabotschaja Mysl“ (Gedanke der Arbeiter) hervor, in der erklärt wurde, dass das Bestreben ständig an das politische Ideal zu denken, die ökonomischen Grundlagen der Bewegung verdunkeln. Gemeinsam mit dem „Rabotscheje Delo“ pries dieser „Ökonomismus“ die spontane Bewegung der Arbeiter*innen und unterstellte der „Iskra“, die objektive Entwicklung durch subjektive Pläne zu ersetzen.

Lenin kritisierte eine solche Haltung als Chwostismus (d.h. „Nachtrabpolitik“). Für ihn war Spontaneität eine Keimform der Bewusstheit. Die Sozialdemokratie könne ihre Aufgaben entweder als Anbetung dieser Spontaneität auffassen oder erkennen, dass die Massenbewegung neue theoretische, politische und organisatorische Aufgaben stellt. Der spontane Aufschwung der Massen ging mit einer solchen Schnelligkeit vor sich, dass die sozialdemokratische Jugend für die Erfüllung ihrer Aufgaben nicht genügend geschult war. Sie blieb in ihren Theorien und in ihrem Willen zurück und war nicht in der Lage eine stetige und kontinuierliche Organisation zu schaffen, die die Bewegung leiten konnte. Mit der „Anbetung der Spontaneität“ machten die Ökonomist*innen aus ihrer Not eine Tugend.

Gewerkschaftliche vs. sozialdemokratische Politik

Mit dem Erstarken des ökonomischen Kampfes ging eine „Literatur“ der ökonomischen Enthüllungen einher. Die überwiegende Mehrheit der russischen Sozialdemokrat*innen ging in der Arbeit auf, in den Betrieben die gröbsten Missstände anzuklagen, was bei den Arbeiter*innen Forderungen zu deren Beseitigung hervorrief. So wichtig diese „Enthüllungen“ auch waren, waren sie an und für sich noch keine sozialdemokratische Tätigkeit sondern eine gewerkschaftliche. Damit sollte nicht gemeint sein, dass sich nicht die Sozialdemokratie sondern nur Gewerkschaften mit einer solchen Arbeit beschäftigen sollten, sondern, dass der ökonomische Kampf nur ein Bestandteil der sozialdemokratischen Politik sein kann. Die Arbeit der Marxist*innen muss auf die Aufhebung der Klassengesellschaft abzielen, deswegen muss die Hauptaufgabe der Sozialdemokratie die Entwicklung des politischen Bewusstseins sein.

Das Problem des Ökonomismus wird nochmal deutlicher, wenn man sich veranschaulicht wie dessen Vertreter die Entwicklung des politischen Bewusstseins auffassten. Ihnen ging es nämlich nicht darum auf politischen Kampf zu verzichten, sondern darum diesen auf den ökonomischen Kampf einzuschränken. Auch gewerkschaftliche Tätigkeit schließt den Kampf für politische Reformen ein, allerdings eben nur aus dem ökonomischen Gesichtspunkt. Dem stellt Lenin die Aufgabe umfassender politischer Agitation gegenüber und die Organisierung allseitiger politischer Enthüllungen. Marxist*innen müssen alle Fragen des Klassenkampfes behandeln, den Massen die sozialistischen Positionen dazu nahebringen und sie in die verschiedensten politischen Kämpfe einbeziehen um ein allseitiges Klassenbewusstsein entwickeln zu können und damit den Sturz der Kapitalist*innenklasse vorzubereiten.

Der Sozialismus als Lehre ist aus philosophischen, historischen und ökonomischen Theorien hervorgegangen, die von der Intelligenz ausgearbeitet wurden. Er steht auf dem Marxismus, der nur vor dem Hintergrund der kapitalistischen Verhältnisse entstehen konnte. Der Marxismus ist aber ein Produkt wissenschaftlicher Einsicht und er kann auch nur auf diesem Weg verstanden werden. Sozialistisches Bewusstsein, das heißt die Einsicht über die Beziehungen der Klassen untereinander und die draus entspringenden Aufgaben des Proletariats, entsteht nicht automatisch im ökonomischen Klassenkampf, sondern muss – etwas einseitig aber klarer formuliert – von außen unter die Arbeiter*innen getragen werden. Das ist die Aufgabe der Partei, die sich zu diesem Zweck mit der Arbeiter*innenklasse verbinden muss. Die Entwicklung des Klassenbewusstseins nur auf die ökonomischen Aufgaben zu beziehen bedeutet die Entwicklung des Bewusstseins auf ein gewerkschaftliches zu beschränken und damit letztendlich ein spontanes bürgerliches Bewusstsein nicht überwinden zu können.

Die leninistische Organisation

Lenins Ziel in „Was tun?“ ist die Notwendigkeit zur Schaffung einer zentralisierten, einheitlichen Partei aufzuzeigen. Neben dem Ökonomismus sieht er als größtes Hindernis dazu eine „Handwerkelei“ in der sozialdemokratischen Bewegung.

Um zu veranschaulichen was er damit meint, beschrieb Lenin einen typischen sozialdemokratischen Zirkel der Jahre 1894-1901: Vom Marxismus begeisterte Studierende gründen einen Zirkel, sie knüpfen Beziehungen zu Arbeiter*innen, sie entfalten eine Propaganda- und Agitationsarbeit, die Anziehungskraft der Gruppe steigt, sie knüpfen Beziehungen zu anderen revolutionären Gruppen, bringen eine lokale Zeitung heraus und gehen zu Kampfhandlungen über. Der Beginn dieser Aktionen führt gewöhnlich zum vollständigen Auffliegen vor der Polizei.

Lenin kritisierte an der Handwerkelei, der er eine gewisse historische Unvermeidbarkeit zugestand, mangelnde Schulung und einen beschränkten Umfang der revolutionären Arbeit im Allgemeinen, womit er einen Bogen zum Ökonomismus spannte. Um die Schwächen der sozialdemokratischen Bewegung zu überwinden sah er es als erste und dringendste Aufgabe an, eine Organisation von Revolutionär*innen zu schaffen, die dem politischen Kampf Energie, Zähigkeit und Kontinuität verleihen und es mit der Polizei aufnehmen könne. Diese Organisation muss laut Lenin eine von „Berufsrevolutionär*innen“ sein, das heißt von Aktivist*innen die sich der Sache des Sozialismus verschreiben, bereit sind unter strenger Parteidisziplin zu arbeiten und an sich den Anspruch stellen sich zu fähigen Führer*innen der Bewegung zu entwickeln.

Die Organisation der revolutionären Sozialdemokratie muss anders sein als die Organisation der Arbeiter*innen für den ökonomischen Kampf. Letztere muss gewerkschaftlich sein, möglichst umfassend und möglichst wenig konspirativ. Bei Ersterer sollen sowohl die Unterschiede zwischen Arbeiter*innen und Intellektuellen als auch berufliche Unterschiede möglichst zurücktreten, sie muss nicht so umfassend sein wie die gewerkschaftliche Organisierung der Arbeiter*innen, aber sie muss möglichst konspirativ sein um staatlichen Angriffen widerstehen zu können. Das Ziel der leninistischen Organisation muss es sein, die Arbeiter*innen auf das Niveau von Revolutionär*innen zu heben und nicht umgekehrt. In diesem Sinn müssen revolutionäre Arbeiter*innen „Berufsrevolutionär*innen“ werden.

Oftmals wird einem solchen leninistischen Konzept der falsche Vorwurf entgegnet, die Partei versuche die Bewegung der Arbeiter*innen zu ersetzen, dem Proletariat das Denken abzunehmen oder die Klasse in eine blind geführte Herde zu verwandeln. Das Gegenteil ist der Fall, das leninistische Verständnis vom Verhältnis der Partei zur Klasse erkennt lediglich die Notwendigkeit an, die fähigsten und bewusstesten Sozialist*innen in einer Organisation zu vereinen um den Arbeiter*innen ein revolutionäres Klassenbewusstsein nahe zu bringen und damit die Aktivität und Organisierung des Proletariats zu steigern.

Die Rolle einer gesamtrussischen Zeitung

Unter die Tätigkeit typischer damaliger sozialdemokratischer Zirkel fiel nach Lenins Darstellung auch die Herausgabe einer lokalen Zeitung. Würde die gleiche Anzahl an Zeitungsnummern nicht von vereinzelten lokalen Gruppen heraus gegeben sondern von einer einheitlichen Organisation, würde das zu einer größeren Stabilität und Kontinuität der Arbeit führen aber auch ein umfassenderes Bewusstsein unter den Arbeiter*innen hervorbringen. Das würde nicht – wie von manchen befürchtet – die lokale Arbeit schwächen, sondern sie im Gegenzug sogar stärken.

Lenin und die „Iskra“-Gruppe ordneten einer gesamtrussischen Zeitung besonders wichtige Rollen zu, sie sahen sie als kollektiven Propagandist, Agitator und Organisator. Dabei ging es ihnen um die Frage, wie es denn eigentlich möglich sei, eine starke Organisation überhaupt zu bilden, denn dass man eine brauche war wenig umstritten. Die Zeitung müsse eine systematische, ständige Bewertung aller Seiten des politischen Lebens vornehmen um den Massen beizubringen den politischen Kampf zu führen, in diesem Sinn ist die Zeitung als kollektiver Propagandist und Agitator zu verstehen. Zusätzlich verglich Lenin sie aber auch mit einem Gerüst, das um ein in Bau befindliches Gebäude errichtet wird. Die technische Aufgabe die Zeitung regelmäßig mit Material zu versorgen und sie regelmäßig zu verbreiten verleihe ihr die Rolle als kollektiver Organisator, weil diese Aufgabe dazu zwinge ein Netz von örtlichen Vertrauensleuten zu schaffen – das Gerippe der Organisation.

Bedeutung für heute

Klar ist es schon über hundert Jahre her, dass „Was tun?“ geschrieben wurde und die russischen Verhältnisse, unter denen das Konzept der leninistischen Partei entwickelt wurde, existieren heute nicht mehr. Auch können wir für den Aufbau moderner, revolutionärer Arbeiter*innenparteien auf die Erfahrungen danach folgender Jahrzehnte kommunistischer Bewegungen zurück greifen. Allerdings ist der Bolschewismus das einzige historische Beispiel für eine Bewegung, die es geschafft hat eine revolutionäre Massenpartei aufzubauen und die Arbeiter*innenklasse zur Revolution zu führen. In der Entwicklung der bolschewistischen Partei durch ihre verschiedenen Stadien findet man Lösungen für die meisten Fragen zu Prinzipien und Taktiken, über die in der heutigen Linken hauptsächlich Verwirrung herrscht.

Nachdem sich der Klassenwiderspruch seit Lenins Zeit nicht geändert hat, ist das dargestellte Verständnis vom Verhältnis der Partei zur Klasse in „Was tun?“ immer noch aktuell. Gerade aus diesem Verständnis entspringt aber auch das Konzept der leninistischen Partei als eine von „Berufsrevolutionär*innen“ bzw. von „Kadern“. Dass dieses Parteiverständnis in seinen Grundzügen von Lenin nicht nur auf die zaristischen Verhältnisse bezogen wurde beweist schon dessen spätere Verallgemeinerung durch die Kommunistische Internationale. Seither gibt es keine bessere Theorie über den Charakter revolutionärer Parteien – damit ist „Was tun?“ immer noch ein sehr lehrreiches und eigentlich unentbehrliches Buch für jede Marxistin und jeden Marxisten.