Panik an der Börse: Ist das die nächste große Krise?

Über das erste Februar-Wochenende sind die Kurse an der New Yorker Börse massiv gefallen, der „Dow Jones“-Index ging um 2.000 Punkte oder 8 % hinunter. Das sind immerhin 4 Billionen Dollar Buchgeld, die da verloren gegangen sind. Der Kursverlust am Montag war der größte seit 2007, als die globale Finanzkrise begann. Kurze Erholungen eingerechnet hatte der Börsenindex bis Donnerstag 9 % (2.300 Punkte) verloren. Das wiederholte sich auch auf den wichtigsten Börsen in Europa und Asien: Der FTSE in London fiel um 5,3 %, der deutsche DAX um 6,9 %, der NIKKEI in Tokio um 8,9 % und der Hang Seng in Hongkong um um 9,6 %.

Dunkle Erinnerung

Der Vergleich zu den Kursstürzen am Beginn der globalen Rezession 2007 liegt auf der Hand. Auch andere Anzeichen für eine Blasenbildung auf den Aktienmärkten sind da: Die Kreditaufnahmen (im Prinzip das Verhältnis von geborgtem Kapital zu dem, das Firmen selber besitzen) und die Aktienpreise sind zuletzt stark gestiegen. Mit einer Blase ist in der Regel gemeint, dass die Preise für Produkte (in diesem Fall Finanzprodukte) viel stärker steigen als die erwarteten Erträge (in diesem Fall Dividendenausschüttungen), weil Käufer*innen hoffen, später zu einem höheren Preis verkaufen zu können, also nicht mit den Erträgen, sondern dem Preis spekulieren. Der Cape-Index, der Aktienpreise mit den erwarteten Erträgen vergleicht zeigt auch, dass Aktien im Moment doppelt so teuer sind wie im historischen Durchschnitt.

Die erhöhten Kreditaufnahmen sind eine weitere Parallele zum Crash 2007: Die Überschuldung im Immobiliensektor führte damals dazu, dass viele Kredite nicht zurückgezahlt wurden und Banken ernsthafte Probleme mit ihrer Zahlungsfähigkeit hatten. Wenn eine kreditfinanzierte Aktienblase platzt, kann das zu Notverkäufen führen, das bedeutet, dass Anleger*innen massenhaft Aktien verkaufen um mit dem Geld ihre Kredite zurückzahlen zu können, was die Preise weiter fallen lässt. Wenn zu viele Kredite nicht bedient werden, kann das auch bedeuten, dass Banken pleite gehen oder zumindest nicht in der Lage sind, Unternehmenskredite zu vergeben. So breitet sich ein Aktiencrash auch auf die nicht-finanzielle Firmenlandschaft aus.

Bürgerliche Erklärungen

STANDARD und HANDELSBLATT hatten die Schuldigen für den Kurseinbruch schnell gefunden: steigende Bruttolöhne in den USA, Statistiken, die am Freitag vor dem Absturz veröffentlicht wurden zeigten, dass die so stark gestiegen sind wie seit 2007 nicht mehr.

Ökonom*innen befürchten, dass die Arbeiter*innen jetzt mehr Produkte kaufen wollen werden, und die gestiegen Nachfrage die Preise schneller steigen lassen wird, also die Inflation beschleunigt. Eine höhere Inflation bedeutet fast immer auch höhere Zinsen auf Kredite: Firmen können sich dann schwieriger Geld borgen, das Investitionsvolumen und damit das Wirtschaftswachstum geht zurück. Angeblich gehen Anleger*innen deshalb auf Abstand.

Die tatsächlichen Daten zur Inflationsentwicklung zeigen allerdings keine Anzeichen dafür: Die Inflation in den USA ist bei 2,1 %, die in der Eurozone bei 1,8 %. Eine galoppierende Inflation ist eher unwahrscheinlich und auch nicht der Grund für die Vorsicht der Kapitalist*innen.

Löhne, Preise und Profite

Der wahre Zusammenhang zwischen den Erwartungen der Anleger*innen und den veröffentlichten Einkommensdaten für die USA ist trotzdem wichtig. Profite und Löhne stehen in einem einfachen Zusammenhang, den Adam Smith schon im 19. Jahrhundert beschrieb: Wenn Löhne steigen, fallen die Profite. Die Gewinne der Reichen sind davon abhängig, dass die Arbeiter*innen einen immer kleineren Teil des gesellschaftlich produzierten Reichtums bekommen.

Im STANDARD wird das anders dargestellt: Die steigenden Löhne würden zu höherer Nachfrage nach Konsumgütern führen. Die Unternehmer*innen produzieren aber schon so viel wie sie können und können die Kapazität nur durch teure und kreditfinanzierte Investitionen ausweiten. Das würde zu einer Preiserhöhung und einer Inflationsspirale führen und die Inflation würde wiederum die Rückzahlung der Kredite zu einem Risikogeschäft machen.

Inflation ist natürlich ein realer Faktor für Unternehmer*innen. In der Regel treffen die Auswirkungen aber zuerst die Arbeiter*innen, deren Löhne mit der Inflation nicht Schritt halten und die sich deshalb ihren Lebensstandard nicht mehr leisten können. Unternehmer*innen leiden darunter in der Regel nur indirekt. Die Erklärung der bürgerlichen Wirtschaftswissenschafter*innen soll vor allem Argumente gegen weitere Lohnerhöhungen liefern, hilft in der Analyse aber wenig weiter.

Löhne, Profite, und Erwartungen

Eine solide Interpretation der Ereignisse und auch eine Vorahnung auf mögliche weitere Entwicklungen kann in der marxistischen Krisentheorie gefunden werden. Marx geht davon aus, dass Investitionen in Finanzprodukte langfristig nicht vom individuellen Geschmack oder psychologischen Effekten, sondern vom Verhältnis der erwarteten Erträge zur Zinsrate bestimmt werden. Die Differenz zwischen den beiden ist der Mehrprofit, den Kapitalist*innen machen, wenn sie ihr Geld nicht verleihen, sondern investieren. Sie können sich sogar Geld borgen um es zu investieren und damit Gewinn machen.

Der marxistische Ökonom Michael Roberts erklärt in einem Blogbeitrag die wichtigsten Unterschiede des Kurssturzes zum Beginn der Krise 2007. Damals war die Profitabilität auf dem absteigenden Ast, während die Zinsen hinaufgingen. Der Kurszusammenbruch damals war eine Kettenreaktion von Anleger*innen, die Bargeld brauchten und denen die erwarteten Profite aus Finanzprodukten nicht mehr ausreichten. Das waren auch nicht individuelle Aktienbesitzer*innen sondern vor allem große Institutionen wie Banken, Versicherungs- und Pensionsfonds. Die Banken waren zusätzlich unter Druck, weil steigende Kreditausfälle von Hypotheken bedeuteten, dass sie schnell an Bargeld kommen mussten.

Was folgte war eine Kettenreaktion, in der verschiedene Dynamiken zusammenkamen. Die Kursstürze am Immobilienmarkt, Aktienmarkt und gleichzeitig weniger verfügbare und teurere Kredite bedeuteten, dass wichtige wirtschaftliche Institutionen viel Geld verloren. Gleichzeitig war die stark gestiegene Nachfrage nach Finanzprodukten auch eine Folge der fallenden Profitraten im Produktionssektor. Das meint Roberts mit fallender Profitabilität.

Die ist heute zwar noch immer niedriger als 2007, aber seit Jahren stetig am Steigen. Wie auch bürgerliche Zeitungen zur Entwarnung schreiben ist zwar die Überschuldung hoch und eine Blasenbildung an den Aktienmärkten offensichtlich, die Wirtschaftslage ist aber viel besser als 2007. Steigende Profite und verfügbare Kredite bedeuten, dass Firmen erwarten weiter wachsen zu können und daher investieren.

Auch das Ausmaß des Kurssturzes ist nicht mit 2007 vergleichbar und hat sich nicht auf Immobilien- oder Rohstoffmärkte ausgebreitet. Es gibt also weiter Möglichkeiten für Banken und Firmen, an Geld zu kommen und mit Investitionen zu verdienen. Eine einfache Wiederholung der Krise ist also eher unwahrscheinlich – aber nicht ausgeschlossen.

Dreht sich die Dynamik?

Es kann sehr wohl sein, dass sich diese Dynamik jetzt umdreht: An den strukturellen Ursachen der großen Krise hat sich nämlich seit 2007 nicht viel verändert. Das ist vor allem die Überakkumulation von Kapital im nicht-finanziellen Sektor, die niedrigere Profitraten bedeutet. Die Kosten der Krise konnten durch fallende Reallöhne und Sparpakete zwar der Arbeiter*innenklasse aufgebürdet werden, was dem Fallen der Profitrate entgegenwirkt. Aber auch da gibt es eine Untergrenze.

Ein anderer wichtiger Faktor für Instabilität sind Firmenschulden. Die sind seit 2009 nicht gefallen und sind heute deutlich höher als noch 2007. Ständig steigende Firmenverschuldung bedeutet auch, dass das gegenwärtige Wachstum nicht nachhaltig abgesichert ist, und es ist nicht klar, ob die Kosten wieder auf die Arbeiter*innenklasse abgewälzt werden können.

Wenn das nicht so ist, sind die Folgen der nächsten Krise für die Herrschenden verheerend. Das ist aber weniger eine Frage der wirtschaftlichen Entwicklung an den Märkten, als von politischen Ereignissen. Wie lange lassen sich die Gewerkschaften fallende Reallöhne und einen verfallenden Lebensstandard der Arbeiter*innenklasse noch gefallen? Wie weit trauen sich die herrschenden Parteien sich an die Reichsten anzubiedern, ohne dass sie abgewählt werden?

Die nächste Krise kommt bestimmt, das ist im Kapitalismus ganz normal. Wie hart sie ausfallen wird und wer dafür bezahlen muss – das wird in den politischen Kämpfen der nächsten Monate und Jahre bestimmt werden.