Junge Grüne und die Oktoberrevolution: Was können wir aus Russland 1917 lernen?

In ihrem Theorie- und Debattenmagazin „Blattlinie“ (http://junge-gruene.at/blog/2017/04/07/junge-gruene-veroeffentlichen-bisherige-blattlinie-ausgaben/) beschäftigen sich die Jungen Grünen in der ersten Ausgabe 2017 mit der Oktoberrevolution. Diese Ausgabe der Blattlinie wurde noch vor dem Bruch mit der Grünen Partei heraus gegeben, ist aber deswegen nicht viel weniger interessant zu analysieren. Erfrischend ist, dass die Auseinandersetzung mit der Russischen Revolution nicht in fanatischem Antikommunismus ausartet, sondern stattdessen versucht die Lehren für die heutige Linke aus diesem welthistorisch bedeutenden Ereignis zu ziehen. Die Russische Revolution wird in erster Linie als fortschrittliches Ereignis skizziert.

„Im Zuge der Revolution und den Folgejahren wurden sowohl per Gesetz als auch im Alltag neue Formen des Zusammenlebens entwickelt, die heute großteils nicht wieder erreicht sind. Die fortschrittlichen Scheidungs-, Abtreibungs- und Heiratsgesetze sind dafür ebenso Ausdruck wie die Bildung von Arbeiter*innen- und Soldatenräte, einer seitdem nicht erreichten Form radikaler Demokratie.“ („Ein unerhörter Schrei nach Brot“)

Als revolutionäre Kommunist*innen stehen wir natürlich in der Tradition der Bolschewiki, die der Russischen Revolution mit der Errichtung der Rätemacht ihren höchsten Ausdruck gaben. Doch die Frage ist, was wir von den damaligen Ereignissen für heute mitnehmen können und sollen und ob die Jungen Grünen in ihrer „Blattlinie“ diesem Anspruch gerecht werden.

Die Räte

Schon in der Revolution von 1905 gründete das russische Proletariat Organe der direkten Demokratie unter direkter Einbeziehung der Massen. Auf Massenversammlungen wurden die Räte gewählt und dienten als Repräsentanten der Arbeiter*innenklasse. Die „Blattlinie“ begreift korrekter weise die zentrale Rolle der Räte für die Revolution 1917.

„Diese [die Arbeiter*innen und Soldaten] hatten in Anlehnung an die Ereignisse 1905 einen Arbeiter*innen und Soldatenrat (Sowjet) gegründet. Was die Regierung auf Grund ihrer sozialen Zusammensetzung nicht werden konnte, war dem Petrograder Sowjet möglich: Repräsentationsorgan der revolutionären Massen zu sein und ihren Willen zur Sprache zu bringen. Jede Kompanie und jede Fabrik sollte eine*n Delegierte*n schicken, jede größere Fabrik auf 1000 Arbeiter*innen eine*n.“ („Ein unerhörter Schrei nach Brot“)

Die Situation der Doppelherrschaft als eine Situation zweier unterschiedlicher Formen der Macht – auf der einen Seite die Provisorische Regierung als Koalitionsregierung aus Bürgerlichen, Menschewiki und Sozialrevolutionären und auf der anderen Seite die Räte – wird gut erfasst. Anfangs diente der Petrograder Sowjet (als die revolutionären Kräfte in der Minderheit waren) noch als Stütze für und zur Kontrolle der Provisorischen Regierung. Aber spätestens als sich die Bolschewiki Ende des Sommers 1917 immer mehr und mehr gegen Menschewiki und Sozialrevolutionären in den Räten durchsetzten, wurden die Sowjets zur echten Konkurrenzum zur Macht der bürgerlichen Provisorischen Regierung.

Was in der „Blattlinie“ unzureichend diskutiert wird ist, dass es sich bei den Sowjets nicht nur um Organe der revolutionären Massen handelte, sondern dass die Sowjets in erster Linie Organe der proletarischen Macht waren. Die Provisorische Regierung war dem gegenüber Repräsentantin der Kapitalist*innen. Die Situation der Doppelherrschaft war also in erster Linie eine Situation in der zwei entgegen gesetzte Klassen gegeneinander versuchen die Macht auszuüben. So eine Situation drängt notwendigerweise auf eine Entscheidung zu, welche Klasse denn die Macht in der Gesellschaft ausüben kann. Dieses instabile Kräftegleichgewicht wurde in Russland schließlich mit dem Oktoberaufstand zu Gunsten der Arbeiter*innenmacht entschieden. In der „Blattlinie“ heißt es dazu lediglich: „Die Bolschewiki sahen in der Doppelherrschaft eine Gefahr für die Revolution, da die Räte das gegnerische Potenzial unterschätzen könnten.“ („Ein unerhörter Schrei nach Brot“) Es ist zwar korrekt, dass die Frage des gegnerischen Potenzials eine wichtige ist, aber die Partei der Bolschewiki drängte zur Lösung dieser Frage in erster Linie, weil sie sah, dass nur eine Klasse die Macht in der Gesellschaft halten kann und dass so eine Situation früher oder später zu Ende gehen müsste.

Die Bolschewiki

Die Bolschewiki und ihre Herangehensweise an die Revolution werden zwar durchwegs auch positiv – oder zumindest wohlwollend neutral – dargestellt, aber doch mit einigen schweren Unzulänglichkeiten. Begonnen wird damit, dass die Bolschewiki und insbesondere Lenin von den Ereignisse der Februarrevolution überrascht worden wären. Lenin wird zitiert: „Wir, die Alten, werden vielleicht die entscheidenden Kämpfe dieser kommenden Revolution nicht erleben.“ (22. Januar 1917) Was stimmt ist, dass die Bolschewiki die Situation vor dem Februar 1917 stark unterschätzten und die schon kochende Stimmung nicht exakt einzuschätzen vermochten. Doch davon zu sprechen, dass Lenin die Revolution in Russland in seinen Lebzeiten für unwahrscheinlich gehalten habe ist ganz einfach falsch. Einerseits ist mit Lenins Imperialismus-Theorie (verfasst 1916) klar, dass die Revolution allgemein auf der Tagesordnung steht und vor allem auch der Ersten Weltkrieg nur fortschrittlich durch das siegreiche Proletariat beendet werden könnte. Andererseits ist dieses Zitat auch aus dem Zusammenhang gerissen, denn Lenin spricht in seiner Rede zum Jahrestag des St. Petersburger Blutsonntags (aus der das Zitat entnommen ist) klar von der Revolution und dem Sieg des Sozialismus in Europa und nicht von der Revolution in Russland. Zusätzlich ist daraus klar, dass es nicht um die unmittelbare Revolution in Russland, sondern um die entscheidenden Kämpfe bis zum Sieg des Sozialismus in Europa geht.

Die Bolschewiki, genauso wie die Menschewiki, werden im Jahr 1917 (also 5 Jahre nach ihrer Konstituierung als eigene Partei) fälschlich als Fraktion der Sozialdemokratie und nicht als eigenständige Partei bezeichnet. Hierbei wird bewusst oder unbewusst die schon gezogene klare Trennlinie zwischen einer revolutionär-kommunistischen Avantgardepartei und einer sozialchauvinistisch-reformistischen Partei verwischt. Lenin lehnte wegen des historischen Verrats der Sozialdemokratie im 1. Weltkrieg spätestens seit 1917 die Selbstbezeichnung „Sozialdemokratie“ ab.

Die Rolle der Bolschewiki im Verlauf des Jahres 1917 wird hingegen recht gut dargestellt. Vor allem die Tatsache, dass sich die Bolschewiki als einzige konsequent revolutionäre Kraft beweisen konnten und mit Aufforderungen an die anderen Parteien in den Räten (vor allem an Menschewiki und Sozialrevolutionäre) deren kompromisslerischen und zurückweichenden Charakter offen legen konnten. Im Endeffekt verrieten diese Parteien die Interessen des Proletariats und der armen Landbevölkerung. Bei der Darstellung dieser Herangehensweise wäre es aber notwendig gewesen auf die Verallgemeinerung dieser Taktik, also dem Appell zur Zusammenarbeit mit anderen (reformistischen) Kräften der Arbeiter*innenbewegung um deren Verrat in der Praxis aufzuzeigen, in Form der Einheitsfronttaktik einzugehen. Die junge Kommunistische Internationale systematisierte dieses Vorgehen auf ihrem 3. Weltkongress um den Einfluss der reformistischen Kräfte in der Arbeiter*innenbewegung zurück zu drängen. Dabei wäre auch die Verteidigung der Provisorischen Regierung durch die Bolschewiki gegen den konterrevolutionären Putsch von Kornilow im August 1917 anschaulich gewesen.

Die Utopie

Das zentrale Thema, das sich durch die gesamte Ausgabe der Blattlinie zieht, ist die Utopie. Utopie wird dabei nicht als negatives Wort im Sinne einer Unmöglichkeit sozialer Veränderung gebraucht. Vielmehr ist es „jener Zustand des sozialen Bewusstseins, der einer sozialen Bewegung entspricht, die auf radikale Veränderungen der menschlichen Gesellschaft hinzielt, diesen Veränderungen nicht genau entspricht, sondern sie in idealisierter und mystifizierter Weise versinnbildlicht und so der wirklichen Bewegung den Sinn einer Realisierung eines Ideals verleiht, das in der reinen Sphäre des Geistes entsteht und nicht aus der gegenwärtigen geschichtlichen Erfahrung.“ („ABC der Jungen Grünen: Utopie“)

Die Zentralität von Utopien in der Russischen Revolution wird diskutiert genauso wie Eduard Bernstein dafür kritisiert wird, er wollte „die Reste der utopische[n] Denkweise in der sozialistischen Theorie [bekämpfen]“. „Das Problem, das Bernsteins Position mit sich bringt, liegt vielmehr in der Unterschätzung der Utopie für ihre Verwirklichung.“ („Wer von der Zukunft nicht reden will, soll vom Sozialismus schweigen“)

Vor allem hier liegt das zentrale Problem der „Blattlinie“ begraben. Die gesamte Geschichtsbetrachtung, wenn auch mit einigen korrekten Ansichten und Analysen, wird durch die Brille des utopischen Strebens betrachtet. Konkrete Positionierung zu diversen politischen Fragen der Vergangenheit, die für heute und die Zukunft noch aktuell sind, werden ausgelassen. Wieso konnte in der Sowjetunion die Stalin-Bürokratie an die Macht kommen, was waren die zentralen Faktoren für diese Entwicklung? Alles was dazu gesagt wird ist, dass „das tragische Scheitern der utopischen Ideale der Revolution, ihr Umschlagen ins Dystopische und ihr Zerbrechen an Machtverhältnissen, […] schon früh von utopischen Gegenstimmen reflektiert [wurde].“ („‘Narren-Utopien sind hier verwirklicht‘“) Eine konkrete Analyse wie und warum es zu all dem kam, fehlt. Vor allem die politischen Auseinandersetzungen rund um die Linke Opposition und deren Kampf gegen die Bürokratisierung ab Mitte der 20er Jahre finden keinerlei Erwähnung.

Der Marxismus hat sich nicht zufällig in bewusster Abgrenzung zu dem was Marx und Engels als „utopischen Sozialismus“ bezeichneten, entwickelt. Es ist zwar durchaus richtig, dass das was in der Blattlinie als Utopie bezeichnet wird oft in diversen Bewegungen oder bei anpolitisierten Menschen eine wichtige Rolle bei der Entwicklung von Bewusstsein spielt. Doch das wesentliche ist, dass sich bewusste Kommunist*innen und Sozialist*innen nicht dieses utopische Bewusstsein zu eigen machen, sondern versuchen bewusst an die Bestrebungen der Menschen anzuknüpfen und sie mit den objektiven Notwendigkeiten der sozialistischen Revolution verbinden. Dabei muss ein wissenschaftliches Verständnis der Möglichkeiten und Notwendigkeiten in der aktuellen Situation existieren um Bewegungen zum Sieg zu führen. So haben es die Bolschewiki 1917 geschafft die Massen zwischen Februar und Oktober von der Notwendigkeit der sozialistischen Revolution zu überzeugen, nicht durch utopische Zukunftsideale. Das muss auch heute noch das zentrale Ziel sein – die aktuellen Bestrebungen der Menschen müssen mit der Aktualität einer sozialistischen Revolution verbunden werden und dazu braucht es eine revolutionäre Arbeiter*innenpartei.