Die Vierte Internationale im Zweiten Weltkrieg

Nachdem wir uns in der letzten mit der Gründung der 4. Internationale auseinandergesetzt hatten, werden wir uns in diesem Teil die Geschichte nach ihrer Gründung bis zur 2. Internationalen Konferenz 1946 ansehen.

Diese Zeit war entscheidend für die weitere Entwicklung der 4. Internationale. Neben Trotzki 1940 wurden viele weitere wichtige Kader der 4. Internationale ermordet – sowohl der Faschismus als auch der Stalinismus trugen ihren Teil dazu bei. Mit dem Ende des Krieges stand die junge Internationale dann vor wichtigen neuen Entwicklungen, der Stalinismus hatte sich in weiten Teile Europas ausgebreitet, die USA waren zur unumstrittenen imperialistischen Großmacht aufgestiegen, die große revolutionäre Welle wie nach dem 1. Weltkrieg war weitgehend ausgeblieben – all das erforderte neue Analysen für die sich die 4. Internationale in letzter Konsequenz als unfähig herausstellte.

In Erwartung des Krieges

Die Gründung der neuen Internationale fand am 3. September in Frankreich statt. Die genaue Anzahl der Delegierten ist bis heute umstritten, vermutlich waren es nicht mehr als 30, die 11 Sektionen direkt vertraten. Zusätzlich gab es Sektionen in etwa 20 weiteren Ländern, sowie Sympathisant*innen in etwa einem dutzend anderer Staaten. Trotzki selbst konnte am Gründungskongress nicht teilnehmen, geleitet wurde er von Max Shachtman, Delegierter aus den USA. Von den bekannten Delegierten blieb nach dem Krieg nur ein einziger übrig, der weiter für die Ideen des Trotzkismus kämpfen wollte (James P. Cannon), die übrigen verließen entweder im Krieg die Reihen der Internationale oder wurden im Laufe des 2. Weltkrieges ermordet. An dieser Bilanz ist schon ablesbar, was der Krieg für desaströse Auswirkungen auf die Internationale hatte.

Zentrales Thema auf dem Gründungskongress war der drohende imperialistische Weltkrieg, in dem die Sektionen der 4. Internationale für dessen Umwandlung in einen Bürgerkrieg gegen die Bourgeoisie eintreten sollten. Trotz ihrer geringen Größe, die meisten Sektionen waren kleine Propagandagruppen und insgesamt hatte die Internationale vermutlich nur einige tausend Mitglieder, erwartete die 4. Internationale, dass sie im Krieg große Chancen auf Wachstum hätte und sich im Verlauf des Krieges als einzige konsequent revolutionäre Kraft heraus stellen würde. Doch mit dem Beginn des Krieges und der Ausbreitung des Faschismus am europäischen Kontinent nahm auch die Repression gegen die Arbeiter*innenbewegung und damit auch die Sektionen der 4. Internationale ein bis dahin nicht gesehenes Ausmaß an und die Realisierung dieser Aufgabe stellte sich als nahezu unmöglich heraus.

Verwirrung und Zersplitterung im Krieg

Schon vor Beginn des Krieges gab es wesentliche Zerrüttungen in der wichtigsten und größten Sektion der 4. Internationale, der Socialist Workers Party (SWP) in den USA. Wichtige Führer*innen der Sektion, darunter auch Max Shachtman organisierten eine kleinbürgerliche Opposition. Sie lehnten die philosophische Grundlage des Marxismus, den dialektischen Materialismus, ab; weigerten sich die Sowjetunion weiterhin als degenerierten Arbeiter*innenstaat zu bezeichnen – damit einher ging auch eine Weigerung sie im Kriegsfall mit kapitalistischen Ländern zu unterstützen – und schließlich lehnten sie den demokratischen Zentralismus ab. 1940 führte das zum Bruch mit der 4. Internationale, mehr als ein Drittel der Sektion, inklusive der Jugendorganisation, gründete die Workers Party (WP). Mit der Spaltung gingen auch einige führende Mitglieder, in die Trotzki bis dahin große Hoffnungen gesetzt hatte. Der ohnehin kleine Kaderstamm der 4. Internationale wurde weiter geschwächt.

Ein weiterer Schlag für die junge Internationale war natürlich die Ermordung Trotzkis durch einen stalinistischen Agenten 1940. Mit ihm verlor die 4. Internationale ihren wichtigsten Führungskader, der bis dahin die wichtigsten Dokumente und Theorien für die Internationale beigesteuert hatte.

Die europäischen Sektionen waren mit dem Beginn des 2. Weltkrieges weitgehend dazu gezwungen in den Untergrund zu gehen. Die US-amerikanische Sektion, die zu dem Zeitpunkt immer noch die größte und wichtigste der Sektionen war, hätte somit versuchen müssen als internationales Zentrum zu fungieren um die Zersplitterung der Internationale zu verhindern, doch die Führung der SWP, die aus Legalitätsgründen nicht Mitglied der 4. Internationale sein durfte, erwies sich als unfähig das zu tun. Dazu kam noch, dass die SWP eine Militärpolitik entwickelte, in der „der Hauptfeind nicht mehr im eigenen Land“ stand.

In Europa führte die Illegalität zu heftigen politischen Verwirrungen. In Frankreich passten sich Teile der Sektion an den Widerstand der französischen Bourgeoisie unter De Gaulle an. In Deutschland führte der Eindruck der Nazi-Diktatur gar dazu, dass die Internationalen Kommunisten Deutschlands (IKD), die Sektion der 4. Internationale, die Perspektive der sozialistischen Revolution überhaupt aufgaben. Europa sei wieder auf dem Niveau des 19. Jahrhunderts angekommen und eine demokratische Revolution sei das einzig Mögliche in dieser Situation. Zu diesen nationalen Degenerationen führte einerseits die nationale Isolation der Sektionen im Krieg, die nur spärlich den Kontakt aufrecht erhalten konnten, andererseits auch die Schwäche an revolutionären Kadern.

Der belgischen und französischen Sektion gelang es in der Illegalität wieder regelmäßigen Kontakt untereinander herzustellen. Sie gründeten Anfang 1942 das Europäisches Sekretariat mit Sitz in Paris. 1942 und 1943 schaffte es das Europäische Sekretariat einige Stellungnahmen zu veröffentlichen, darunter das Manifest „Stalin löst die Komintern auf – die 4. Internationale wird das Proletariat zum Sieg führen“ anlässlich der Auflösung der Komintern 1943. Außerdem wurde revolutionäre Propaganda mit dem Magazin „Arbeiter und Soldat“ unter den deutschen Besatzungssoldaten organisiert. 1943 wurde das Europäische Sekretariat (von nun an Provisorisches Europäisches Sekretariat, PES) vergrößert, Mitglieder der griechischen, beider französischer (POI und CCI), der belgischen und der spanischen Sektion waren von nun an im PES vertreten.

Im Februar 1944 wurde in einem abgelegenen Bauernhaus eine europäische Konferenz abgehalten. Während der knappen Woche der Konferenz verließen die Delegierten das Haus nicht und unterbrachen die Konferenz im wesentlichen nur um zu schlafen. In fünf programmatischen Dokumenten wurden wesentliche Fehler der Kriegsperiode (wie die Anpassung an die nationalen Bourgeoisien) weitgehend korrigiert. Als zentrale Schlussfolgerung wurde die Umwandlung des imperialistischen Krieges in einen revolutionären Bürgerkrieg angesehen. Sie sprachen aber nicht nur von seiner Notwendigkeit, sondern sahen diesen auch kurz bevor stehend.

Der Wiederaufbau

Im Verlauf des Krieges waren viele Trotzkist*innen vom Faschismus in Europa ermordet worden, aber auch die stalinistischen Partisan*innen in Griechenland, Frankreich und Jugoslawien trugen ihren Teil dazu bei, dass viele trotzkistische Kader das Ende des Krieges nicht miterleben konnten. Die vietnamesische Sektion, die durchaus einen relevanten Einfluss im Proletariat erlangen konnte, wurde weitgehend von den Stalinist*innen unter Ho Chi Minh zerstört.

1945 gelang es der SWP wieder regelmäßigen Kontakt mit den europäischen Sektionen aufzunehmen und im April 1946 wurde in Paris die zweite Internationale Konferenz abgehalten. Wesentlichen Anteil an der Wiederherstellung des Kontakts hatte Sherry Mangan, der als Armee-Reporter den Kontakt mit der POI wiederaufnehmen konnte. Ein internationales Sekretariat unter Michel Raptis/Pablo wurde gewählt und wichtige Dokumente wurden angenommen, die gewisse falsche Prognosen von Trotzki im Wesentlichen wiederholten. Trotzki war vor dem Krieg nämlich von einigen wichtigen Entwicklungen ausgegangen, die sich als falsch erweisen sollten. Zuerst einmal ging er davon aus, dass sich der Kapitalismus in seinem Todeskampf befände und er, wenn überhaupt, nur auf totalitärer Grundlage überleben könne. Daraus ergab sich auch, dass die sozialdemokratischen und stalinistischen Massenparteien ihre Führung über das Proletariat verlieren würden, da die ökonomischen Grundlagen für den Reformismus verschwinden würden. Damit würde auch die Grundlage für das Erstarken der 4. Internationale zur Massenkraft gelegt werden. Zusätzlich zu diesen Prognosen gab es noch konkretere Vorstellungen zu den Auswirkungen des Krieges: Die 4. Internationale ging davon aus, dass nach dem 2. Weltkrieg eine ähnliche, wenn nicht sogar größere, revolutionäre Welle folgen würde wie nach dem 1. Weltkrieg. Zusätzlich ging sie davon aus, dass die herrschende Bürokratie in der Sowjetunion den Krieg nicht überleben könnte – entweder würde sie vom Imperialismus oder einer erfolgreichen proletarischen Revolution gestürzt werden.

Zwar gab es in Europa in Italien, Frankreich und Griechenland durchaus revolutionäre Situationen, diese wurden aber erfolgreich durch die stalinistischen Partisan*innen und die imperialistischen Armeen unterdrückt. Die übrigen Prognosen erwiesen sich noch deutlicher als Fehler. Die internationale Konferenz 1946 ging in ihrem zentralen Dokument „Der neue imperialistische Frieden und der Aufbau der Parteien der IV. Internationale“ davon aus, dass „[d]er Krieg […] die Desorganisation der kapitalistischen Ökonomie verschlimmert und die letzten Möglichkeiten eines relativ stabilen Gleichgewichts der gesellschaftlichen und internationalen Verhältnisse zerstört [hat].“ Von Seiten der britischen Sektion, der Revolutionary Communist Party (RCP), gab es substantielle Kritik an dieser Prognose der weltwirtschaftlichen Entwicklung, auch in den USA gab es Teile der SWP unter Felix Morrow, die starke Kritik an diesem Dogmatismus der 4. Internationale entwickelten. Die RCP bemängelte zusätzlich, dass die Analyse des Stalinismus sich als falsch erwiesen hatte und er gestärkt aus dem Krieg hervor gegangen war. Die Analyse des Stalinismus bereitete der 4. Internationale besondere Schwierigkeiten und sollte 1948 zu zentralen Anpassungen führen, die die endgültige Degeneration der 4. Internationale besiegeln sollten. Dieser Frage werden wir uns in der nächsten Ausgabe in einem Artikel über die Degeneration und Spaltung der 4. Internationalen intensiver widmen.

Obwohl die Internationale Konferenz 1946 durchaus schon einen Hang zum Dogmatismus und Überoptimismus zeigte blieben doch wesentliche taktische und strategische Fehler aus. Zur gleichen Zeit gab es außerdem auch wichtige oppositionelle Strömungen (in der RCP und SWP), die in sich die Möglichkeit einer Korrektur der falschen Einschätzungen trugen, diese wurden aber entweder durch die Führung der SWP (in Bezug auf die Morrow-Gruppierung) oder durch das Internationale Sekretariat (in Bezug auf die RCP) selbst zunichte gemacht. Die endgültige Degeneration sollte erst in den Jahren 1948-51 folgen, wir widmen uns diesen Entwicklungen in der nächsten Ausgabe des Arbeiter*innenstandpunkts.