Engels: „Zur Wohnungsfrage“

Auf den ersten Blick mag es vielleicht nicht so scheinen, aber das Thema „Wohnen“ ist von hoher politischer Bedeutung. Jeder Mensch wünscht sich ein lebenswertes Heim, aber für die Arbeitenden und Arbeitslosen erweist sich das Streben danach als tagtägliche Sisyphusarbeit*. Dementsprechend war die Verbesserung der Wohnsituation für Arbeiter*innen ein wichtiges Ziel der sozialistischen Bewegung. Weitgehend unbeachtet ist dagegen Friedrich Engels‘ Schrift „Zur Wohnungsfrage“ (1872), in der er marxistische Betrachtungen über „die Wohnungsnot“ im Kapitalismus anstellt. Seine grundlegenden Aussagen sind auch heute für linke Politik unverzichtbar, weshalb wir sie unter Einbeziehung einer Reihe von Zitaten wiedergeben.

Buchdeckel von Engels "Zur Wohnungsfrage"

Die Wohnungsfrage im Kapitalismus

Wir beginnen die Problemstellung der Wohnungsfrage mit der Feststellung des tendenziellen tendenziellen Verhältnisses der Arbeiter*innen zu ihren Wohnungen im Kapitalismus. Die Arbeiter*innenklasse ist jener Teil der Gesellschaft, der die eigene Arbeitskraft an die Kapitalist*innen verkaufen muss weil sie selbst keine Produktionsmittel besitzt. Diese Besitzlosigkeit geht meist mit der Besitzlosigkeit eines eigenen Hauses oder einer eigenen Wohnung einher und das nicht ohne Grund. Engels beschreibt im Vorwort zur zweiten Auflage den Grund für diese Entwicklung.

Die ländliche, mit Garten- und Feldbau verbundne Hausindustrie der frühern Zeit war, wenigstens in den industriell fortschreitenden Ländern, die Grundlage einer materiell erträglichen und stellenweise behaglichen Lage der arbeitenden Klasse ( … ) Mit der Einführung der Maschinerie änderte sich das alles. Der Preis wurde nun bestimmt durch das Maschinenprodukt, und der Lohn des hausindustriellen Arbeiters fiel mit diesem Preise. Aber der Arbeiter mußte ihn nehmen oder andre Arbeit suchen, und das konnte er nicht, ohne Proletarier zu werden, d.h. ohne sein Häuschen, Gärtchen und Feldchen – eigen oder gepachtet – aufzugeben.“

Für die städtische Arbeiter*innenklasse ist das Wohnen als Unterbringung, nicht als Besitz eines kleinbäuerlichen Produktionsmittel, deshalb vorherrschend. Ob diese Unterbringung jetzt als Miete oder als Wohnungseigentum (auf Hypothek) besteht, ist nebensächlich. Diese Entwicklung findet Engels keineswegs bedauerlich. Im Gegenteil, im Fehlen eines Haus- oder Wohneigentums sieht er sogar einen Vorteil gegenüber dem Kapital.

Für unsre großstädtischen Arbeiter ist Freiheit der Bewegung erste Lebensbedingung, und Grundbesitz kann ihnen nur eine Fessel sein. Verschafft ihnen eigne Häuser, kettet sie wieder an die Scholle [Ackerland; Anm. d. A.], und ihr brecht ihre Widerstandskraft gegen die Lohnherabdrückung der Fabrikanten.“

Trotzdem leiden die Arbeiter*innen allgemein betrachtet unter den Verhältnissen unter denen sie wohnen müssen. Der Grund dafür liegt aber nicht an dem Mietverhältnis an sich sondern an der Ausbeutung im kapitalistischen Produktionsprozess, bei der die Kapitalist*innen mehr aus der Arbeit der Arbeiter*innen herausholen, als sie in Form des Lohns als Preis ihrer Ware Arbeitskraft bezahlen. Mit dem Lohn müssen die Lebenserhaltungskosten bestritten werden zu denen die Miete dazu zählt. Wie sieht dieses Warengeschäft aber in Form des Mietgeschäfts aus?

Bei Waren von langer Verschleißdauer tritt also die Möglichkeit ein, den Gebrauchswert stückweise, jedesmal auf bestimmte Zeit, zu verkaufen, d.h. ihn zu vermieten. Der stückweise Verkauf realisiert also den Tauschwert nur nach und nach; für diesen Verzicht auf sofortige Rückzahlung des vorgeschossenen Kapitals und des darauf erworbenen Profits wird der Verkäufer entschädigt durch einen Preisaufschlag, eine Verzinsung, deren Höhe durch die Gesetze der politischen Ökonomie, durchaus nicht willkürlich, bestimmt wird.“

Die Bau- und Unterhaltskosten des Hauses oder des betreffenden Hausteils kommen zuerst in Anrechnung; der durch die mehr oder weniger günstige Lage des Hauses bedingte Bodenwert kommt in zweiter Linie; der augenblickliche Stand des Verhältnisses zwischen Nachfrage und Angebot entscheidet schließlich.“

Zusätzlich ergänzt Engels noch Grundrente, Zins auf das Baukapital, Profit und Reparaturkosten. Abseits der normalen kapitalistischen Ausbeutung gibt es aber noch die kapitalistischen Bewegungsgesetze, die die Wohnverhältnisse der arbeitenden Klasse erschweren:

[Eine Gesellschaft kann nicht ohne Wohnungsnot bestehen,] in der die große arbeitende Masse auf Arbeitslohn, also auf die zu ihrer Existenz und Fortpflanzung notwendige Summe von Lebensmitteln, ausschließlich angewiesen ist; in der fortwährend neue Verbesserungen der Maschinerie usw. Massen von Arbeitern außer Arbeit setzen; in der heftige, regelmäßig wiederkehrende industrielle Schwankungen einerseits das Vorhandensein einer zahlreichen Reservearmee von unbeschäftigten Arbeitern bedingen, andrerseits zeitweilig die große Masse der Arbeiter arbeitslos auf die Straße treiben; in der Arbeiter massenhaft in den großen Städten zusammengedrängt werden, und zwar rascher, als unter den bestehenden Verhältnissen Wohnungen für sie entstehn ( … ); in der endlich der Hausbesitzer, in seiner Eigenschaft als Kapitalist, nicht nur das Recht, sondern, vermöge der Konkurrenz, auch gewissermaßen die Pflicht hat, aus seinem Hauseigentum rücksichtslos die höchsten Mietpreise herauszuschlagen. In einer solchen Gesellschaft ist die Wohnungsnot kein Zufall, sie ist eine notwendige Institution ( … )“

Ein weiteres spezifisches Problem in den Großstädten wird heute oft als Gentrifizierung bezeichnet, das bedeutet die Aufwertung bestimmter großstädtischer Viertel, Verdrängung der ansässigen Bevölkerung und Ersetzung durch zahlungskräftigere Schichten. Engels liefert schon 1872 eine recht frühe, aber genaue Kritik daran.

Die Ausdehnung der modernen großen Städte gibt in gewissen, besonders in den zentral gelegenen Strichen derselben dem Grund und Boden einen künstlichen, oft kolossal steigenden Wert; die darauf errichteten Gebäude, statt diesen Wert zu erhöhn, drücken ihn vielmehr herab, weil sie den veränderten Verhältnissen nicht mehr entsprechen; ( … ) Das Resultat ist, daß die Arbeiter vom Mittelpunkt der Städte an den Umkreis gedrängt, daß Arbeiter- und überhaupt kleinere Wohnungen selten und teuer werden und oft gar nicht zu haben sind, denn unter diesen Verhältnissen wird die Bauindustrie, der teurere Wohnungen ein weit besseres Spekulationsfeld bieten, immer nur ausnahmsweise Arbeiterwohnungen bauen.“

Wie kann die Wohnungsfrage gelöst werden?

Engels stellt fest, dass die großbürgerliche als auch die kleinbürgerliche Lösung der Wohnungsfrage im Eigentum der Wohnung liegt. Für die Arbeiter*innen ist die Scheinlösung des Hauseigentums meistens nicht möglich, wo es aber doch so ist, führt sie in eine Sackgasse.

Nehmen wir an, in einer gegebenen Industriegegend sei es die Regel geworden, daß jeder Arbeiter sein eignes Häuschen besitzt. ( .. ) Jede Verringerung der Erzeugungskosten der Arbeitskraft ( … ) kommt aber ( … ) einer Herabdrückung des Werts der Arbeitskraft gleich und hat daher schließlich einen entsprechenden Fall im Arbeitslohn zur Folge. ( … ) d.h., der Arbeiter würde die Miete für sein eignes Haus zahlen, aber nicht, wie früher, in Geld an den Hausbesitzer, sondern in unbezahlter Arbeit an den Fabrikanten ( … )“

Engels hält eine dauerhafte Lösung der Wohnungsfrage im Kapitalismus nicht für möglich, er verknüpft die Lösung mit der Umwälzung der Eigentums- und Austauschverhältnisse, d.h. mit der Überwindung des Kapitalismus. Trotzdem sieht er Ansatzpunkte um die Wohnungsnot sofort zu lindern.

Soviel aber ist sicher, daß schon jetzt in den großen Städten hinreichend Wohngebäude vorhanden sind, um bei rationeller Benutzung derselben jeder wirklichen ‚Wohnungsnot‘ sofort abzuhelfen. Dies kann natürlich nur durch Expropriation der heutigen Besitzer, resp. durch Bequartierung ihrer Häuser mit obdachlosen oder in ihren bisherigen Wohnungen übermäßig zusammengedrängten Arbeitern geschehen ( … )“

Über die Verteilung der Wohnungen in einer zukünftigen Gesellschaft möchte Engels aber nicht spekulieren, das führe direkt in die Utopie. Beim Übergang zum Sozialismus muss die Arbeiter*innenklasse jedenfalls die politische Macht ergreifen und die Produktionsmittel in gesellschaftliches Eigentum überführen. Das schließe aber vorerst die Beibehaltung des Mietverhältnisses nicht aus.

( … ) bei der ersteren [der „faktischen Besitzergreifung sämtlicher Arbeitsinstrumente“, Anm. d. A.] bleibt das ‚arbeitende Volk‘ Gesamteigentümer der Häuser, Fabriken und Arbeitsinstrumente, und wird deren Nießbrauch [Nutzung einer fremden Sache, Anm. d. A.], wenigstens während einer Übergangszeit, schwerlich ohne Entschädigung der Kosten an einzelne oder Gesellschaften überlassen. Gerade wie die Abschaffung des Grundeigentums nicht die Abschaffung der Grundrente ist, sondern ihre Übertragung, wenn auch in modifizierter Weise, an die Gesellschaft. Die faktische Besitznahme sämtlicher Arbeitsinstrumente durch das arbeitende Volk schließt also die Beibehaltung des Mietsverhältnisses keineswegs aus.“

Engels wendet sich wie in der Frage des Eigenheims gegen die Aufteilung des Bodens auf alle Hände weil es zur Zerstückelung des Grundeigentums führe.

Das noch bestehnde große Grundeigentum wird uns vielmehr eine willkommne Handhabe bieten, den Ackerbau im großen, der allein alle moderne Hilfsmittel, Maschinen usw. anwenden kann, durch assoziierte Arbeiter betreiben zu lassen und dadurch den Kleinbauern die Vorteile des Großbetriebs vermittelst der Assoziation augenscheinlich zu machen.“

Mit der Lösung der Wohnungsfrage verknüpft Engels aber nicht nur die Abschaffung des Kapitalismus, er denkt weiter und verknüpft sie mit der Aufhebung des Gegensatzes zwischen Stadt und Land. Erst die Verbindung der industriellen mit der ackerbauenden Produktion und eine gleichmäßige Verteilung der Bevölkerung über das ganze Land könne das Wohnproblem endgültig lösen.

* Sisyphusarbeit beschreibt Arbeit, die nie zum Erfolg führt, also wo auf jeden Schritt nach vorne ein Rückschlag folgt.

Michael Märzen, Arbeiter*innenstandpunkt 244