Vierte Internationale: Geschichte ihrer Gründung

Vor 90 Jahren, 1927, wurde die Linke Opposition aus der Kommunistischen Partei der Sowjetunion ausgeschlossen, kurze Zeit später wurde ihr führender Kopf, Leo Trotzki, in die Verbannung nach Alma Ata im heutigen Kasachstan deportiert. Als Folge organisierte sich die Linke Opposition auch auf internationaler Ebene und kämpfte erst um die Reformierung der Kommunistischen Internationale (Komintern) und nach der Einsicht in deren endgültige Degeneration um den Aufbau einer neuen Internationale. Die neue Vierte Internationale wurde dann kurz vor Beginn des 2. Weltkrieges im September 1938 in Frankreich gegründet. Wir wollen uns im Folgenden mit den Lehren aus den Jahren der Formierung und Gründung befassen.

Logo der Vierten Internationale

Bekanntes Logo der Vierten Internationale

Internationale Linksopposition

 

Nach dem Ausschluss der Linken Opposition in der Sowjetunion 1927 und der Verbannung und Verhaftung wichtiger Führer*innen nahm die Entwicklung der kommunistischen Weltbewegung eine entscheidende Wendung. Nachdem 1929 die Türkei Trotzki Asyl gewährte, wurde 1930 die Internationale Linksopposition (ILO) gegründet. In ihr vereinigten sich oppositionelle Strömungen aus diversen Ländern, die teilweise noch in der Kommunistischen Internationalen, größtenteils aber schon ausgeschlossen Fraktionen waren. Sie verstand sich explizit als externe Fraktion der Komintern, die um die Wiederaufnahme kämpfte. Demnach richtete sich auch das Hauptaugenmerk ihrer Theorie und Propaganda auf die jeweiligen Sektionen der Komintern. Ein Hauptfokus für Trotzki war vor allem ihre größte Sektion außerhalb der Sowjetunion – die Kommunistische Partei Deutschlands. Mit mehreren hunderttausend Mitgliedern war sie eine Massenkraft in der deutschen Arbeiter*innenbewegung und beeinflusste mit ihrer Politik Millionen. Damals hatte Deutschland allgemein die größte und bestorganisierte Arbeiter*innenbewegung Europas, auch die SPD war eine riesige Massenpartei. Doch trotzdem konnte sie dem aufstrebenden Faschismus nichts entgegen setzen.
Dass die reformistische SPD, die schon 1914 mit der Zustimmung zu den Kriegskrediten vor der deutschen Bourgeoisie kapituliert hatte, keine adäquate antifaschistische Strategie entwickeln konnte, ist wenig verwunderlich. Doch auch die KPD erwies sich als unfähig. Die Komintern vertrat ab 1924 die sogenannte Sozialfaschismusthese, die besagte, dass Sozialdemokratie und Faschismus im Prinzip Zwillingsbrüder seien und demnach gleich stark bekämpft werden müssten. Somit konnte folgerichtig keine gemeinsame Kampffront mit der SPD gegen die Nationalsozialist*innen gebildet werden. Trotzki kritisierte diese Politik aus dem Exil heftig und legte dar, dass eine erfolgreiche antifaschistische Politik nur mit einer Einheitsfront aus allen Organisationen der Arbeiter*innenbewegung durchgeführt werden konnte. In der damaligen deutschen Situation mit zwei proletarischen Massenparteien war das eine realistische und durchführbare Strategie. In so einer Kampffront hätten die kommunistischen Arbeiter*innen auch das Vertrauen der sozialdemokratischen Massen gewinnen und vom Kommunismus überzeugen können.
Doch die Komintern und die Führung der KPD schlugen diese Taktik in den Wind und zeigten sich als unfähig, auch nach der Machtübernahme durch die Nazis diese fehlgeschlagene Taktik kritisch zu diskutieren. Vielmehr bestätigten alle wesentlichen Sektionen den fatalen Kurs der internationalen und deutschen Führung. Trotzki und die Linke Opposition waren bis dahin davon ausgegangen, dass die Komintern angesichts der deutschen Niederlage reformiert werden könnte. Das erwies sich als falsche Analyse und ab diesem Zeitpunkt stellte die ILO den Aufbau einer neuen, einer vierten Internationale in den Fokus ihrer Arbeit. Damit einher ging auch die Umbenennung in Internationale Kommunistische Liga (IKL) im Laufe des Jahres 1933. Spätestens ab 1935 bestätigte sich auch die Analyse der Trotzkist*innen – die Komintern ging mit ihrer Volksfrontpolitik ins Lager des Reformismus über.

 

Blocktaktik und Entrismus

 

Nachdem sich die Internationale Linke Opposition jahrelang auf die kommunistischen Parteien konzentrierte, begann man sich ab 1933 auch auf andere Kräfte zu orientieren. Aufgrund der Weltwirtschaftskrise und der darauf folgenden politischen Krise entstand eine Reihe von zentristischen Organisationen, also Organisationen, die sich zwischen Reformismus und revolutionärem Marxismus bewegten. Einige dieser Strömungen kamen aus der Sozialdemokratie, andere aus kommunistischen Parteien. Viele von ihnen gruppierten sich im sogenannten Londoner Büro, einem losen Zusammenschluss „unabhängiger revolutionär sozialistischer Parteien“. Gemein war diesen Kräften, dass sie sich sowohl außerhalb der sozialdemokratischen II. Internationale sowie auch außerhalb der stalinistischen III. Internationale befanden. Trotzki und die Linksopposition versuchten die nach links strebenden zentristischen Kräfte zu beeinflussen und für ein revolutionäres Programm, sowie den Aufbau einer neuen Internationale zu gewinnen.
In Diskussionen 1933 in Paris konnte Trotzki einige wichtige zentristische Gruppen für eine gemeinsame Erklärung gewinnen. Gemeinsam mit der deutschen Sozialistischen Arbeiterpartei (SAP, einer linken Abspaltung der SPD), der Unabhängigen Sozialistischen Partei (der OSP aus Holland) und der Revolutionär Sozialistischen Partei (der RSP ebenfalls aus Holland) unterzeichnete die ILO eine gemeinsame Erklärung in der sie den Aufbau einer neuen Internationale propagierte und den Bankrott der Zweiten und Dritten Internationale entlarvte. Teile der OSP und die RSP konnten in weiterer Folge für die trotzkistische Bewegung gewonnen werden, die SAP hingegen entwickelte sich recht bald wieder nach rechts.

Nachdem die deutsche Arbeiter*innenklasse eine historische Niederlage erlitten hatte, spitzte sich auch die Situation in Frankreich zu. Am 6. Februar 1934 kam es zu faschistischen Massendemonstrationen, die versuchten die französische Nationalversammlung zu stürmen. Als Reaktion darauf veranstalteten die sozialdemokratische Gewerkschaft CGT und die stalinistisch dominierte CGTU einen eintägigen Generalstreik. Zuerst organisierten Sozialdemokrat*innen und Stalinist*innen getrennte Demonstrationen, doch die Massen vereinigten sich und zwangen die beiden Parteien in eine Einheitsfront.
Die politische Lage in Frankreich verschärfte sich in der Folge weiter und viele radikalisierte Arbeiter*innen strömten in die sozialdemokratische SFIO. Trotzki empfahl in dieser Situation der französischen Sektion den Eintritt in die linksreformistische SFIO um dort revolutionäre Fraktionsarbeit zu leisten. Nach einigen Kontroversen folgten die meisten französischen Trotzkist*innen seinem Rat und waren auch recht erfolgreich. Herauszustreichen ist dabei, dass es in der trotzkistischen Konzeption des Entrismus klar darum geht, offen für sein revolutionäres Programm zu kämpfen. Zusätzlich strich Trotzki klar hervor, dass „der Entrismus in eine reformistische oder zentristische Partei […] an sich keine langfristige Perspektive [ist]. Es ist nur ein Stadium, das unter Umständen sogar auf eine Episode verkürzt sein kann.“ (Trotsky: Crisis of the French Section). Die Entrismustaktik wurde nicht nur in Frankreich, sondern auch erfolgreich u.a. in den USA angewandt, wo die US-Sektion (Socialist Workers Party, SWP) es nach erfolgreichem Entrismus in der Socialist Party schaffte ihre Isolation zu überwinden.

 

Analyse der Sowjetunion

 

Neben den großen taktischen Lehren, die wir aus der Gründungsgeschichte der Vierten Internationale mitnehmen können, ist natürlich auch noch Trotzkis Analyse des Stalinismus und der Sowjetunion hervor zu heben. Ab dem beginnenden Fraktionskampf 1923/24 widmete Trotzki einen großen Teil seiner Aufmerksamkeit auf die Ereignisse und die Entwicklung in der Sowjetunion. Nachdem sich ursprünglich Stalin mit dem rechten, pro-bürgerlichen Flügel um Bucharin gegen die Linke Opposition zusammengeschlossen hatte, wandte er sich auch 1928 gegen diese rechte Opposition. Stalin und seine Fraktion erlangten immer mehr Macht in der Partei. Sie wandten sich mit ihrer Politik des „Sozialismus in einem Land“ aktiv gegen die Notwendigkeit der internationalen Ausweitung der Revolution. Den Höhepunkt erreichten die stalinistischen Säuberungen mit den Moskauer Prozessen 1936-38 als die gesamte alte Garde des Bolschewismus ausgelöscht wurde. Trotz dieser reaktionären Politik der herrschenden Bürokratie dachte sie nicht daran den Kapitalismus in der UdSSR wieder zu restaurieren. Trotzki analysierte die Rolle der Bürokratie (die er als Kaste und nicht als Klasse ansah) korrekt und verteidigte die fortschrittlichen Errungenschaften der Russischen Revolution gegen den Imperialismus und stellte gleichzeitig die Perspektive einer politischen Revolution in der UdSSR in den Vordergrund. Der beste Ausdruck dieser Analyse ist sein Buch „Verratene Revolution“.

 

Die Gründung

 

Nachdem die IKL (ab 1936 umbenannt in Bewegung für die Vierte Internationale) versucht hatte eine Verankerung im Proletariat der wichtigsten Länder zu erlangen, spitzte sich die weltpolitische Lage Ende der 30er Jahre immer mehr zu. Die Trotzkist*innen analysierten korrekt, dass bald ein neuer Weltkrieg bevorstand und dass dieser eine ähnliche Entwicklung nehmen würde wie der Erste Weltkrieg, der in großen Teilen Europas mit revolutionären Aufständen endete. Deshalb galt es keine Zeit mit der Gründung der IV. Internationale zu verlieren, sodass die fortschrittlichsten Kräfte sich nicht erst im Laufe des Krieges formieren würden (so wie es für die oppositionellen Kräfte zum 1. Weltkrieg notwendig war).
Programmatisch stellte sie sich auf den Boden des sogenannten Übergangsprogramms, in dem Trotzki die alte sozialdemokratische Methode der Trennung des Programms in einen Minimalteil (Forderungen, die schon im Kapitalismus verwirklicht werden können) und einen Maximalteil (Forderungen, die im Sozialismus verwirklicht werden können) aufhob. Das zentrale Element wurden stattdessen Übergangsforderungen, die an dem aktuellen Bewusstseinsstand und an den unmittelbaren Kämpfen der Arbeiter*innen anknüpften, aber eine Brücke zur Revolution schlugen, indem sie zum Aufbau proletarischer Gegenmacht aufriefen und die grundlegende Wirkungsweise des Kapitalismus in Frage stellten.
Bei ihrer Gründung bestand die Vierte Internationale in den meisten Ländern nur aus kleinen Propagandagruppen, nur vereinzelt war der Sprung zur Kaderpartei gelungen. Viele dieser Kader sollten den 2. Weltkrieg wegen faschistischer und stalinistischer Verfolgung nicht überleben. Sowohl diese Tatsache, als auch das dogmatische Festhalten an Trotzkis Vorhersagen, waren bestimmend für die spätere Degeneration der IV. Internationale. Trotzki analysierte am Vorabend des Krieges, dass die stalinistische Bürokratie einen Weltkrieg nicht überstehen könnte – sie würde entweder durch eine politische Revolution der Arbeiter*innenklasse oder den Sieg des Imperialismus gestürzt werden. Gemeinsam mit der Analyse, dass der Imperialismus nicht dazu im Stande wäre nochmals ein stabiles Gleichgewicht zu Stande zu bekommen, waren das die entscheidenden Fehleinschätzungen der Vierten Internationale.

Alex Zora, Arbeiter*innenstandpunkt 243