„Stalin“: Der Totengräber der Revolution

Im Folgenden veröffentlichen wir eine Rezension von Isaac Deutschers Buch „Stalin – Eine politische Biografie“. Damit wollen wir einen Überblick über Stalins Rolle in der Geschichte geben, die man berechtigt als „Totengräber der Revolution“ beschreiben kann. Der vorliegende Text erschien ursprünglich in drei Teilen im „Arbeiter*innenstandpunkt“ Nr. 219, 220 und 221.

I. Deutscher: "Stalin"

I. Deutscher: „Stalin“

Wie immer die Bewertung der Rolle Stalins ausfallen mag, er gehört zweifellos zum Kreis derer, die man die ‚großen Männer‘ der Politik im 20. Jahrhundert zu nennen pflegt.“ So preist der Klappentext die politische Biografie über Josef Stalin an, die Isaac Deutscher 1949 erstmals veröffentlichte. Er versucht Stalin nicht nur als ‚großen Mann der Politik‘ zu fassen, sondern herauszuarbeiten wo sich die gesellschaftlichen Kräfte mit der persönlichen Geschichte des langjährigen Bolschewiken Stalin überschnitten, und wie sich ein abenteuerlustiger Revolutionär zu einem mächtigen Diktator entwickelte, der die Revolution in Russland in die Degeneration führte. Erst mit der zweiten Auflage von 1961 konnte Deutscher auch die neuen Veröffentlichungen verwerten, die Stalins Nachfolger*innen in der UdSSR nach seinem Tod über und gegen ihn veröffentlichten, und es ist überraschend wie sich die unüberprüfbaren Annahmen Deutschers über seine Hauptperson bewahrheiten.

Um Stalins persönliche Prägung zu beschreiben beginnt die Biografie schon vor seiner Geburt, mit einem Eindruck der Lebensumstände und der Lebensgeschichte seiner Eltern und der Region in Georgien, in der Stalin die ersten Jahre seines Lebens und politischen Wirkens verbringen soll. Das Schicksal von Stalins Vater Wissarion Dshugaschwili, der vom kleinen Handwerker zum Proletarier in einer Schuhfabrik wird, sich aber mit seiner Klasse nicht identifizieren kann findet sich auch in den frühen Artikeln seines Sohnes wieder, der am anonymisierten Beispiel seines Vaters das fehlende Klassenbewusstsein mancher Proletarier beschreibt. Der junge Josef Dshugaschwili wächst schließlich in Gori auf wo er 1879 geboren wurde und besucht eine religiöse Schule, von der er auf das Priesterseminar in Tiflis wechselt. Er wächst in einem Georgien auf, dass von großrussischem Chauvinismus, nationaler Unterdrückung und in den Industriezentren in denen er später arbeiten wird auch von religiöser Unterdrückung der muslimischen Minderheit geprägt ist. Auf der Schule nimmt Dshugaschwili, der den Decknamen Stalin zu diesem Zeitpunkt noch nicht angenommen hat, zum ersten Mal Kontakt zu oppositionellen Kreisen auf, tritt 1898 der sozialistischen Gruppe Messame Dassy bei und wird aus dem Priesterseminar ausgeschlossen.

Schon 1901 ist er in die Untergrundarbeit der georgischen Sozialist*innen eingebunden, nachdem die Geheimpolizei die legale Organisation zerschlug, er wird in den Parteiausschuss der Sozialdemokratischen Partei gewählt und organisiert die Arbeit in der Industriestadt Batum, aber auch die illegalen Geldbeschaffungsunternehmen, wenn er nicht gerade im Gefängnis sitzt. In den Parteistrukturen kämpft er für die Position der Bolschewiki, die in Georgien in der Minderheit sind und nimmt sogar am Kongress in Stockholm teil. Seine Bedeutung blieb jedoch gering: Deutscher schreibt „Er war nur einer der vielen lokalen Führer. Der Kaukasus war jedoch für die Revolution ein wichtiges Zentrum.

Nachdem Stalin 1912 in das Zentralkomitee der Partei gewählt worden war, dessen führende Figuren in der Folge in Gefangenschaft und Verbannung verschwinden, bewegt sich der junge Georgier 1917 ins Zentrum der Partei, die von den Kadern im Exil weniger angeführt als instruiert wird. Nach der Februarrevolution 1917 kann er schließlich aus einer Verbannung aus Sibirien nach Petrograd zurückkehren, wo er sich im Zentralkomitee weiter betätigt. Er bekommt sein erstes einflussreiches Amt zugewiesen und hält den Kontakt mit der Masse der Agitator*innen, Betriebsdelegierten und Mitglieder der Sowjets. Während Trotzki als Vorsitzender des Petrograder Sowjets die Verteidigung der Stadt und die bolschewistische Propaganda organisiert, arbeitet sein späterer Todfeind hinter den Kulissen. Während Trotzki Stalin später beschuldigt, sich am Aufstand selbst nicht beteiligt zu haben, um die Konsequenzen im Falle des Misslingens nicht tragen zu müssen, kommt Deutscher zu dem Schluss, dass sein Beitrag zur Oktoberrevolution nicht besonders tragend sein konnte – „nicht einmal die höchst voreingenommene Geschichte des Bürgerkriegs in der UdSSR […] enthält ein einziges Dokument oder eine einzige Tatsache zur Bestätigung über Stalins beherrschende Rolle im Militärischen Revolutionskomitee […].“ (S 187)

Stalin 1918

Stalin 1918

Auf die Revolution folgte, wie Isaac Deutscher richtig beschreibt, gezwungenermaßen der Bürger*innenkrieg, in dem die erkämpfte neue Ordnung gegen die alten Herrscher*innen und imperialistische Interessen verteidigt werden musste. Während 20 Armeen und 14 ausländische Mächte in Russland gegen die Sowjetmacht kämpften, engagierte sich auch Stalin in der Regierung und als Militärstratege. Während Trotzki, zu dessen politischen Vorstellungen Stalin eine immer tiefer gehende Feindschaft aufbaute, die Rote Armee aufbaute und anführte, arbeitete sein Widersacher an der Umorganisierung der Armee in Zarizyn. Aus dieser eigentlich zivilen Aufgabe forderte er weitere Befehlsgewalt, um direkt in die militärische Führung an der Südfront eingreifen zu können. Während seiner Anwesenheit konnte die Belagerung von Zarizyn zwei Mal zurückgeworfen werden – woraus sich auch Stalins Anspruch auf den Sieg im Bürgerkrieg ableitet. Tatsächlich aber muss man den Erfolg wohl dem Oberkommando der Südfront zuschreiben, dessen Armeen den Belagerungsring aufbrachen. Die Folgen des Bürger*innenkrieges waren auf jeden Fall verheerend für die bolschewistische Partei und für die Arbeiter*innendemokratie: Die meisten überzeugten Kommunist*innen und Arbeiter*innen waren als Erste in die Armee eingerückt und viele waren gefallen, die Reihen der Parteikader waren ausgedünnt und Karrierist*innen strömten in die Partei, deren Herrschaft nun gesichert war. Gleichzeitig war Russland wirtschaftlich ausgelaugt, die Menschen waren kriegsmüde – und das waren fürchterliche Voraussetzungen für den Aufbau eines rätedemokratischen Sozialismus, der noch weitere Anstrengungen fordern musste.

Tatsächlich begann Stalin gerade in dieser Zeit des Bürgerkriegs die Machtfäden in seiner Hand zu sammeln, die später seine Herrschaft über die Partei sichern sollten. Deutscher schreibt dazu: „Zwei Jahre nach Ende des Bürger[*innen]kriegs stand die russische Gesellschaft weitgehend unter Stalins Herrschaft, ohne daß sie auch nur den Namen ihres Herrschers kannte.“ (S 249) Wie schon während der Revolution und in der Verteidigung Zarizyns übernahm Stalin organisatorische Aufgaben, die ihm weitgehende Kontrollrechte gaben. So übernahm er die Zentralkontrollkomission, die 1921 eingerichtet war und in der er beliebig Kommissar*innen, Parteifunktionär*innen und einfache Mitglieder suspendieren und ausschließen konnte. Als „Verbindungsmann“ zwischen Politischem und Organisatorischem Büro der Partei, und ab 1922 als Generalsekretär des Zentralkomitees hielt er auch in der Führung der Partei die Macht über Informationen und Beziehungen. Und als Kommissar für Nationalitätenfragen war es wiederum Stalin, der für die Einwohner*innen der bäuerlich geprägten sowjetischen Randgebiete die Partei repräsentierte.

So hatte Stalin sich in Revolution und Bürger*innenkrieg die Grundlage für seine Machtergreifung gelegt.

Machtergreifung

Bis 1922 hatte Stalin viele Rollen gespielt: Er war als Kader der kaukasischen Bolschewiki aufgefallen, ins Zentralkomitee der Partei gewählt worden und hatte 1917 an der Oktoberrevolution mitgewirkt, auch wenn er sich nicht durch eine führende Position ausgezeichnet hatte. Nach dem Sieg der Oktoberrevolution, während der Bürger*innenkrieg tobte und die junge Sowjetunion aufgebaut wurde, sammelte der spätere Diktator die wichtigen Fäden der Macht, die ihn später an die Spitze der Partei bringen sollten. Als Volkskommissar für Nationalitätenfragen war er das Gesicht der bolschewistischen Partei gegenüber den unterdrückten Nationen Russlands. Als Volkskommissar für die Arbeiter*innen- und Bauern*Bäuerinneninspektion war es eigentlich Stalins Aufgabe, den Filz des zaristischen Verwaltungsapparats transparent, effizient und demokratisch zu organisieren. Tatsächlich hatte er über diese Position „die Aufsicht über die gesamte Staatsverwaltung, ihre Tätigkeiten und ihr Personal in seine Hand bekommen.“ 1922 wurde er zudem noch zum Generalsekretär des Zentralkomitees ernannt, der die verschiedenen Parteiämter koordinieren sollte – Stalin unterstand damit die Koordination der Verwaltung, der Parteiarbeit und das „Außenbild“ des neuen Staates außerhalb der Kerngebiete um Moskau und Petrograd. Ein erster Vorgeschmack seiner Art, Politik zu machen wurde 1921 offensichtlich, als er im Kaukasus gegen den Lokalpatriotismus vorging. Statt einer breiten, politischen Debatte beschloss Stalin, es genüge „wenn man einige ‚Lokalpatriot*innen‘ aus der Partei entferne und die Versammlungen mit Leuten vollpacke, die bereit seien sich Ordshonikidses Führung zu fügen.“

Diese Anhäufung von Macht und die Kombination mit der politischen Schwäche und Geltungssucht Stalins fiel auch Lenin auf. Der unangezweifelte Anführer der Bolschewiki erholte sich 1922 von einem Schlaganfall während Trotzki im Politbüro gegen Stalins Arbeit in der Arbeiter*innen- und Bauern*Bäuerinneninspektion argumentierte. Das Vorgehen von Stalins Vertrauensmann, Ordshonikidse in Georgien, erkannte Lenin als gefährlich und undemokratisch, er forderte seinen Ausschluss aus der Partei. Im Dezember schließlich schrieb er in seinem politischen Testament am 25. Dezember 1922 über Stalin: „Seitdem Genosse Stalin Generalsekretär geworden ist, vereinigt er in seiner Hand eine ungeheure Macht, und ich bin nicht davon überzeugt, dass er diese Macht immer mit der gebotenen Vorsicht nutzen wird.“ Wenige Tage später schrieb er „Wir müssen Stalin und Djershinski für die echt großrussische und nationalistische Aktion politisch verantwortlich machen.“ Am 4. Januar schließlich brachte Lenin einen endgültigen Vorschlag zu Papier: „Deshalb schlage ich den Genossen vor, einen Weg zu suchen, auf dem Stalin von diesem seinem Posten entfernt werden kann und einen Nachfolger für ihn zu ernennen.

Lenin hatte die Gefahr erkannt, die von Stalin ausging: Der Generalsekretär sammelte systematisch Einfluss indem er seine Ämter mit mehr Befugnissen ausstatten ließ, seine Getreuen um sich sammelte und mit ihnen wieder brach, wenn sie ihm nicht mehr nützlich waren. Für den Zwölften Parteikongress im April besprach er sich mit Trotzki, insbesondere über die georgische Frage an der Stalins unmarxistischer Nationalchauvinismus offensichtlich geworden war. Aber für die beiden Anführer der Oktoberrevolution war es zu spät: Am 9. März erlitt Lenin einen Schlaganfall an dessen Folgen er sterben sollte. Er war nicht mehr in der Lage, den Kampf gegen Stalin zu Ende zu führen.

In den Kämpfen um seine mögliche Nachfolge wandte der Block den Stalin mit Sinowjew und Kamenjew geschlossen hatte, einige kluge Taktiken an um die Opposition Trotzkis auszuschalten. Sie bewirkten, dass Lenins politisches Testament nicht veröffentlicht wurde. Seine Kritik, dass Parteiämter von oben dekretiert würden, dass der Parteiapparat verbürokratisiere wurde nicht beantwortet. Stattdessen beschuldigte das „Triumvirat“ Trotzki, seine eigenen persönlichen Ziele zu verfolgen. Trotzki stellte schließlich eine Erklärung der Opposition von 46 prominenten Kommunist*innen auf die Beine die das Politbüro zu einer demokratischen Parteireform im November 1923 zwang. Trotzki wandte sich gezielt an die Jugend, den „Neuen Kurs“ des Stalin-Blocks abzulehnen und warnte, dass nur zu oft „alte Kämpfer“ der Revolution zu Bürokraten geworden wären. Doch nach Lenins Tod 1924 verurteilte der Kongress die Opposition und Trotzki wurde vom Triumvirat an den Rand der Partei gedrängt. Stalin entwickelte indes die nationalistische Position, die zu Kugel und Kette der degenerierten „Kommunistischen Parteien“ werden sollte: Die Politik des „Sozialismus in einem Land“. Er ging davon aus, dass eine Revolution in Europa und auf der Welt in näherer Zukunft nicht geschehen würde, entzog ihr daher die Unterstützung und versammelte die Sektionen der Komintern um den Aufbau Sowjetrusslands, dass in Koexistenz mit den imperialistischen Mächten zu einem sozialistischen Staat werden sollte. Über diese oberflächliche Logik raubte Stalin schrittweise dem Bolschewismus seinen revolutionären Inhalt und führte die Partei zu einer Art bürokratischem Menschewismus.

Stalins Weg zur Nachfolgerschaft Lenins ging rasch voran und vor allem auf Kosten seiner Genossen im Politbüro. 1925 drängte das Triumvirat Trotzki aus dem Posten des Kriegskommissars und Stalin ging ein Bündnis mit dem rechten Flügel der Partei um Rykov, Bucharin und Tomski ein. Auch als Sinowjew und Kamenjew versuchten, das Testament Lenin doch noch zu veröffentlichen scheiterten sie in ihrer Opposition gegen Stalin, und auch ihr Versuch 1926 eine gemeinsame Opposition mit Trotzki aufzubauen konnte die fortgeschrittene Degeneration der Sowjetunion nicht mehr aufhalten. Noch im selben Jahr wurde Trotzki aus dem Politbüro und Sinowjew aus der Leitung der Kommunistischen Internationale entfernt. Trotzki wurde deportiert und schließlich aus der Sowjetunion ausgewiesen, das rechte Bündnis auf dem Stalin seine Macht aufbaute war im Politbüro ungestört. Wie schon in Georgien hatte Stalin „die Versammlungen mit Leuten besetzt, die bereit waren seiner Führung zu folgen“.

Deutscher fängt im zweiten Teil seines Ersten Buches die Gründe für die politische Degeneration der Sowjetunion, soweit sie von Stalin abhingen (und das war in großem Maße so) gekonnt ein. Er beschreibt die Diskussionen genau, in denen Lenin und Stalin, Trotzki und Stalin, die lokalen Parteiorganisationen und Stalin aufeinander krachten und er entwirrt die Fäden der Macht, die im Block des „Triumvirats“ verknotet waren. Die Politik Stalins stütze sich stark auf eine nicht-proletarische soziale Basis, nämlich auf die Parteibürokratie, diejenigen, die zufrieden waren mit ihrer Position in der Übergangsgesellschaft. Sie alleine waren aber nicht stark genug, um die Gesellschaft in der Hand zu halten, weshalb Stalin stetig Bündnisse suchte, mit den Vertreter*innen der Arbeiter*innen, denen der (insbesondere reichen) Bäuerinnen*Bauern oder den Gewerkschaftsfunktionär*innen. 1927 hatte er mit einem solchen Bündnis die linke Opposition außer Gefecht gesetzt und seinen Führungsanspruch zementiert.

Katastrophe auf Katastrophe

Nach dem Ausschluss Trotzkis aus der bolschewistischen Partei, mit der der zweite Teil des Artikels geendet hatte, saß Stalin scheinbar fest im Sattel der Macht. Aber das Pferd, das er sich aufgezäumt hatte, lief nicht geradeaus wie er es wollte, sondern brach immer wieder nach links oder rechts aus – weil sich der Diktator auf keine eigene Plattform gestellt hatte, sondern sich als Spitze der Machtblöcke im Politbüro präsentierte, um den jeweils anderen Flügel auszuschalten. So hatte er im Bündnis mit Sinowjew und Kamenew Trotzki in Misskredit gebracht, und so hatte er mit Bucharin, Rykow und Tomski die Vereinigte Opposition aus der Partei entfernt. Nach der Deportation Trotzkis 1928 wartete aber ein neues Kapitel in der Geschichte Russlands darauf, mit Stalins Feder geschrieben zu werden: Die Industrialisierung. Deutscher erkennt ganz richtig, dass diese „zweite Revolution“ „in ihren Zielsetzungen und Auswirkungen auf das Leben von 160 Millionen Menschen viel radikaler und umwälzender, als es die erste Revolution gewesen war.

In der katastrophalen wirtschaftlichen Situation nach dem Bürger*innenkrieg hatten die Bolschewiki ein neues Programm angenommen, Lenins Neue Ökonomische Politik (NEP) von 1921. Diese stoppte die Lebensmittelbeschlagnahmungen die zuvor zur Versorgung der Städte notwendig waren und erlaubte den Bäuerinnen*Bauern, einen Teil ihrer Einkünfte auf dem freien Markt zu verkaufen während gleichzeitig Naturalsteuern eingehoben wurden. Im agrarischen Bereich bildete sich rasch wieder eine Klasse aus großen Bäuerinnen*Bauern, die „Kulak*innen“ heraus. Je mehr Kapital und Macht sie akkumulierten, desto selbstbewusster forderten die Kulak*innen höhere Preise – die Versorgung der Arbeiter*innen mit Lebensmitteln und damit die Industrialisierung der Sowjetunion waren in Gefahr.

Die linken Bolschewiki und auch Trotzki forderten daher eine schnelle Industrialisierung und sie wollten Anreize schaffen, um die kleinen und mittleren „Muschiks“ Schritt für Schritt (freiwillig) in Kollektivfarmen zusammenzufassen. Der rechte Flügel und insbesondere Bucharin sahen das genau anders: Sie wollten die Industrialisierung langsam angehen und über private Investitionen der wieder auferstehenden Bürgerlichen finanzieren. Bucharin forderte deshalb die Kulak*innen auf: „Bereichert euch!“. Stalin unterstützte zunächst den bäuerinnen*bauernfreundlichen Kurs des rechten Flügels, bis er die Vereinigte Opposition zerschlagen hatte. Bis 1928 wurde die Industrialisierung auf Eis gelegt.

1928 jedoch machte die Sowjetbürokratie einen Schwenk um 180 Grad: Die Armee begann auf Befehl des Politbüros mit gewaltsamen Enteignungsaktionen auf dem Land und lieferte zurückgehaltene Lebensmittel an die Städte. Gleichzeitig kam es zu einer weiten Säuberungsaktion innerhalb der Partei. Rykow, Tomski und Bucharin verloren ihre Posten in Partei, Gewerkschaft und der Kommunistischen Internationale. Noch 1928 schrieb Stalin: „dass es ein Narrenstreich wäre, den Kulaken zu expropriieren“. Doch der erste 5-Jahres-Plan, die mittelfristigen Zielsetzungen der sowjetischen verbürokratisierten Planwirtschaft, sah eine rasche Industrialisierung und die Kollektivierung von 20 % der Bauernhöfe bis 1933 vor. Die politische Grundlage für dieses Programm war die „Ausrottung der Kulak*innen als Klasse“, die mit unzähligen Todesopfern und der Deportation von mehr Familien, als das statistische Amt der Sowjetunion selbst als kulakisch bezeichnet hatte, vollzogen wurde. Man plante, die industrielle Produktion in nur einem Jahr um 50 % zu steigern – und am Ende des ersten Fünf-Jahres-Plan war es gelungen, das agrarische Russland in eine industrialisierte Sowjetunion zu verwandeln. Dazu hatte Stalin die Kritik der Vereinigten Opposition aufgegriffen, nach dem er die Kritiker*innen zerschlagen hatte. Ihr Programm wurde im zehnfachen Ausmaß und in der hundertfachen Grausamkeit durchgeführt.

Das Land war einer „Großen Wandlung“ unterzogen worden, und Stalin hatte sich ein neues Politbüro zusammengesucht: Verteidiger*innen des Status Quo, die darum stritten, wie der Diktatur ein möglichst menschliches Antlitz gegeben werden könne. Sogar den Oppositionellen Sinowjew und Kamenew wurde 1934 wieder erlaubt, öffentlich zu schreiben und zu sprechen. Doch dieser Phase der liberalisierten Stabilisierung folgte die innerparteiliche Auslöschung der Internationalist*innen, der alten Bolschewiki und jeder Opposition, nachdem im Dezember 1934 das Politbüromitglied Kirow in Leningrad ermordet wurde. Die unruhige Stimmung und der Unmut gegen die politische und soziale Unterdrückung war soweit fortgeschritten, dass Jugendliche zu den Waffen gegriffen hatten.

Die Repression richtete sich zunächst wieder gegen die ehemaligen Oppositionellen, aber auch gegen die Vereinigung der „alten Bolschewiki“ die schon in der Oktoberrevolution gekämpft hatten. Auch Wissenschafter*innen und akademische Einrichtungen wurden einer strengen Zensur unterzogen. 1936-38 kam es schließlich zu den großen Schauprozessen, in denen Sinowjew, Kamenew, Pjatakow, Rykov, Tomski, Bucharin, Marschall Tuchatschewski und sogar der Organisator des ersten Schauprozesses, Jagoda, nach offensichtlicher Folter krude Geständnisse von sich gaben und verurteilt worden. Auch die Außenpolitik der Sowjetunion konzentrierte sich schon lange nicht mehr auf die Ausweitung der Revolution, legte aber ein Augenmerk auf die Zerschlagung der sozialistischen Opposition. So wurde beispielsweise in Norwegen interveniert, um Trotzkis Asylstatus aufzuheben. Stalins ständig wechselnde Clique sicherte ihre Macht durch eine Umwälzung der wirtschaftlichen Rahmenbedingungen und eine unerbittliche politische Repression.

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In Deutschland war indes Hitlers NSDAP an die Macht gekommen, und die Kommunistische Internationale wies die KPD an, nicht mit der SPD dagegen anzukämpfen. Stattdessen wurde eine These von Stalin aus dem Jahr 1924 aufgegriffen, in der er die Sozialdemokrat*innen als „Zwillinge“ der Faschist*innen bezeichnete („Sozialfaschismus“). Die verweigerte Zusammenarbeit mit den Sozialdemokrat*innen verhinderte den koordinierten Widerstand der Arbeiter*innenbewegung gegen den Faschismus.

Diese „Todsünde“, den Faschismus in Deutschland quasi widerstandslos an die Macht ziehen zu lassen, wurde aber weit in den Schatten gestellt. Von 1939 bis 1941 befand sich die Sowjetunion in einem Nicht-Angriffspakt mit Hitler-Deutschland, dem Molotow-Ribbentrop-Pakt (bekannt als Hitler-Stalin-Pakt). Dessen Zusatzprotokolle legten sogar die Aufteilung Polens nach dem Überfall Deutschlands fest, ein institutionalisierter Verrat an den Arbeiter*innen Russlands, Polens, Deutschlands und weltweit. Erst als die Wehrmacht auch Russland angriff, schwenkte Stalins Außenpolitik wieder einmal – und er suchte das Bündnis mit den imperialistischen Großmächten. Damit einher ging die Politik der Volksfront, bei der gemeinsam mit offen bürgerliche Kräfte von den Parteien der Kommunistischen Internationale bürgerliche Regierungen unter dem Vorwand einer „antifaschistschen“ Einheit gebildet wurden – wie in Spanien und Frankreich. Somit war der Kampf gegen den Faschismus aber keiner mehr gegen seinen Nährboden, den Kapitalismus. Erneut wurden die Klassenlinien von Stalins Anhänger*innen systematisch überschritten, um das bestehende System der Sowjetbürokratie zu schützen.

Der Zweite Weltkrieg war für die Sowjetunion die größte Herausforderung seit der Oktoberrevolution. Stalins Säuberungen und Schauprozesse hatten die militärische Führungsebene massiv reduziert, die meisten qualifizierten Marschälle saßen im Gulag oder waren tot. Doch die arbeitende Bevölkerung mobilisierte alle ihre Kräfte unter der Bedrohung des Nazi-Terrors in den besetzten Gebieten. Ganze Industrien wurden abgebaut und hinter die Frontlinien geschafft, eine schlecht versorgte (aber dank der Industrialisierung wenigstens ausgerüstete) Rote Armee widerstand den deutschen Angriffen, jedoch unter großen Verlusten. Stalin selbst wird die Strategie der „tiefen Verteidigung“ zugerechnet, mit der immer wieder Siege über die Wehrmacht in scheinbar aussichtslosen Situationen errungen werden konnten. Aber auch die Hilfslieferungen der Alliierten trugen zur erfolgreichen Verteidigung der Sowjetunion bei – und waren an klare Zugeständnisse geknüpft. Für eine umfassende Darstellung des Zweiten Weltkrieges und der Rolle Stalins fehlt hier der Platz – gesagt werden muss, dass die Sowjetunion in Stalingrad den ersten entscheidenden Sieg gegen die Wehrmacht errang, Unterstützung von den imperialistischen Alliierten mangelhaft kam und auch, dass die Rote Armee es war, die Auschwitz befreite.

Stalin, Roosevelt, Churchill 1943

Stalin, Roosevelt, Churchill 1943

Doch die Zusammenarbeit mit den Klassenfeind*innen aus Frankreich, England und den USA präsentierte denen die sie als notwendig verteidigten bald eine gesalzene Rechnung. Als die kommunistischen Partisan*innen in Griechenland von den britischen Besatzer*innen massakriert wurden, verlor die russische Medienlandschaft kein Wort darüber – Stalin und Molotow ließen es geschehen. Während Stalin gegen das japanische Regime Rachegelüste für die Niederlagen des russischen Zarismus 1905 anklingen ließ verlangte er von den chinesischen Kommunist*innen, sich der bürgerlichen Kuomintang unterzuordnen – von denen sie in der Folge auch verfolgt und in Massen ermordet wurden. Sowohl die Volksfront als auch die „Koexistenz“ mit dem Imperialismus endete immer wieder in Massakern an den Arbeiter*innen.

Die sowjetische Außenpolitik nach 1945 war geprägt von der Zusammenarbeit mit Kapitalist*innen, Konservativen und Imperialist*innen auf der einen Seite. Auf der anderen Seite sicherten sich die jeweiligen kommunistischen Parteien vor allem in den osteuropäischen Ländern die Ministerien des Repressionsapparates und führten bürokratische „Revolutionen“ durch, die die Länder unter die sowjetische Einflussnahme stellten. Auch Russland wurde mehr als noch bisher zum Polizeistaat. Neben dem Machtkampf mit den abtrünnigen „titoistischen“ Stalinist*innen, denen 1949 eine Reihe von Schauprozessen und Hinrichtungen gewidmet wurden richtete sich Stalins Konsolidierung vor allem gegen unterdrückte Schichten wie Frauen, Homosexuelle aber auch Jüdinnen und Juden. Viele antisexistischen Errungenschaften der Oktoberrevolution – Legalisierung von Homosexualität, vereinfachtes Scheidungsrecht, Förderung von Frauen – wurde zugunsten des Bildes der „Mutter der Nation“ aufgegeben. Der stalinistische Antisemitismus gegen die „heimatlosen Kosmopolit*innen“ nährte sich aus dem Bündnis mit der russisch-orthodoxen Kirche und antisemitischen Ausfällen innerhalb der Partei. Sie gipfelte in einem Verschwörungsvorwurf 1953 gegen jüdische Mediziner*innen.

Schon bald danach endete Stalins Herrschaft mit seinem Tod 1953, und es endet auch Deutschers Buch hier.

Seine Darstellung von Stalins Leben und Wirken ist eine großartige politische Biografie, die persönliches Schicksal mit den politischen Gegebenheiten verflicht und es schafft, den Einfluss der materiellen Grundlage des Sowjetstaates auf die Entwicklung seiner bürokratischen Elite darzustellen. Stalins Erbe bleibt indes unvergessen: Die zusammengebrochene Sowjetunion war die Munition für Generationen von Antikommunist*innen, die in der kalten Diktatur die Möglichkeit sahen, den Marxismus zu diffamieren. Tatsächlich war es das stalinistische Russland, das unzählige Kommunist*innen und revolutionäre Oppositionelle ermorden ließ. Auch wenn es sich um einen Staat handelte, der die Kapitalist*innenklasse entmachtet hatte und die Möglichkeit für eine neue Gesellschaft zur Grundlage hatte war es doch eben dieser Staat, der ein riesiges Hindernis auf dem Weg dorthin darstellte. Stalins Rolle darin steht symbolisch für Vieles, was der Idee vom weltweiten Sozialismus im Wege steht.