100 Jahre Erster Weltkrieg: Sozialismus oder Barbarei

Artikel von Hannes Hohn, Gruppe Arbeitermacht (Sektion der LFI in Deutschland)

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Die Barbarei des Imperialismus

Als Rosa Luxemburg gegen den Revisionismus Bernstein polemisierte, wies sie auch auf die Tendenz zur Militarisierung hin und warnte davor, dass die Krisen und Konflikte im Kapitalismus sich vertiefen und zum Krieg führen würden. Nur wenige Jahre später, am 4. August 1914, begann dann der Erste Weltkrieg, der viele Länder in den Strudel der Vernichtung zog. Ein bis dahin nicht gekanntes Massensterben begann.
Doch selbst das sollte noch vom Zweiten Weltkrieg übertroffen werden, als der durch die Niederlage geschwächte deutsche Imperialismus erneut versuchte, diesmal mittels des Faschismus, die Weltherrschaft zu erobern. Zwar unterlag er 1945, doch auf seinen Trümmern entstand eine reaktionäre Nachkriegsordnung aus dem kapitalistischen Westen und dem nichtkapitalistischen Osten. Über Jahrzehnte gelang es dem Reformismus – im Westen die Sozialdemokratie, im Osten der Stalinismus – den Kampf der Arbeiter*innenbewegung zu kontrollieren und alle revolutionären Chancen zu vereiteln.
Als dann 1990 der Stalinismus kollabierte, wurde die Welt wieder kapitalisiert. Das Ende der Block-Konfrontation und die Globalisierung deuteten viele Ideolog*innen als Beginn einer friedlichen und prosperierenden Welt. Doch die allgemeine Krise seit 2007/8 und die vielen „kleinen“ Konflikte und Kriegsherde entlarven diese Ansichten als Illusionen. Im Gegenteil: der Kampf um die Ukraine oder der Aufstieg Chinas zur imperialistischen Großmacht zeigen, dass die Welt zwischen den imperialistischen Ländern und Blöcken umkämpfter denn je ist und eine Neuaufteilung immer zwingender wird. Auch wenn ein Dritter Weltkrieg momentan nicht zu drohen scheint, so stauen sich immer mehr Konflikte an, die künftig sogar wieder zu einem solchen Großkonflikt führen könnten.

Imperialismus und Krieg

Kriege sind im Kapitalismus unvermeidbar. Sie sind letztlich Ausdruck der kapitalistischen Produktionsweise, die immer stärker über den nationalen Markt hinausdrängen muss und Anteile am Weltmarkt braucht. In der imperialistischen Epoche ist diese Tendenz noch stärker ausgeprägt. Die viel tiefere internationale Verflechtung der Produktion, der Wissenschaft und der Kommunikation, die immer größer werdenden produktiven Kapazitäten führen zu immer aggressiverer Konkurrenz um Absatzmärkte, Ressourcen und Einflusssphären – umso mehr in einer Welt (fast) ohne Kolonien, wo früher der Einfluss der verschiedenen Imperialismen noch „geregelt“ war. Heute dringen die stärksten Kapitale in jeden Winkel des Weltmarkts, um einen Extra-Profit heraus zu schlagen. Doch die Phase der Globalisierung, als mit China und dem Ostblock ein riesiger Weltmarktanteil für die kapitalistische Verwertung neu hinzukam, ist vorbei. Mehr solcher neuer lukrativer Riesen-Märkte gibt es nicht mehr. Der Streit um die vorhandenen Pfründe wird daher umso erbitterter geführt.

Französischer Gasangriff in Flandern

Französischer Gasangriff in Flandern

Krieg in der Ära des Imperialismus ist geprägt durch die Unterordnung der gesamten Gesellschaft unter die Bedürfnisse des Krieges, den geballten Einsatz von Wissenschaft und Technik zur massenhaften Vernichtung von Menschen und Ressourcen des Gegners. Im Ersten Weltkrieg wurde das französische Verdun zu einem ersten blutigen Symbol für den zermürbenden Stellungskrieg und die monströsen Materialschlachten dieses Krieges. Für einige Meter Geländegewinn starben vor Verdun über 700.000 Soldaten. Die Verwendung von Gas an der Westfront war der erste Einsatz von industriellen Massenvernichtungsmitteln in einem Krieg.

In den bürgerlichen Medien wird heute diskutiert, wie es im „Zeitalter der Zivilisation“ zu einem solchen Ausbruch von Gewalt kommen konnte. War der Erste Weltkrieg nur Ergebnis unglücklicher politischer Konstellationen oder von „Überreaktionen“ der Politiker und der Generalität? Welche Schuld am Krieg hatte das deutsche Kaiserreich?

Vorabend

Die Jahre vor 1914 waren Jahre überhitzter internationaler Beziehungen. Der Wettlauf um Kolonien und Einflussgebiete war beendet, die Welt war unter den imperialistischen Großmächten aufgeteilt. Als „Spätstarter“ konnte sich Deutschland jedoch weniger Kolonien aneignen als seine Hauptkonkurrenten Britannien und Frankreich.
Das Deutsche Reich nahm nach 1871 – dem Sieg gegen Frankreich und der Reichseinigung von oben – einen immensen wirtschaftlichen Aufschwung. Doch mit nur wenigen Kolonien war eine weitere ökonomische Expansion des deutschen Kapitals nur noch möglich, wenn die Welt neu aufgeteilt würde. Der Gewinn neuer Anlagemöglichkeiten, neuer Ausbeutungspfründe und Absatzmärkte war nur noch auf Kosten der imperialistischen Widersacher möglich.

Attentäter Gavrilo Princip

Attentäter Gavrilo Princip

Die Ermordung des österreichischen Thronfolgers Erzherzog Ferdinand durch serbische Nationalisten in Sarajevo wurde schließlich zum Auslöser des Krieges. Die imperialistischen Mächte hatten mit Verträgen und der Einbindung in politisch-militärische Blöcke ihre Einflussgebiete abgesteckt und sich Verbündete gesichert. Allen Beteiligten war bewusst, dass die internationale Entwicklung, dass die weltweite Konkurrenz zum Krieg führen konnte, ja musste. So war es nur folgerichtig, dass der Kriegseintritt Österreichs einen Dominoeffekt auslösen und der Krieg schnell europäische, ja globale Dimensionen annehmen musste.
Ob die Führungselite des deutschen Kaiserreichs den Krieg bewusst herbeigeführt hat oder nur in ihn „hineingezogen“ wurde, ist schon insofern irrelevant, als völlig klar war, dass dem Verbündeten Österreich geholfen werden musste, wenn man nicht selbst im imperialistischen Kräftespiel an Boden verlieren wollte. Eine Niederlage Österreichs auf dem Balkan hätte automatisch dazu geführt, dass dort der Einfluss Russlands zunimmt. Darunter hätten auch die Ambitionen Deutschlands in dieser Region und deren Hinterland gelitten. Dass das deutsche Kaiserreich ein starkes Interesse am „Hinterland“ des Balkans hatte, wurde schon vor 1914 z.B. am Bau der Bagdad-Bahn deutlich. Auf deren Gleisen rollten nicht nur gutbetuchte Fahrgäste, sondern auch deutsches Kapital ins Morgenland.
Der Konflikt zwischen Österreich und Russland/Serbien war zugleich eine willkommene Gelegenheit für das wilhelminische Deutschland, im Westen Frankreich zu schlagen und dessen Stellung in der Welt wie auch die hegemoniale Position Britanniens zu schwächen. Im Osten lockten die russischen Weiten mit ihren Kornkammern und Bodenschätzen.
Es ist bezeichnend, dass die „Begründungen“ der deutschen Eliten für den Kriegseintritt von 1914 denen sehr ähnelten, die später ein zentraler Teil der Nazi-Ideologie waren: die Mär vom „Volk ohne Raum“, vom „Platz an der Sonne“ oder die rassistische Lüge von den kulturell „minderwertigen Rassen“ des Ostens usw.

Sozialdemokratie und Krieg

Die in der Zweiten Internationale organisierten sozialdemokratischen Parteien hatten schon vor 1914 beschlossen, bei Ausbruch eines Krieges zwischen den imperialistischen Ländern für die Beendigung des Krieges einzutreten – allerdings ohne die einzelnen Parteien zu konkreten Aktionen zu verpflichten.
Als es dann jedoch so weit war, „vergaß“ man diese hehren Vorsätze und stellte sich jeweils hinter die eigene Bourgeoisie. Auch die SPD unterwarf sich der „Burgfriedenspolitik“, d.h. der Absage an jeden Klassenkampf gegen die eigene Bourgeoisie, solange diese das „Vaterland“ verteidigt. Unter dem Vorwand des Kampfes gegen das zaristische Russland, dem „Hort der europäischen Reaktion“, stimmte man dann im Reichstag für die Bewilligung der Kriegskredite.
Dass dabei zunächst auch der linke SPD-Abgeordnete Karl Liebknecht aus Parteidisziplin zustimmte, zeigt, wie unsicher selbst entschiedene Internationalist*innen wie er angesichts der Alternative „Programm oder Parteidisziplin“ waren. Doch Liebknecht änderte seine Haltung sehr schnell, stimmte beim nächsten Mal dagegen und wurde neben Rosa Luxemburg der entschiedenste und bekannteste Kriegsgegner in Deutschland.
Liebknechts Losung „Der Hauptfeind steht im eigenen Land“ bedeutete nicht etwa, dass er die ausländischen Bourgeoisien nicht als Feind angesehen hätte; sie war aber v.a. eine klare Orientierung darauf, mit der Burgfriedens-Politik zu brechen und den Klassenkampf gegen die eigene Bourgeoisie zu führen – selbst auf die Gefahr der Niederlage des eigenen Landes.
Doch wie kam es überhaupt dazu, dass die SPD die Interessen des Proletariats verriet und zuließ, dass sich Millionen Arbeiter an den Fronten gegenseitig umbrachten?!
Der wachsende Einfluss der SPD, die wachsende Zahl von Mitgliedern und Wähler*innen sowie das Erstarken der Gewerkschaften waren von neuen Tendenzen begleitet: Erstens bildete sich eine Arbeiteraristokratie heraus, die sozial besser gestellt war als der Rest der Klasse. Diese „Bestechung“ eines Teils der Klasse war dauerhaft möglich, weil das imperialistische Kapital einen Teil seiner Extraprofite, die es aus seiner dominanten Stellung auf dem Weltmarkt bezog, dafür „abzweigten“ konnte.
Zweitens entwickelte sich innerhalb der SPD eine immer einflussreichere ideologische Strömung, die es als möglich ansah, dass die SPD über Wahlerfolge permanente Reformen durchsetzen und so den Kapitalismus gleichsam schrittweise in den Sozialismus überführen könnte. Einer ihrer Wortführer war Eduard Bernstein, der dabei die revolutionäre Konzeption von Marx revidierte. Die soziale Basis dieses „Revisionismus“ war v.a. die in den Gewerkschaften organisierte Arbeiteraristokratie und der Gewerkschaftsapparat.
Mit den Erfolgen der SPD entstand drittens eine Arbeiterbürokratie, d.h. der Partei- und Gewerkschaftsapparat, die Funktionsträger*innen und Abgeordneten der SPD. Ihre soziale Stellung erlaubte ihnen durchaus, auch innerhalb des kapitalistischen Systems und ganz ohne Revolution einigermaßen gut zu leben. Ja, sie sahen ihre Stellung und ihre Strategie stetiger Reformen durch eine Revolution sogar – und zu recht – gefährdet.
Bereits vor 1914 analysierte und kritisierte Rosa Luxemburg die Bernstein-Linie. Doch im Unterschied zu Lenin, der erst später als Rosa Luxemburg das ganze Ausmaß der politischen Degeneration der SPD sah, war Rosa Luxemburg zu inkonsequent, eine organisierte innerparteiliche Opposition zu bilden.
Sie glaubte immer noch daran, dass die SPD reformiert und die reformistische Spitze ersetzt werden könnte. Diese Erwartung resultierte auch aus ihrer zu starken Betonung des Elements der Spontaneität der Klasse und der Unterschätzung der Bedeutung einer eigenständigen Organisierung von revolutionären Marxist*innen, sei es zunächst in Gestalt einer Fraktion in der SPD oder in Form einer eigenständigen Partei.

Krieg und Revolution

Rosa Luxemburg

Rosa Luxemburg

Vor dem Ersten Weltkrieg war der Flügel um Luxemburg innerhalb der SPD und innerhalb der Arbeiter*innenklasse eben kein organisierter politischer Pol, keine Fraktion, die – offen und mit einer programmatischen Perspektive ausgerüstet – die reformistische Führung der SPD in einem innerparteilichen Kampf herausgefordert hätte. Während des Ersten Weltkrieges kam Luxemburg und anderen das große Verdienst zu, die bewusstesten Teile der alten Sozialdemokratie um eine marxistische Strömung – die Gruppe Internationale (Spartacus-Gruppe) zu sammeln.
Wegen Inkonsequenzen und Versäumnisse vor dem Ersten Weltkrieg wurde die Spartacus-Gruppe (später Spartacusbund) um Luxemburg und Liebknecht jedoch erst 1918 zum Attraktionspol für Revolutionär*innen, für Kriegsgegner*innen und einen Teil der kämpferischen Vorhut der Klasse.
Als Lenin 1915, inmitten des europäischen Blutbades, sein Buch „Der Imperialismus als höchstes Stadium des Kapitalismus“ schrieb, vertrat er darin die These, dass das imperialistische Zeitalter eine Ära ist, die mit Kriegen und Revolutionen schwanger geht, was sich 1917 mit der russischen Revolution bald bewahrheiten sollte.
Doch es gab ein grundlegendes Problem, vor dem die europäische Arbeiter*innenbewegung stand: Ihr fehlte eine revolutionäre Führung, die den Kampf gegen den Krieg – gegen das Massenmorden an den Fronten wie gegen das Massenelend im Hinterland – mit dem Kampf gegen die Bourgeoisie als Klasse verbinden und zum Sturz des Systems führen konnte.

Karl Liebknecht

Karl Liebknecht

Die revolutionären, marxistischen Linken in der Antikriegsbewegung – Lenin, Trotzki, Luxemburg, Liebknecht u.a. – versuchten, einen solchen organisierten revolutionären Flügel zu formieren. Im September 1915 bildete sich die nach dem Schweizer Ort ihres Treffens benannte „Zimmerwalder Linke“. Ihr zweites Treffen fand im April 1916 in Kiental statt. Innerhalb der „Zimmerwalder“ reichten die Positionen von Pazifismus (Ablehnung des Krieges und Kampf dagegen, für sofortigen Frieden ohne Annexionen usw.) bis zu revolutionären Positionen (Umwandlung des Krieges in einen revolutionären Bürgerkrieg zum Sturz der Bourgeoisie).
Diese letztere, einzig konsequente Position – die des revolutionären Defätismus – vertrat anfangs nur Lenin. Sie bedeutet einerseits, dass keine imperialistische Macht im Krieg unterstützt wird. Andererseits ist darin aber auch die Position enthalten, den Klassenkampf gegen die eigene Bourgeoisie zu führen und ihn in einen Bürgerkrieg, in einen Kampf um die Macht gegen die „eigene“ herrschende Klasse weiter zu entwickeln – selbst auf die Gefahr hin, dass das „eigene“ Land deshalb den Krieg verliert.
Der „Zimmerwalder Linken“ gebührt das Verdienst, einen klaren politischen Kontrapunkt gegen den Sozialchauvinismus der Sozialdemokratie gesetzt zu haben. Dabei ist auch bemerkenswert, dass man zwar zum gemeinsamen Kampf mit Kriegsgegner*innen auch aus dem (links)bürgerlichen und dem reformistischen Lager bereit war, es jedoch richtigerweise ablehnte, eine gemeinsame politisch-programmatische Plattform oder gar eine Organisation mit linken Bürgerlichen, Pazifist*innen, Reformist*innen usw. zu bilden. Die erst einige Jahre später in der Kommunistischen Internationale (Komintern) systematisch formulierte Einheitsfrontpolitik scheint hier methodisch schon auf.
Zimmerwald war ein wichtiger Schritt in Richtung der dann 1919 gegründeten 3. (kommunistischen) Internationale. Dass die Komintern rasch wuchs und großen Einfluss unter Millionen Arbeiter*innen erlangte, lag natürlich wesentlich daran, dass die Bolschewiki in Russland eine erfolgreiche Revolution angeführt hatten. Doch das war der Partei Lenins eben nur deshalb möglich, weil sie jederzeit eine konsequente Antikriegspolitik in Form des revolutionären Defätismus verfolgt und jede Abweichung davon zugunsten irgendwelcher Bündnispartner oder der Aussicht, mitzuregieren, abgelehnt hatte.
Die Durchsetzung dieser Position in den Bolschewiki vor 1917 war phasenweise mit einem scharfen innerparteilichen Kampf gegen jene Teile der Parteiführung verbunden, die diese revolutionäre Konsequenz vermissen ließen und sich einer sozialpatriotischen Position anpassten. Die scharfe Kritik Lenins an der Redaktion der Parteizeitung „Prawda“, zu der auch Stalin gehörte, zeugt davon.

Welche Art Antikriegspolitik?

Vergleicht man das Herangehen Lenins damals mit dem Agieren jener europäischen Linken, die sich selbst als revolutionär, marxistisch oder trotzkistisch bezeichnen heute, so fällt auf, dass ein großer Teil von ihnen klassenübergreifende Antikriegsbündnisse unkritisch unterstützt oder sogar selbst initiiert und sich dabei politisch/programmatisch an kleinbürgerliche oder reformistische Formationen und Ideologien anpasst.
Solche Projekte ordnen das Proletariat und seinen Klassenkampf den Interessen des Kapitals unter und versuchen – anstatt das Proletariat und die Antikriegsbewegung zu effektiven Kampfaktionen zu mobilisieren -, den „friedlicheren, humaneren, vernünftigeren“ Flügel der Bourgeoisie zu unterstützen oder zu gewinnen. Das ist dann meist die Sozialdemokratie oder auch der eigene Staat, wenn der sich gegebenenfalls einmal gegen die Aggressionspolitik eines imperialistischen Konkurrenten wendet. Das war z.B. beim zweiten Irak-Krieg der Fall, als Deutschland und ein großer Teil der EU-Staaten sich formell gegen die Aggression Bushs stellten – was allerdings nicht hieß, dass sie sich aktiv dagegen stellten.

Perspektiven des Klassenkampfes

Für Lenin hingegen war Antikriegshaltung nie gleich Antikriegshaltung. Nach dem Motto „Gemeinsam schlagen, getrennt marschieren“ machte man trotz praktischer Zusammenarbeit keine Abstriche an der eigenen Programmatik und an der Kritik an anderen.
Während große Teile der Linken heute ihre Politik (nur) darauf ausrichten, den Krieg zu beenden, behielten die Bolschewiki damals zugleich im Auge, dass der Krieg auch die Massen gegen das kapitalistische System aufbringt, dass der Krieg zugleich auch eine Erschütterung des Systems ist und insofern auch den Klassenkampf antreibt und revolutionäre Chancen eröffnet.
Doch nicht nur die russische Revolution, auch die Ereignisse in Deutschland selbst sind Belege dafür, wie richtig diese revolutionäre Hartnäckigkeit war.
Der Erste Weltkrieg zeigt sehr deutlich, dass er viel stärker als früher ein Krieg der Ökonomie war. Artillerie und Maschinengewehre waren entscheidend, Panzer und Flugzeuge wurden immer wichtiger. Da es Deutschland nicht gelungen war, wie im „Schlieffen-Plan“ vorgesehen, an der Westfront zu siegen, bevor Russland seine Mobilisierung abgeschlossen hatte, geriet man in den gefürchteten Zweifrontenkrieg. Damit waren die „Mittelmächte“ um Deutschland und Österreich der „Entente“ um England, Frankreich und Russland klar unterlegen, was die wirtschaftlichen und militärischen Ressourcen anging. Als 1917 auch noch die USA eingriffen, war der Ausgang des Krieges dann endgültig klar.
Doch neben der „imperialistischen Lösung“ des Krieges, dem Sieg einer imperialistischen Seite, zeichnete sich gegen Ende des Krieges immer stärker auch eine andere Lösung am Horizont ab: die Beendigung des Krieges durch den Sturz des Kapitalismus durch das Proletariat. War diese Perspektive realistisch – immerhin waren 1914 auch Arbeiter jubelnd an die Front gegangen? War die 1917 in Russland ausgebrochene Revolution nicht doch nur aus den besonderen Bedingungen dieses Landes erklärbar?

Revolutionäre Zuspitzung

„Jännerstreiks“ in Österreich 1918

Ab 1916 verschlechterte sich die Lage der Massen in Deutschland rapide. Hunderttausende waren bereits gefallen, an der „Heimatfront“ wurde gehungert und die Ausbeutung in der Rüstungswirtschaft nahm stark zu. Es gab immer mehr und größere Streiks in den Rüstungsbetrieben, die nicht nur ökonomische und Alltagsforderungen aufstellten, sondern auch immer mehr zu Manifestationen gegen den Krieg wurden. In diesen Streiks bildete sich auch jene Vorhut von Arbeiter*innen heraus, die dann während der Novemberrevolution 1918/19 in Gestalt der „Revolutionären Obleute“ nicht nur den Kern der revolutionären Arbeiter*innenbewegung darstellte, sondern auch der Abtrennungsbewegung von der SPD. Sie organisierten sich zum großen Teil in der USPD bzw. später in der KPD.
Die Abspaltungen von der SPD und das Entstehen einer revolutionären Arbeiter*innenpartei, der KPD, verweisen auf das vorhandene und sich entwickelnde revolutionäre Potential. Die mit dem Weltkrieg verbundenen ungeheuren Opfer und Entbehrungen für das Proletariat und die Massen führten in mehreren Ländern zu einer revolutionären Situation.
Doch nur in Russland gab es mit den Bolschewiki eine organisierte revolutionäre Klassenführung, die während der Monate der Revolution in der Lage war, sich gegen reformistische und zentristische Konkurrenten die Führung der Massen zu erkämpfen, die Macht zu ergreifen, zu behaupten und zu beginnen, eine neue Gesellschaft aufzubauen.
In Deutschland hingegen entstand diese Führung – die KPD – erst mitten im Feuer der Revolution zur Jahreswende 1918/19. Doch sie war weder hinsichtlich ihrer Größe und Verankerung in der Klasse noch hinsichtlich ihrer politischen Reife stark genug, um die deutsche Revolution gegen die Konkurrenz der reformistischen SPD Eberts und der zentristischen USPD Kautskys zum Sieg zu führen. So gelang es der sozialdemokratischen Führung um Ebert und seinen Bluthund Noske, die deutsche Revolution zu stoppen – anstatt des Sturzes des Kapitalismus blieb es beim Sturz des Kaisers.
Weit über Deutschland hinaus bedeutete die verräterische Politik der SPD wie die Inkonsequenz der USPD Kautskys, dass Sowjetrussland isoliert und von den immensen ökonomischen Ressourcen Deutschlands isoliert blieb. Die hauptsächlich von der SPD zu verantwortende Niederlage der deutschen Revolution war ein entscheidendes Moment für das Steckenbleiben der Weltrevolution und die spätere Degeneration der Sowjetunion nach dem Aufstieg der Bürokratie unter Stalin.

Nach dem Krieg ist vor dem Krieg

Hinrichtung eines Spartakisten der Münchner Räterepublik

Hinrichtung eines Spartakisten der Münchner Räterepublik

Die im Gefolge der abgewürgten deutschen Revolution und nach der Niederlage im Krieg entstandene Weimarer Republik war ein Gesellschaftsgebäude, das durch Wirtschaftskrise, Inflation und die Reparationsverpflichtungen Deutschlands gegenüber den imperialistischen Siegermächten permanent unterhöhlt und von heftigen Klassenkämpfen in seinen Grundfesten erschüttert wurde. Die von der Novemberrevolution nicht gelöste Systemfrage, die Frage, welche Klasse der Gesellschaft ihren Stempel aufdrückt, brach immer wieder auf: in Form der Machtergreifung der Arbeiter*innenklasse in mehreren Räterepubliken 1919, von denen die Münchner Räterepublik die bedeutendste war, 1920 im Generalstreik gegen den Kapp-Putsch und den darauf folgenden bewaffneten Kämpfen im Ruhrgebiet, 1921 in Mitteldeutschland sowie 1923 in den „Arbeiterregierungen“ in Sachsen und Thüringen.
Die Entwicklung kulminierte schließlich 1933. Als Hitler die Macht übernahm, zerschlug er die bürgerliche Demokratie und die Arbeiter*innenbewegung und versuchte erneut, das zu erreichen, was im Ersten Weltkrieg nicht gelungen war: Deutschland zur hegemonialen Macht Europas zu machen. Der imperialistische Frieden von 1918 erwies sich nur als Vorspiel für den Zweiten Weltkrieg.
Welche Lehren können wir heute aus dem Ersten Weltkrieg ziehen? Erstens, dass der Imperialismus ein System ist, das von Krisen und Konkurrenz im globalen Maßstab geprägt ist und deshalb immer wieder zu einer Neuaufteilung der Welt drängt, die permanent zu Kriegen führt. Zweitens ist der Reformismus keine Kraft, die effektiv gegen Imperialismus und Krieg, geschweige denn gegen den Kapitalismus kämpft. Daraus folgt drittens, dass dieser Kampf, dass der Klassenkampf des Proletariats gegen Krise und Krieg einer international koordinierten Führung bedarf, einer neuen, der 5. Internationale.
Welche Wirkungen eine solche internationale Struktur hätte, erwies sich z.B. vor dem zweiten Irak-Krieg, als 2003 nach einem Aufruf des Sozialforums in Florenz weltweit über 20 Millionen auf die Straße gingen. Und wie viel effektiver als das damalige Sozialforum und sein informeller Charakter könnte eine solche organisierte revolutionäre Struktur sein, die sich auf die Arbeiter*innenklasse und deren ökonomische Kampfkraft stützt?!