„Where pride began“ – Geschichte des Christopher Street Day und zunehmende Kommerzialisierung

Die Geschichte der Pride Parade beginnt 1969 in der Christopher Street, New York. Gewalttätige Razzien, besonders im Lesben- und Schwulenviertel Greenwich Village, waren zu dieser Zeit eine gängige Vorgehensweise der Polizei. Dabei wurden die Personalien der Besucher_innen aufgenommen (und oft anschließend in der Presse veröffentlicht!), sie wurden beleidigt und nicht selten auch verhaftet oder wegen „anstößigem Verhalten“ angezeigt (darunter fiel z.B. Händchen halten, Küssen, Tragen von „Kleidung des anderen Geschlechts“, oder auch nur das Besuchen einer bestimmten Bar). So auch am 28.Juni. 1969 im „Stonewall-In“. Doch an diesem Tag eskalierte die Situation, als sich in der Bar eine große Gruppe von Homosexuellen und Transgendern der Verhaftung widersetzte und sich gegen die Willkür und Demütigung der Polizei auflehnte. Daraufhin lieferten sich die Aufständischen tagelang blutige Straßenschlachten mit der Polizei – der Stonewall-Aufstand gilt als die Geburt der Schwulen- und Lesbenbewegung. Ein Monat später gründete sich die Gay Liberation Front, die im darauffolgenden Jahr den Marsch zum Gedenken an den Stonewall-Aufstand organisierte. Ihm schlossen sich 5 000 – 10 000 Menschen an.

CSD heute

Der Christopher Street Day (auch „Regenbogenparade“, „Gay Pride“ oder „Pride Parade“) hat sich zu einer internationalen, fest verankerten Tradition entwickelt – erstmals abgehalten wurde der CSD in Deutschland im Jahr 1979 und in der Schweiz 1978 (in Österreich erst 1996). Er knüpfte hier zum Teil an die vorhergehenden größeren, aber nicht regelmäßig statt findenden, Demonstrationen für die Rechte von Homosexuellen an. Er war von Anfang an als politische Veranstaltung konzipiert und hatte klare politische Forderungen – teilweise ist das auch so geblieben. Zum Beispiel forderten die Teilnehmer_innen des CSD 2011 in Frankfurt die Erweiterung des Artikel 3 des Grundgesetztes (der Diskriminierung aufgrund von Geschlecht, Abstammung, „Rasse“, Sprache, Heimat und Herkunft, Glauben, religiösen oder politischen Anschauungen und Behinderung verbietet). Das Gesetz soll künftig auch Diskriminierung „wegen seiner sexuellen Identität“ verbieten.

Doch der CSD entfernt sich zunehmend von seinen Wurzeln als politische Veranstaltung. Mit Werbung großer Firmen auf den Festwagen, Gast-Auftritten von Lady Gaga (Roma Pride 2011), bunten Kostümen und viel Trubel, erinnert der Christopher Street Day heute mehr an einen Karneval als an eine Demonstration. Auch begannen schon 1997 Veranstalter des CSD in Berlin erstmals Wagengebühren für die Teilnahme zu verlangen – woraufhin sich eine alternative Parade formierte: der sogenannte „Transgeniale CSD“. Diese Parade befasst sich auch mit anderen sozialen Themen und versteht sich als Gegenveranstaltung zur Berlin Pride. Hier geht es nicht darum, eine gute Show zu bringen und sich zu verkaufen, sondern tatsächlich darum, sich für die Rechte Homosexueller ein zu setzen. Der offizielle CSD ist inzwischen auch schon, wie im Fall von Berlin, für die Tourismus-Branche interessant geworden – hunderttausende reisen zu diesem Event an. Auch die Gastronomie freut sich: die Straßenparty bringt den Getränkekonzernen Unmengen ein. So ist der CSD mehr ein Fest, bei dem man sich verkleidet und sich für Schaulustige als exotisches Wesen hervorputzt – was nur eine weitere Stigmatisierung von Homosexuellen bedeutet und die politischen Inhalte hinten anstellt.

Alternativen

Doch nicht nur in Berlin gibt es Gegeninitiativen zum kommerziellen CSD. Zum Beispiel hat sich in Köln die Aktion „queergestellt“ aus Kritik am CSD gegründet und organisiert seit 2003 einen eigenen CSD – denn der offizielle ist zu teuer, zu einseitig und zu unkritisch. So kritisiert „queergestellt“ auch die Verdängung der Forderung nach Akzeptanz unterschiedlicher Lebensformen durch das Streben nach bürgerlicher Anpassung.
Auch in Wien hat sich 2011 die „Vienna Shame“ formiert, eine Alternativveranstaltung zur Pride. „Hier geht es nicht um Partei- und Produktwerbung, um das Zur-Schau-Stellen für die Heter@welt, sondern um schillerndes Feiern der persönlichen Einzigartigkeit, die weder den hetero- noch homonormativen Vorstellungen entspricht.“ Kritikwürdig ist sicher der Individualismus, das „Feiern der persönlichen Einzigartigkeit“, doch hat die Vienna Shame eine gute und berechtigte Kritik an der kommerziellen Regenbogenparade.
Die zunehmende Kommerzialisierung des CSD bedeutet einerseits eine komplette Abkehr von der Tradition aus der dieser Gedenktag stammt, wie auch eine immer geringere Teilnahme von politisch bewussten Menschen, die meist an der alternativen Parade teilnehmen – sofern es eine in ihrer Stadt gibt.

– Ilona Szemethy